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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-23 · Heft 4 (23.1.1920) · p. Seite 41

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 4 (23.1.1920)
Date
1920-01-23
Page
Seite 41 (sequence 5)
Language
German
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41 ®tne bekannte Firma in Ludwigsburg hat an eine Firma in Gummersbach folgenden Brief geschrieben: „Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen^ bitte ich mir offen zu sagen., ob Sie eine jüdische Firma sind. Es tut mir leib, ich kann und darf an jüdische Firinen rnchts mehr liefern, weil deren jüdische oder in Jüdendiensten stehenden Äuskänfer unser Land überschwemmen." Die „Deutsche Zeitung" verleiht der Wiedergabe des Briefes die Spitzmarke: „Zur Nachahmung empfohlen", und fügt hinzu: „Eswäre sehr erfreulich!, wenn auch* andere deutsche Firmen den Verkehr mit jüdischerönSchieberfirmen grundsätzlich meiden wollten." Das ist Boykott und Aufforderung zum Boykott in schroffster Form, von der Beleidigung, die in dem Wort „jüdische Schieberfirmen" liegt, ganz abgesehen, und eröffnet, wie die „Deutschvölkischen Blätter" in ihrem Artikel so richtig sagen, einen „erschreckenden Blick hinter die Kulissen", allerdings nicht der jüdischen Geschäftspraktiken, wohl aber der antisemitischen Vergiftung unseres ganzen Wirtschaftslebens. - * Antisemitische Logik. Unter dieser Spitzmarke bringt die in Hameln erscheinende „Niedersächsische Volksstimme" folgende Ausführungen: „Seit einiger Zeit bemühen sich einige Herren krampfhaft nachzuweisen, daß Christus kein Jude, sondern ein Arier gewesen sei. Sie bedienen sich dabei des Arguments, daß Christas eine arische Seele besessen habe, und behaupten weiter, daß er Galiläer gewesen, die Galiläer aber ein Volk arischer Abstammung wären. Sehr schön! Damit wäre bewiesen, daß die Juden eine Religionsgemeinschaft, aber verschiedener Abstammung sind. Wer will dann beweisen, ob nicht die heutigen Juden zum Teil auch galiläischer, d. h. arischer Abstammung sind. Damit wäre der ganze Antisemitismus ad absurdum geführt. Vielleicht könnte man aber auf diese Weise die Herren, die keinen ganz reinen Stammbaum haben, der Deutschnationalen Partei erhalten, indem man sie auf Grund ihrer arischen Psyche zu Galiläern stempelt. Aber da erhebt sich gleich ein Einwand. Die Herren, die täglich „Haß und Rache" predigen, haben doch eine entschieden „a l ttestamentarische Seele" und können deshalb nicht einmal Galiläer sein, sondern sind echte Juden. Aber nun gar die Herren vom Schutz- und Trutzbund, die Haß und Verachtung gegen Volksgenossen ausstreuen, nur weil sie anderer Abstammung sind, und den Gebrauch des Gummiknüppels propagieren, handeln sie im Geiste des Christentums, das lehrt: Liebet eure Feinde!, oder haben sie vielleicht auch eine „a l t t e st a m e n t a r i s ch e Seele"? Nach der Argumentation, die uns von den Antisemiten geboten wird, muß man annehmen, daß die Herren mit dem Hakenkreuz „aus Gründen seelischer Art" selbst dann I ud eu sind, wenn ihr Stammbaum mehr arische. Ahnen ausweist, als der Christi jüdische zahlt. Dein Verfasser dieser Beweisführung ist es ganz ausgezeichnet gelungen, die Antisemiten mit ihren eigenen Waffen zu schlagen und ihre sattsam bekannten Theorien auf das übexzeugendstb ad absurdum gu ^ü^l:en. ■ * Der „Vaterländische Bund jüdischer Frontsoldaten" sendet uüs mit der Bitte um Veröffentlichung folgenden Ausruf: Jüdische Frontsoldaten: Gewissenlose Hetzer versuchen durch angeblich amtliche Zahlen uns, die für das deutsche Vaterland mit Gut und Blut genau so gekämpft haben wie unsere christlichen Kameraden, als Drückeberger vor der Leffentlrchkeit hinzüstellen. Wir brauchen daher als Gegenbeweis wahrheitsgemäße Zahlen, die allein für sich sprechen. ' tft fdmtt jedes Juden, der an der Front gekämpft hat, zur Verteidigung seiner Ehre und des-Andenkens unserer gefallenen jüdischen Kameraden unverzüglich seine genaue Adresse nebst'Angaben über seine Fronttätigkeit dem Vaterländischen Bund jüdischer Frontsoldaten, Berlin W, Motzsträße 69, einzüsenden und möglichst auch dem Bund als Mitglied beizutreten. Der Bund kann seine Aufgabe — unsere Ehre zu verteidrgen — nur erfüllen, wenn wir alle ihm als Mitglied zur Seite stehen und ihm durch unsere Zahlen die zur Abwehr nötigen Waffen geben. O Daniel Sanders. . Vor wenigen Wochen waren hundert Jahre verflossen, seit der berühmte Sprachforscher Dr. Daniel Sanders in Alt-Strelitz in Mecklenburg geboren wurde. Durch seine wissenschaftliche Großtat, das inden Jahren 1859 bis 1865 in drei Quartbänden erschienene Wörterbuch der deutschen Sprache", hat er sich einen unsterblichen Namen geschassen. Als Sohn eines jüdischen Kaustnannes geboren, hatte er in Berlin und Halle studiert und trat 1842 an die Spitze der jüdischen Gemeindeschule in Alt-Strelitz, der er selbst seine erste Schulbildung zu verdanken gehabt, die aber nach etwa zehn Jahren einging. Seitdem widmete er sich'nur noch seiner Lieblingsforschüng als Privatgelehrter, emsig sammelnd, sichtend, forschend und die Früchte'dieser restlosen Arbeit in zahllosen Aufsätzen, Büchern, ins-- besondere Wörterbüchern, herausgebend, bis an sein Lebensende, am 11. März 1897. Insbesondere hat er auf dem Gebiet der Sprachreinigung als einer der Regsten und Eifrigsten gewirkt, auch sprachschöpferisch, indem er in seinem „Fremdwörterbuch" viele Verdeutschungen vorschlug, die seitdem Gemeingut des deutschen Volkes geworden sind. Von den Besten wurde dies'Wirken anerkannt. Jakob Grimm hatte bereits den jungen Forscher, als er noch mit seinen Vorarbeiten zu seinem Hauptwerk beschäftigt war-, brieflich die Anerkennung für die Sorgsmnkeir dieser Arbeiten ausgedrückt; Alexander v. Humboldt schrieb nicht minder achtungsvoll über ihn; Dubois-Reymond nannte ihn scherzhaft in einem Vergleich mit Leibniz die „Akademie der deutschen Sprache". Der witzige Julius Stettenheim aber besang ihn als Herkules, der den „Augiasstall der deutschen Sprache" reinigte. Ferdinand Freiligrath nannte diese Herkulesarbeit des Forschers Daniel Sanders „ein Denkmal deutschen Fleißes, deutscher Gründlichkeit, wie es wenige gibt". Gerade in unserer Zeit der wüsten Antisemitenhetze ist es angezeigt, daraus hinzuweisen, daß selbst das beste Wörterbuch der deutschen Sprache dem . Fleiß, dem Verstand, dem Wissen und der Arbeit eines Juden zu verdanken ist. * Zur Frage einer Auslänverkasernierung. Durch verschiedene Blätter ging kürzlich die Nacheicht, die preußische Regierung Plane die Errichtung von Konzentrationslagern für Ausländer. An zuständiger Stelle wird der „Dtsch. Allg. Ztg." erklärt, „daß diese Frage sich noch im Ansangsstadium der Erwägungen befinde und daß es nicht zutreffend sei, daß diese Lager schon sehr bald und ln irgendeiner bestimmten Form geschassen werden. Das Staatsministertum hat sich mit dieser Angelegenheit noch nicht besaßt. Doch wird darauf hingewlesen, daß alle Maßnahmen, die das preußische Ministerium des Innern bisher in der Ausländersrage getroffen hat, auch der vielbesprochene Erlaß des Ministers Heine, durchaus im vollsten Einvernehmen mit der Reichsregierung erfolgt sind. Wenn nun in der Polnischen Presse eine große Erregung darüber inszeniert wird, daß im freien sozialistischen Deutschland und Preußen Ausländer in Konzentrationslager gesperrt-'werden, so muß doch erklärt werden, daß gerade die polnische Regierung und die polnische.Presse den geringsten Anlaß haben, sich über diesen Plan aufzuhallen, daß wir aus rein menschlichen Gründen die zahlreichen unerwünschten Elemente, die aus dem Osten einwandern, nicht zwangsweise über die polnische Grenze schieben können, 'weil sie dort wahrscheinlich totgeMagen oder zwangsweise wieder an die' deutsche Grenze befördert würden. Gerade die unmenschliche Politik Polens zwingt uns, solche Leute in -imfecem Lande zu belassen, auch wenn sie uns unerwünscht sind . * Das Bayerische Staatsministerrum des Innern gegen die Antisemiten. Nr. 2304 d„ i. StaatLministeriurn des Innern. An usw. Betreff: Antisemit: s ch e B e w e g u n g. Die An-

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