Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1920)
- Date
- 1920-01-23
- Page
- Seite 42 (sequence 6)
- Language
- German
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42 . Zeichen einer sehr lebhaften antisemitischen Propaganda mehren sich fortwährend: insbesondere wird durch massenhaft verbreitete Flugblätter gegen die Juden gehetzt. Bei der im Volke ohnehin schon vorhandenen Erregung ist es erforderlich, daß nicht auch nach dieser Richtung hin Beunruhigung geschaffen wird. Die Polizeibehörden sind daher unter Hinweis auf die M.-V. vom 7. Juni 1919 (Staatsanzeiger Nr. 145) anzuweisen, dieser Erregung ihre volle Aufmerksamkeit zu schenken. Es ist wichtig, die Personen zu ermitteln, die derartige Flugblätter und AnkLebezettel Herstellen, aber auch die Personen, die diese Erzeugnisse ankleben oder sonst verbreitendamit in allen geeigneten Fällen Strafeinschreitung erfolgen kann. Auch die judenfeindliche Presse ist ständig geeignet zu beobachten. Etwaige besondere Beobachtungen auf diesem Gebiete sind in den Wochenberichten zu erwähnen. Gez.: Endres. * Der Kaiser und der englische Rothschild. In den von Kcrutsky herausgegebenen Aktenstücken befindet sich folgender Brief, den Baron Alfred de Roth», s ch i l d am 1. August 1914 an Kaiser Wilhelm gerichtet hat: . „Sr. Kaiserl. Majestät dem Deutschen Kaiser, Berlin. Ich bin mir bewußt, daß Euere Majestät jeden Nerv zugunsten des Friedens anstrengen, und weil ich dies weiß und weil ich innner ein Bewunderer der Politik Euerer Majestät war, wage ich Euere Majestät in diesem kritischen Augenblicke anzureden, da die Segnungen des Friedens und die Schrecken des Krieges wie das Zünglein einer Wage balancieren. Wollen Euere Majestät mir daher einen Vorschlag senden, den ich sofort meinen Freunden vorlegen könnte, und der geeignet wäre, sowohl in Petersburg wie in Wien günstig ausgenommen zu werden, unterstützt von meinen Freunden? ^zch wage ernstlich zu hoffen, daß Euere Majestät mir gütigst antworten werden." Auf dieses Schriftstück hat der Kaiser die Worte geschrieben: „Eine meiner alten und sehr achtungswerten Bekanntschaften, ungefähr 75 bis 80 Jahre alt", während das A u s w ä r t i g e A m t das Telegramm mit der lUottä versah, daß die Antwort nicht avgehen tonnte, weil das Kavel mit England bereits unterbrochen war! ■ ■ Ueberreichung der Auslieferungsnote an Holland. Haag, 17. Januar. Am Sonnabend ist die Note d e r Alliierte n, die die A u s - Lieferung des e h e m a l i g e n D e n t s ch e n Kaisers fordert, dem Ministerium für „vuttentanofche zaten" mt Haag, dem Minister des Aeußeren, übersandt worden. E ist in s r c it n D 11 ü) e r , uver ft r t f t c r Form abgefaßt. („Berliner Tageblatt.") * Einberufung der Allgemeinen jüdischen Hilsstonserenz. Das Komitee der Delegationen in Paris hat beschlosien, die Allgemeine jnOhcye Hilsstonserenz für den /. brs ll. März 1920 nach Zürich emzuoerufen. Erngeladen sind etwa 70 Hilfsorganifanonen, die 40 Länder repräsentieren, und mehrere zentrale jüdische Organisationen. * Rumänien betrachtet den Vertrag über die Minoritäten als Papierfetzen. Es ist kaum eine Woche vergangen, daß die rumänischen Delegierten den Friedensvertrag unterzeichnet haben, und schon sucht Rumänien aut jede Werse ihn zti ja votieren. Die rumännche Regierung hat soeben einen Feldzug gegen diesen Vertrag eröffnet. Dieser Fctozug hat sein Ecl)o in der französischen Presse gesunden. Am -'5. Dezember v. I. veröffentlichte der „Tenips" eine Note, die dein Rumänischen Pressebureau, dem ofsiziellen Organ der Regierung von Bukarest, entstammt und die folgende sehr bezeichnende Sätze enthält: „Immerhin, das ganze Land und alle politischen Parteien betrachten die Klmiselii des Vertrages als unvereinbar mit der Würde und der Souveränität des rumänischen Staates." llnd weiter: „Herr Vaida-Voevod hat sich zur Annahme entschlossen, obgleich er div'Ungerechtigkeit gewisser Klauseln erkannte, in der Hoffnung, daß Rumänien auf die'e Weise eine Veränderung in den feindlichen Gefühlen gewisser Alliierter, herbeifuhren und Lurch istue Verhandlungen die gewünschten Abänderungen erlangen würde." Die Note geht sogar so weit, Drohungen auszustoßen: „Die gogenioartige Lage kann sich stabilisieren, aber es. kann auch sein, daß gefährliche Bewegungen entstehen, wenn alle Veränderungen des Vertrages zurückgewiesen werden." Diese „gefährlichen Bewegungen", das sind die Pogrome, mit denen man die jüdische Bevölkerung Rumäniens bedroht. Die rumänischen Behörden erwecken künstliche Manifestationen gegen den Vertrag, um das Ausland zu täuschen. So veröffentlichte der „Temps" am 26. v. M. ein Telegramm, aus Bukarest, wonach der Stadtrat dieser Stadt dem Minister des Innern seine Demission eingereicht Hütte, um gegen die Unterzeichnung eines Friedens zu protestieren, der Unabhängigkeit und Würde des rumänischen Volkes, erniedrige. Nun ist die Nachricht in dieser Form falsch. Tatsächlich wurde der Stadtrat von Bukarest, dessen Funktionen gezwungenerweise infolge der bevorstehenden Wahlen zu .Ende gingen, aufgelöst und durch einen provisorischen Rat ersetzt. Es ist offensichtlich, daß man die Situation benützt hat, um den provisorischen Rat zu einer Manifestation gegen den Friedensvertrag zu veranlassen. Man muß auf andere Manifestationen dieser Art in nächster Zeit vorbereitet sein. Uebrigens denkt die rumänische Regierung durchaus nicht daran, den Minoritätenvertrag auszuführen, sie gibt sich im Gegenteil den Anschein, ihn gar nicht zu kennen. Als der neue Ministerpräsident, Herr Balda-Voevod, in seiner unlängst gehaltenen Progranunre.de die jüdische Frage berührte, hat er erklärt, das; diese Frage in dem Gesetzevlaß vom 22. Mai 1919 entschieden worden sei, und er hat keine Andeutung auf den bereits Unterzeichneten Vertrag gemacht. Nun ist dieser Gesetzerlnß vollständig ungenügend, während durch den Alinoritätonvertrag die jüdische Frage aus vollständige Weise gelöst ist. Diese Tatsache, den Vertrag in einem so entscheidenden Punkte zu ignorieren, zeigt die Stellung der rumänischen regierenden Männer in diesen wichtigen Fragen. J. P. Z. * Rumänien hat den Jüdischen Nationalrat in der Bukowina ausgelöst mit der Motivierung, daß dessen Delegierte sich, ohne die Erlaubnis der rumänischen Regierung einzuholen, an den Arbeiten des Komitees der jüdischen Delegation in Paris beteiligt haben. Die rumänische Zentralregieruug will fortan nur die beiden jüdischen Abgeordneten Hecht und Mirr (Assimilauten) als offizielle Vertreter der Juden anerkennen. Vor den Wahlen war der Nationalrat von der Negierung offiziell anerkannt und mehrmals zur Beteiligung an Feierlichkeiten eingeladen. * Friedenskonferenz. Das Mitglied des Komitees der jüdischen Delegation, der Zionistensührer Dr. Pasmanik, sprach sich dahin aus, daß der künftige Staat in Palästina mehr eine arabische als eine engl'sche Frage sei. ' ' , Bei der großen Majorität der Araber könne vorläufig an einen eigentlichen jüdischen Staat nicht gedacht werden, auch eine Masseneinwanderung sei vorläufig unmöglich. Dazu fehlten die finanziellen Mittel und die notwendige jüdische Volksorganisation. Zn fordern seien völlige Freiheit der Einwanderung unter Kontrolle der Zionistischen Organisation und Vorzugsrechte auf den besitzerlosen Boden und auf die große Konzession für öffentliche Arbeiten. Es ist wahrscheinlich, daß England das Recht der Kontrolle beanspruchen und die freie Konkurrenz in der palästinensischen Wirtschaft zulassen wird. Beides würde die jüdische Arbeit erheblich erschweren. Die Erfüllung des zionistischen Ideals hängt von der Energie des jüdischen Volkes ab. * Die arabische Gegnerschaft. Anhänger und Feinde des Emirs Faisul sind Bundesgenossen in der Gegnerschaft gegen die Zionisten, sowohl in Damaskus als in Haifa. An der Spitze der antizionistischen Bewegung steht der arabische Schriftsteller Hakki Bei aus der 'bekannten Fa-milst al-Azm; ihm zur Seite stetst der längst bekannte Judenfeind Nadjib al-Nasr, der Redakteur der arabischen Zeitung „Karmel" in Haifa war. Dieser hat an die Juden einen offenen Brief geschrieben, in dem er. ihnen rät, von der Kolonisation Palästinas -abzusehen, da ihr Einfluß in der Welt in der Diaspora jetzt ein viel größerer ist, als wenn sie ein kleines Völkchen in Palästina bilden. K*?.• d. 0.