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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-23 · Heft 4 (23.1.1920) · p. Seite 39

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 4 (23.1.1920)
Date
1920-01-23
Page
Seite 39 (sequence 3)
Language
German
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Cssaer und ' dabei doch die Gemeinschaft mit den 'anderen Menschen aüfrechterhalten; eine Botschaft verkünden und sie durch das eigene Beispiel verwirklichen. Ich ziehe mich zurück von dieser gemeinen Welt, aber nicht ich allein, ein' einzelner Mensch, ein vom Baume losgerissenes Blatt, sondern ich und.mein Haus, mein ganzer Stamm, bis ans Ende der Zeiten. Dadurch ist das Leben verankert. Die Ideen können als Vermächtnis vom Vater auf den Sohn übergehen, Aufgabe and Erfüll-Mg sind auf die Dauer der Zeiten gerichtet. Es lebt nicht ein. einzelner in einer für die Welt zwecklosen Absonderung in der Einöde, sondern mitten in der Wüste der Nationen, der ohne. Ideale vegetierenden und leidenden Menschenmassen, soll eine unverzagt den Glauben an den hohen Beruf der Menschheit verkündende Gemeinschaft wie ein blühender Baum sich entfalten und Früchte spenden. Wenn ich nicht direkt auf Millionen Menschen einwirken kann, so kann ich es auf einen engen Kreis der Familie. Ich kann durch eine feste Mauer eine Absonderung zu dem Zwecke her« stellen, damit die tägliche Gemeinschaft mit den anderen nicht durch das suggestive Beispiel der Majorität die Erhaltung der Ideale in meinem Kreise gefährde, dabei jedoch in geistiger Verbindung mit den anderen bleiben. Ich kann in jedem Lande, in der Mitte einer jeden Nation leben, ihre Sprache reden und die Brüderlichkeit aller Menschen zum Prinzipe erheben, dabei aber den von der Urzeit überlieferten eigenen Schatz, der für die ganze Welt so wichtig ist, wie ein Heiligtum bewahren. Die Entsagungen und die unvergleichliche Opferfreudigkeit, die mit der Erhaltung dieser Traditionen verbunden sind, zeigen der Welt, wie ernst es uns um die Erfüllung unserer Aufgabe zu tun ist^). Kann diese kleine Gemeinschaft ihr Ideensystem als eine Weltreligon betrachten, die eine geistige Herrschaft auszuüben berufen ist? Zweifellos. Denn Herrschaft ist die Tätigkeit eines Intellekts, der für andere sorgt. - Es kommt nicht auf die große Masse der direkten Bekenner einer Idee an, sondern auf bte Höhe, von welcher aus ihre Strahlen sich verbreiten, und auf die Gesetzmäßigkeit, mit welcher die ihr zugrunde liegende Wahrheit direkt oder auch indireilt sich Anerkennuug erzwingt,.auf die Opf-erfreudiMit und das sichere Vertrauen, mit dem sie dies tut. Alles, was seit 2000 Jahren aus der inessianischen Jdeenquelle an -geistigen Gütern in die Welt geflossen ist und zur sittlichen Hebung des Menschengeschlechtes beigetragen hat, gehört zu unserem Aktivum, auch soweit die Verbreiter -und Förderer nur in geistiger Beziehung Kinder unseres Stammes waren. Deren Leistungen zu beachten und im Hinblicke auf die höchsten. Ziele der Menschheit zu. ergänzen, ist eine Aufgabe, deren. Erfüllung uns eine Zentralstellung in der Welt sichert. ' Die hurch Aufstellung des höchsten ethischen Maßstäbes geflefeette-'tbecllß zugleich Bürgschaft..für den Bestand der Gemeinschaft, nicht die numerische Stärke. Die hätzere Weltanschauung muß -ebenso sicher die Herrschaft über die Geister., erlangen, wie die Lehrsätze der Algebra Anerkennung finden', müssen, so. daß, selbst wenn alle Mathematiker verschwindenwürden und ein.einziger übrigbliebe, er als Lehrer und Führer anerkannt werden würde. Es handelt sich aber 5) Emers o n sagt in seinem Essay über Selbstvertrauen: „In der Welt nach der Meinung der Welt zu leben, ist leicht; leicht ist es auch, in der Einsamkeit nach der eigenen Meinung zu leben. Groß ist nur der, der inmitten des Getriebes dieser Welt die Unabhängigkei.t der Einsamkeit mit vollkommener' Milde zu wahren weiß. Gegen solche aber hat sich die Welt, der jede starke Eigenart verhaßt ist, einmütig verschworen, und deshalb bedarf gerade der Nonkonformist einer bedeutenden sittlichen Energie, um sich in seiner Eigenart kraftvoll zu behaupten." hier nicht lediglich um eine Wissenschaft, die auch aus Büchern erlernt werden könnte, sondern zugleich um Gedanken, deren ununterbrochene opferfreudige U e b u n g und Verwirklichung in einem auf -das Ewige gerichteten Leben vorbildlich wirken und notwendigerweise immer weitere Kreise der den vergänglichen Dingen zugewan-dten und darum haltlosen und verwirrten Menschheit anziehen muß. Zu diesen direkt aus der Weltanschauung des Judentums fließenden Gedanken -gehört die Würde des Menschen der -ans dem animalischen Leben hercrusgehoben und als ein geistig auf das Ewige gerichtetes, „im Ebenbilde Gottes erschaffenes" Wesen hingestellt wird; der unendliche Wert der Seele (von Harnack als -Errungenschaft des Christentums betrachtet) und der Adel des Innenlebens, der zum grenzenlosen Dulden und zur Selbstaufopferung befähigt; das -auf alle Menschen, ja auf -alle Wesen sich -erstreckende Mitgefühl (Psalm 145, 9), die tätige, hilfsbereite, hingebungsvolle Liebe, die Paulus im Korinther-Brief nur deshalb mit so herrlichen Worten darstellen konnte, weil sie schon lange vorher in der rabbinischen Tradition als Kern der Religion galt, und als der tiefe und heilige Sinn des — darum in den biblischen Kanon aufgenommenen — Schir haschirim betrachtet wurde. Charakteristisch für das Judentum ist es. daß es diese und ähnliche Lehren nicht bloß wie andere v erkunden will, wie es manche große Nationen tun, die in ihren Kirchen das Evangelium der Erlösung und Menschenliebe lehren, dabei aber im Leben ungehindert den briltalen InstiMen ganz genau wie die alten Heidenvölker nachgehen; die ihren nationalen Eigennutz über die Frage nach Recht .und Unrecht stellen. („Riglit or wrong* — my country.") Wir wären wahrscheinlich ebenso, wenn wir an einen physischen Staat gebunden wären. Aber die Religionsgemeinschaft hat die Fesseln gesprengt, und indem sie in der Welt ganz wehrlos ohne andere Machtmittel als die ihrer Ideen sich erhält, bleibt sie ein lebendiges Zeugnis für die Wahrheit der Gedanken, die sie verkündet,' unb ihr Schicksal wird znm natürlichen Maßstab für die Gerechtigkeit und Menschenliebe unter den Völkern -- auch zum Symptom für ihre geistige Höhe, für ihren Aufstieg und Verfall. (Ein Schlußnrtitel folgt.) Me Woche. Berlin, 19. Januar. ett Theodor F r i t s ch in Leipzig scheint mit der von ihm gegründeten E r me u e r ungsge m e i n. i> e nicht viel Seide zu spinnen — die Konkurrenz der vielen von antisemitischerund deutsch-völkischer Seite in der letzten Zeit ins Leben gerufenen Bünde und Vereinigungen hat diesem Unternehmen zumgrößten Test das Wasser abgegraüen er ist daher auf die kühne Idee verfallen, eine ne u e Partei zu Künden, die er gern E r n e u e r u Ugs Partei nennen möchte.' Er veröffentlicht im ersten Januar-Heft seines „Hammer" einen Artikel, in dem er die Notwendigkeit'einer solchen Parteigründung darzulegen sucht. An allen vorhandenen Parteien hat er etwas auszusetzeni es ist aber ganz besonders -bemerkenswert, daß er gerade von der Deuts ch e n d e m o - kratischen Partei anerkennt, daß in sie viele gut n a t.i o na le El e m e n t e v e rsch lagen s e i e n. Trotzdem bleitt er aber dabei, daß sie eine Judenpm r te i sei. Dnß beide Behauptungenin seinem Sinne logisch nicht recht gut miteinander in Einklang zu bringen sind, ficht ihn nicht im geringsten an. Tie Logik ist ja ebenso weüig seine starke Seite wie die seiner Gesinnungsgenossen überhaupt, dev» besäßenkie nur eine Spur.von dieser edlen Gottesgabe,. so-wären sie eben te'ne chrniiemiren.

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