Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1920)
- Date
- 1920-01-23
- Page
- Seite 47 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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47 kein-Schnee gelegen, and 'inder-Erde warm kleine schwarze Löcher^ zu-sehen..' gelbesen.- Auch der Ast, der sich -in einem Halbkreis uberr dem Grabstein wölbte, tauchte w seiner Erinnerung auf; er suchte ihn mit seinen Blicken und fand ihn; der Ast hing jetzt voller Eiszapfen und -glitzerte wie ein Diadem. Plötzlich, setzte, sich der Zug in Bewegung. Niemand hatte das Signal zum Aufbruch gegeben; aber ihr Gesamtschicksal meldete seine Stunde, und sie horchten auf seinen Glockenschliag alle auf^emmal und alle zu gleicher Zeit. Als der lange Zug den Friedhof verließ, begann es zu schneien. Die Schneeflocken fielen wie weißer Flaum hernieder und legten sich aus die weißen Gewänder, auf die Sterbehemden, in denen die Männer einherging-en, und setzten sich fest an den schwarzen Kleidern der Frauen und tauchten so den ganzen Zug in blendendes Weiß. Lautlos bewegte sich der Zug der Weißen durch die . stillen Gassen. Eine stumme Ergebenheit lag in aller Mienen, und sie gingen ziemlich aufrecht. -- Die Not, die sie lange gebeugt, hatte wohl ihren Höhepunkt und damit ihre Machtgrenze überschritten und jene Schwere erlangt, die nur noch zermalmen, aber nicht mehr Niederdrücken kann. Im ganzen langen Zug, der sich ins Endlose zu dehnen schien, herrschte dieselbe lautlose Stille, dieselbe stumme Ergebenheit. Und wie ein Wunder mochte es einem anmuten, daß auf den Wegen, die der Zug der Schweigenden passierte, alle Gebräuche des Lebens schwiegen. Nur der Schnee flockte von oben sanft hernieder und knisterte sacht unter den Füßen. Bei einer Wegbiegunig warteten Dr. Riegler und viele andere der jüdischen Intelligenz auf den Zug der Verbannten. Unauffällig reihten sie sich in den Zug ein und marschierten mit. Der Zufall wollte es, daß sie mitten in die Reihen der Ehassidim gerieten. Aber heute fühlten die einen wie die anderen, daß sie zueinander gehörten. Es war ein gemeinsamer Weg, den sie zu gehen hatten, und sie gingen ihn gemeinsam. , Am Tor machte der Zug eine Wendung nach rechts und bog in die Franziskanergasse ein. Dort wohnte seit Jahren ein getaufter Jude, ein Sonderling, der Jud und Christ mit gleicher Hartnäckigkeit mied und ein recht einsames Leben führte. Jetzt stand er vor seinem Hause und hielt den Blick unverwandt auf den herannahenden Zug gerichtet. Und als die ersten Juden in den weißen Sterbekitteln an ihm vorübergingen, trat er einen Schritt vor, holte behend ein kleines Federmesser aus der Tasche und machte einen Riß in fein Oberkleid. Die Juden, die es sahen, waren erstaunt darüber und wußten nicht, was das zu bedeuten hätte. Zerreißt der getaufte Jude seine Kleider als Zeichen der Trauer, wie es die Juden bei einem Sterbefall tun? Oder will er ihnen damit andeuten, daß das Band zwischen ihm und ihnen endgültig zerrissen sei? .... Bald tat der getaufte Jude noch einen Schritt gegen den Zug zu, und dann noch einen Schritt, und dann noch einen, bis er schließlich mitten unter ihnen war und an ihrer Seite ging in gleichem Schritt und Tritt. Dieser neue Weggenosse rief unter den Exulanten zunächst Befremdendann aber auch eine gewisse Beunruhigung hervor. Man meldete dem Rabbi, daß der Getaufte mit im Zuge sei. Der Rabbi aber sagte: „Er will teilhaben an unserem Leid; laßt ihn!" So waren sie denn im Zuge alle beisammen, alle Juden der Stadt; selbst der getaufte war unter ihnen. -Nur ein. einziger war nicht im Zuge. Einer fehlte. Dieser eine war - Menachem. - * Wo war Menachem? Menachem der Schammes war im hockenden Häuschen verblieben: er konnte sich von der Letstube nicht trennen. Dreißig - Jahre 'lang, hat Menachem Mx der Äechrche/hGligMr Menst ' getan, dreißig.Jahre lang/hat er mit: rüihrmd-sr-TrMe für. sie gesorgt. Tagaus, tagein ist er als erster, -beim' Morgengrauen, über ihre heilige Schwelle getreten; als letzter, spät in der Nacht : hat er ihre heiligen Pforten geschlossen. Er hat für die Ordnung in ihrem Innern gesorgt, so vor wie nach den Gottesdiensten Tische und Betpulte in die gehörige Reihenfolge ge- \ bracht, an den Freitagabenden die Lichter angezündet und an Fest- und Feiertagen die heiligen Schränke und Tische mit! goldverzierten Samtvorhängen und Seidendecken geschmückt, i Biele hat Menachem kommen, viele gehen sehen; er. allein I blieb, denn er war der Schammes, der Diener, des Heiligtums.! Und er hatte die Betstube lieb, wie man ein einziges Kind lieb! hat, und er hatte eine ehrfürchtige Scheu vor ihr wie vor ' einer Mutter. Im Laufe der Jahre war er wie verwachsen - mit der Beistube, war ein Stück von ihrem Innern geworden, etwa wie der alte Almemor, wie der hundertjährige messingne Hängeleuchter. Und als der verhängnisvolle achte Tag kam, an dem die Gemeinde den Gang nach dem Ringplatz antreten mußte, da hielt ihn die Betstube fest, er konnte sich nicht losreißen. Bevor die Gemeinde auf den alten Friedhof sich begeben hatte, war Rabbi Dowber in die Betstube gekommen, itm Menachem zum Mitgehen zu bewegen. „Menachem," sagte der Rabbi, und seine Stimme bebte heimlich, „wir sind alle bereit, und du darfst allein hier nicht zurückbleiben. Denk' daran, Menachem, vielleicht versündigst du'dich damit, daß du dich vermissest, dem Verhängnis, das über uns allen schwebt, allein, ganz allein zu trotzen. Sei nicht starrsinnig, Menachem, und geh' mit uns/ „Rabbi, ich kann, nicht," entgegnete Menachem. „Dir kannst nicht," sagte darauf der Rabbi, und seine Stimme klang zärtlich. „Ich glaub' es dir. Meinst dir denn, daß wir es können, daß es uns ein leichtes ist, unsere heiligen Stätten, unsere Heime, unsere Stadt und die Stadtunserer Bäter zu verlassen? Wir können es, weil wir es müssen,-weil uns sonst Lebensgefahr droht. Und wo Lebengefahr droht, darf man selbst den Sabbat entweihen. ,Stelle dich nicht vor den. Ochsen hin, wenn der Satan ihm zwischen den Hörnern springt!' sagen unsere Weisen. Das heißt: meide den Ort der Gefahr. Und hier, droht Gefahr, .Menachem, überlege, also nicht lange und komm nxit uns!" . „Rabbi, ich will nicht," entgegnete Menachem. „Du willst nicht," sagte darauf der Rabbi und seine Stimme klang hart.' 4 gibt keinen' ^in-zelw'illen,' wd^ dör^Mille der Gemeinde entscheidet." Da feuchteten sich die Augen Menachems und er sprach: „Rabbi, wir leben jetzt im Kriege. Da gibt's Soldaten und Soldaten. Ter eine wird an die Front geschickt, der andere wird auf Posten gestellt. Und der Soldat, der Wache steht, bleibt fest. Mögen. Stürme kommen und Gefahren drohen - - den Posten, auf den ihn sein König gestellt, verläßt der Soldat nicht. Diese Betstube/Rabbi, das ist der- Posten, auf den mich der König aller Könige gestellt hat; und ich sollte ihn verlassen?" - Daraus wandte der Rabbi sein Gesicht ab und verließ schweigend die Gebetstube. Hernach kamen nacheinander Kalman Schhüte, Jankel Krummholz, Efriel Lamdan zu Menachem in die Betstube und suchten bald mit milden, bald mit strengen Worten ihn zu bewegen, die Betstnbe zu verlassen lind mitzngehen. Sie tonnten jedoch nichts ausrichten und. gingen betrübt von dannen. Menachem sagte immer nur „ich kann nicht" ober „ich will nicht" und ließ sich von seinem.Vorsatze, dazubleiben nicht abbringen.