Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 4 (23.1.1920)
- Date
- 1920-01-23
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229443-3229447--75485-3287995- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Isaiah 2× ep/1005097
OCR text
förderten, ]inn Niedergange und zum Berschwindeu geführt, während eine noch so kleine und schwache Gruppe von Menschen, welche prinzipiell mit aller Entschiedenheit das Wohl und den Frieden aller erstrebt, auf einen dauernden Bestand rechnen kann. Diese Anschauung tritt klar in den Beden der Propheten hervor, welche, indem sie die Anbeter der Götzenbilder verhöhnten, zugleich die Schranken niederzureißen bemüht waren, welche die törichte und grausame Tyrännei unter den Menschen aufgerichtet hatte. Das Ideal der Vereinigung der Menschen zu einem einzigen ethischen Willen blieb auch seitdem im rabbinischen Judentum mit . dem Monotheismus innig erbunden. Die moderne Ethik, welche aus einem Kampfe gegen religiöse Dogmen hervorgegangen ist, gibt sich Mühe, alles Theologische auszuschalten und ihre Systeme abseits von aller Religion zu begründen. Aber ebenso wie man von mancher großen, zentralistisch regierten Republik mit Recht behauptet, daß sie eigentlich eine Monarchie ist, in welcher nur zufällig kein König an die Spitze gestellt ist, so kann man von jedem festgefügten modernen System der Ethik sagen, daß es, genau betrachtet, ein theologisches, mystisches, dogmatisches ist, und daß nur aus äußerem Grunde infolge der Abneigung gegen den herrschenden Kirchenglauben vermieden wird, das Absolute, an welchem ein ethisches System verankert sein muß, als eine der Formen des Gottesglaubens zu bezeichnen. Alle Versuche, Moralsysteme unabhängig von einer religiösen Weihe zu begründen, können als gescheitert betrachtet werden. Auch der kategorische Imperativ hat, wenn er nicht als dunkler, sinnloser Trieb erachtet werden soll, im Grunde einen religiösen Charakter. Bei der Theologie des Judentums kommt aber, indem sie zur Begründung der Ethik herangezogen wird, noch folgendes in Betracht: Der Gottesbegriff, von dem das Judentum spricht und dessen Einheit und Einzigkeit es dervorhebt, ist - wie oben ausgesührt eben nur der Ausdruck dafür, daß die umfassendste Erkenntnis vom ewigen Zusammenhang aller Dinge mit dem mächtigsten Streben nach Erhaltung des Lebens und der Glückseligkeit der Menschen zusammenfällt. Dieser Begriff tritt eigentlich als eine Negation auf. Die mosaische Lehre hat die Götterbegriffe der Völker und die Kulte vorgefunden. Sie erachtet es als ihre Aufgabe, durch ihren Einheitsgedanken diese Wahnvorstellungen zu verdrängen und zugleich durch ihren Optimismus denen, welche mit ganzer Seele und ganzer Kraft unter Ablehnung der Mannigfaltigkeit der niedrigen Ziele sich durch Werke der Gerechtigkeit und Menschenliebe dem Höchsten und Ewigen widmen, ein Leben des Glückes und des Segens zuzusicherm Es liegt darin kein Dogma, sondern eine Enthüllung und Offenbarung, welche sich an den Verstand der Menschen richtet. ' ' :; In welcher Weise konnte aber ein philosophisches, ethisches, soziologisches?Prinzip zu. einem Lebensshstem werden, welches sich in einem Volke durch Ueberlieferung erhält? Und wenn .dieses die Weltattschauung des Judentums ist, wie sind die -Grenzen desselben gegenüber anderen,- ebenso sehr ethisch gerichteten Religionen festzusetzen? In welcher Weise hat es sich an der Seite des zu einer Weltreligion gewordenen Christentums eine eigene moralische Weltstellung geschaffen? Warum hat es sich so streng abgesondert und Bollwerke um sich errichtet? Worin liegt die ideelle Bürgschaft für seinen weiteren Bestand in der Zerstreuung? ' - Zwei Wege waren seit den ältesten Zeiten für den intelligenten Menschen offen, der die Gewalttätigkeit und die Niedertvacht,- den Stumpfsinn und die Bosheit in. der Welt, die -Hohlheit der menschlichen Begierden unerträglich fand und drm- Leidensschrei der Gequälten Und Bedrückten nicht mehr anhören konnte. . Ter eine. Weg war: Augen arnd Ohren zu schließen) von dieser gemeinen <;unb verächtlichen Wett zu fliehen, sich abzusondern, sich von der 'menschlichen GefMfchcilk entfernemstn der Wüste zu wohnen und auf die Erlösung vom Uebe-l des irdischen Daseins zu warten. ,.Das ist der Weg. den der Buddhismus für den richtigen hrelt und der auch innerhalb anderer Religionsgemeinschäften von einzelnen Gruppen gewählt wurde. Unter den Juden hatten \n,;aüfx Zeit die Essäer auf diese Weise das Problem zu llösen gesucht. Die Lösung ist eine sehr einfache. Man kann durch sie jn einem Leben der Reinheit und zu einer Befreiung von der Wahrnehmung der Uebel deilMelt gelangen! Dies gilt jedoch nur für den einzelnen, der sich -persönlich gerettet -hat-. - -Der. Welt bringt er dadurch nicht bif gertü-gst^ HiM/'uü"d. sie biMll auch weiter in ihrer Medrigkeit und Gemeinheit. * ♦; - i Der zweite Weg war der: sich Efzur-affep^zur Menge' hm-i zugehen und zu ihr zu sprechen, ihr Eittsicht beizubringen, ihr die erfreuende Botschaft zu verkünden,, daß sie von den Leiden erlöst werden kann. Das war das System der Evangelien. Es datiert jedoch nicht von der Entstehung des Ehristentums. Jesaja hat im Beginn seiner Sendung, als er noch ganz jung war, iw Todesjahre des Königs Ustja, auf diese Weise einen Weg ]u finden gesucht. Niedergedrückt durch die Beobachtung des gemeinen und stumpffinnigen Volkes, rief er in seiner Vision: „Hier bin ich, sende mich!" Er hielt es damals für eine die Rettung verbürgende Tat: neue Worte, Verheißungen in das Volk zu werfen. Die Erfahrung von vielen Generationen hat jedoch gezeigt, daß dies nicht der Weg ist, der Welt wirksam zu helfen. Eine Botschaft, die in Worten besteht, kann in Wirklichkeit nicht für die T a u e r auf weite V o l k s k r e i s e einen Einfluß aus üben. Die Volksmassen sind verstockt und schwerfällig. Sie verstehen die Worte gar nicht, die sie hören, oder legen ihnen eine andere Bedeutung bei. Millionen Menschen können auf keinen Fall jene Bildungsstufe erreichen, auf welcher sich geistig bevorzugte einzelne befinden, und die Sprache, deren sich die großen Denker und Führer bedienen, ist nicht die Sprache, welche die Notleidenden und Verwahrlosten verstehen. Und wenn der Verkünder einer neuen Wahrheit mit Feuerzungen spricht, erwärmt und begeistert wie lange kann die neue Erkenntnis Vorhalten? Ist es nicht ein phantastisches Unternehmen, große Menfchenmassen auch nur während eines einzigen Zeitalters durch Worte zu hypnotisieren, und wären diese auch noch so gewaltig und noch so einfach, während das Leben Tag, für Tag dem einzelnen und der Gesamtheit quälende Mühen und Sorgen auferlegt und die Aufmerksamkeit auf immer neue Gegenstände lenkt? Nun sollen allerdings die neuen .Lehren auch durch die E r z i e h u n g befestigt werden. Abep dazu muß man im Volke leben, zu ihm. hiuabsteigen/ihm. mü Geduld Helsen, seine Mühsale.tragen. Aber auchdayupDenn es gelingen sollte, eine große Anzahl von Menschen, eine ganze Generation auf eine höhere geistige Stufe zu'erheben,' so ist noch für die folgende Generation nicht gesorgt) Md für jedes Zeitalter müßte ein neuer Erlöser und Heilverkünder kommen. Nicht einer, sondern viele, die in der gan.Kn'Welt. vpN)MorAen bis Abend gleich dem Sonnenlicht die Botschaft erneuern. Im zweiten Teile des Buches Jesaja ist dieser Gedanke zur Reise gelangt. Der Prophet spricht zu einer kleinen Gemeinde.von Erwählten, er richtet seine Botschaft nicht an die verständnislose große Menge, sondern an. den kleinen Kreis der Demütigen, und Bescheidenen. Das ist der Anfang eines nepen Systems, welches sich zu dem der jüdischen Religionsgememsthaft entwickelt hat. Dieser dritte Weg, welchen das Judentum gewählt hat, ist eine Synthese. Man kann sich von der Welt absondern und zugleich, in derselben bleiben; man kann dieselbe sittliche Reinheit und Heiligkeit erlangen wie der in die Wüste.geflüch-tete