Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1920)
- Date
- 1920-01-16
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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£2 Königsberg i. Pr., 9. Januar. Die übliche Sommerpause in den Veranstaltungen des Jugend-Vereins, Jugendgruppe des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Gaubens, war im vorigen Jahr von ganz besonders kurzer Dauer. Die überaus starke antisemi tische Propaganda, welche im Sommer einsetzte und besonders in den Ostseebüdern sich breit machte, benötigte bereits in der ersten Halste des Monats August, eine Aussprache über die antisemitischen Vorgänge stattfinden zu lassen, bei welcher der Vorsitzende Lies Vereins, der selbst unter den Vorkommnissen in dem Ostseeibad Cranz erheblich zu seiden gehabt hatte, das Referat erstattete. Vor den Herbstseilertagen fand noch das Referat des Vorstandsmitgliedes Alfred- Jacobsberg über „Die Lehre des Verbandstages" statt. Daraus folgten nachstehende 'Vorträge: Universitätsprofessor Tr. L ö h r über „Die sozialen Ideen des Alten Testaments"; Dr. Willy Wolffhei m über „Jüdische Musiker" mit musikalischen Darbietungen: Tr. Holz über das Thema „Vom Schutzjuden zum Staatsbürger"; Erwin Lichtenst? i n über „Zionismus"; Redakteur Emil Italiener über „Stellung und Geschichte der Juden in den Vereinigten Staaten von Nordamerika". An alle diese Vorträge schlossen sich lebhafte Aussprachen, an denen sich zu aller Freude gerade die jüngeren Mitglieder in (Nlsgiebigem Maße beteiligten. Ferner fand in dein Verein eine Freitagabend-Feier statt, welche sehr harmonisch verlief. Es wurde der betreffende Thora-Abschnitt verlesen, sowie Gedichte von Heine und Gertrud Marx rezitiert. Um nichtjüdischen Kreisen eine Aufflärnna; über das Wesen des Judentums zu vermitteln, hatte man eine Anzahl von christlichen Vereinen zu einem Vortrage des Herrn Rabbiner Dr. Vogel stein über „Das Wesen des Judentums" einodat:n, welcher mit großem Interesse ausgenommen wurde und an den sich eine überaus ankevegte Aussprache in den verbindlichsten Formen anschoß. Es ist zu hoffen, daß derartige Veranstaltungen dazu beitragen, das gegenseitige Verständnis zu fördern. Von geselligen Veranstaltungen seien erwähnt: ein Herrenabend' und am 21. Dezember ein Ghana käsest in ganz besonders großem Stile, wobei u. a. rach dem Anzünden der Lichte eine Szene aus „Jeremias" von Stekan Zweig au'.geführt wurde. Herr Rabbiner Dr. Jakobowitz batte d e Güte, einer Anzahl der Mitglieder in seiner Wohnung eine Vorlesung über „Talmud" zu halten, welche mit größtem Interesse ausgenommen wurde. Außerdem iviu'rbe von Herrn Erwin Lichtenstein ein. Zirkel über „Apologetik" veranstaltet, welcher eine rege Beteiligung fand und bei welchem die einzelnen Teilnehmer Referate über verschiedene Kapitel übernahmen. Ueberdies beteiligten sich die Mitglieder zahlreich an den Veranstaltungen der Ortsg.ruvpe des Centralvereins und an anderen jüdischen Vorträgen. Tie Schüleraruppe hat sich zur großen Freude weiter aufs beste entwickelt. Im Herbst v. I. wurde in -den Räumen des Jugendheims der Bezirksverband „Nordost" des Verbandes der jüdischen Jugendvereine gegründet, zu welcher Gründung Vertreter aus fast allen in Betracht kommenden Orten erschienen waren. Der Vereins vor sitzende hat den Vorsitz in diesem Verbände übernommen und. ist auch in den Berliner Verbandsvorstand gewählt worden-, an dessen Verhandlungen im November in Berlin er teil nahm. Für den Nest des Winters sind bereits umfassende Vorbereitungen getroffen, so daß auf eine weitere erfreuliche Entwickelung des Vereinslebens zu hoffen ist. Perlmann. — Danzig, 9. Januar. Tie A u s w ü ch s e der antisemitischen Propaganda haben die hiesige Ortsgruppe des Centralvercins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens veranlaßt, der Polizeibehörde einen Betrag zur Gewährung einer besonderen Belohnung für die Feststellung der antisemitischen Flugblattverteiler zu überweisen. Das Danziger Polizeipräsidium hat folgenden Tagesbefehl an seine Beamten ausgegeben: „Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ortsgruppe Danzig, hat einen Fonds von 500 Mark zur Verfügung gestellt zur Belohnung derjenigen Beamten der Polizei und der Sicherheitswehr, welche Verbreiter von antisemitischen Flugblättern und ihre Auftraggeber ermitteln." — Bremen, 9. Januar. Wegen eines anonymen Briefes ffomb der Kaufmann Hans Pf. vor dem hiesigen Schöffengericht. Der Angeklagte hatte dem Nabbiner Dr. Rosenack durch eine Mittelpersvn einen Brief überreichen lassen, der den Satz enthält: „.Die Juden sind in einem Lande so nützlich wie die Mäuse auf einem Getreideboden oder die Motten in einem Kleide" (Zitat von Sutor). Der Angeklagte gab in der Verhandlung zu, Urheber des Brieses zu sein, bestritt aber, damit eine Beleidigung habe aussprechen zu wollen. Das Gericht kam doch zu einer anderen Meinung und verurteilte den Angeklagten dem Antrag des Staatsanwaltes gemäß zu 300 Mark Geldstrafe. — StarMvd i. P., 9. Januar. Ein deutscher Mann kann keinen Juden leiden, doch mit den Damen tanzt er gern. Der Hauptschristleiter der antisemitischen „Stargarder Zeitung", ein Mann, der keine Gelegenheit vorübergehen läßt, um Juden und Judentum zu beschimpfen, hatte unlängst die ungeheure Dreistigkeit, in eine geschlossene jüdische Gesellschaft einzudringen, um dort mit jüdischen Damen zu tanzen. Aber die jüdische Gesellschaft hatte für solche Gunstbezeugung kein Verständnis und wies den Herrn aus dem Saal. Als ihm bei dieser Gelegenheit sein antisemitisches Geschreibsel vorgehalten wurde, stammelte er zu seiner Entschuldigung, daß er doch dafür bezahlt werde und daher nicht anders könne. — Der ganze Vorgang erinnert an den bekannten Fall v. Arnim—Jtzig, den Barnhagen v. Ense in. seinen „Denkwürdigkeiten" erzählt. . Die Abfuhr des Eindringlings war diesmal aber energischer als vor hundert Jahren. — Leipzig, 9. Januar. Ter Leipziger Rechtsanwalt Dr. Graf hatte zwei Juden zu verteidigen, gegen die ein Strafverfahren anhängig ist. Einer von den beiden ist in Untersuchungshaft genommen, er sollte aber gegen eine Kaution freigelassen werden. Als aber der Rechtsanwalt nach Erfurt kam, um die Kaution zu hinterlegen, sagte ihm der Landgerichtsrat Giersberg: „Ich lasse den Beschuldigten nichtz frei. Er ist ein Jud! Die Juden, die sich strafbare Handlungen zuschulden kommen lassen, erhalten vom roten Vollzugsrat in Berlin falsche Pässe nach dem Auslande. Die Reichsregie' rung, die zu 80 Prozent aus Juden besteht und vom roten Vollzugsausschuß abhängig ist, billigt dieses Vorgehen und ist überhaupt bestrebt, ihre Glaubens- und Rassengencssen jederzeit zu unterstützen." Der Rechtsanwalt mußte nach dieser „Rechtsauskunft" wieder unverrichteter Sache nach Leipzig fahren. Es ist bezeichnend, daß im neuen Deutschland dieser landrichterliche Unsinn genügt, die Hast über einen Menschen zu verlängern. 1. Dresden, 9. Januar. Am 1. d. M. fand in Dresden eine Veranstaltung des „Sächsischen Künstlerhilssbundes" statt: „Die Bibel in Wort und Ton". So erfreulich es gerade in dieser Zeit ist, daß nichtjüdische Institutionen die Werte der Bibel dem kunst.liobenden Publikum vermitteln, so ist dies doch nichts neues mehr. Die Bibel- Vorlesungen Irenen Trieschs, die man öfters zu hören Gelegenheit hat, erfreuen sich mit Recht einer großen Beliebtheit. Es wäre jedoch zu wünschen, daß Frau Triesch Uebersetzungen wählen möchte, die den Inhalt noch besser wiedergeben und auch dem hebräischen Sprachgebrauch in der Uebertragung gerecht werden. Es ist ein alter Fehler der Bibelvorlefungen, daß diese nur zu deutlich erkennen lassen, daß die Vo.rtragenden den Urtext selber und seine Schönheiten nicht kennen. Die Vertonungen der Bibel, die wir in der Regel zu hören Gelegenheit haben, sind leider fast ausschließlich mit dem gleichen Fehler behaftet, und >es ist das Bemerkenswerte dieses Abends, daß er endlich einmal den hebräischen Urtext in den Weifen jüdischer Komponisten bot. Auch wurde den Zuhörern dadurch wieder einmal klar gemacht, lvelche Barbarei es ist, bei« dem herrlichen eigenen Melodienschatz deutscke Liederim jüdischen Gottesdienst zu benützen. Daß in dem gelviiß nicht judenfreundlichen Dresden von einer nichtjüdi.schen Institution der Chor der dortigen Synagoge zu einer solchen Veranstaltung hinzugezogen wurde, wundert den ständigen Shnagogenbesucher nicht, der jede Woche, und besonders an den Feiertagen Gelegenheit hat, den von Herrn Dr. Leo Fantl vorzüglich geleiteten Chor zu hören und dem trefflichen Orgelspiel des Organisten Max Birn zu lausche u. Der temperamentvollen Leitung und dem tiefen Verständnis des Dirigenten ist es zu zuschr eiben, daß die Darbietungen künstlerisch vollendet sind und dennoch jenen eigenartigen künstlerischen Reiz unserer jüdischen Sangesart vermitteln, den man „Chasonus" zu nennen pflegt. Uebrigens hat sich der Dresdener Synagogenchor bereits in einigen Konzerten, die im Musikleben' Dresdens großes und berechtigtes Aussehen erregten, Gelegenheit gehabt, die Kenntnis der jüdischen Kunst zu verbreiten. Das reichhaltige Programm wurde döesinäl von einer Orgelphantasie über „achulu" vom Organisten Herrn Max Birn eingeleitet, es folgten zwei alte Sabbatweisen des Dresdener Oberkantors Hofstein und das dem Sinn nach vortrefflich gesetzte Lied „Zum Sabbatausgang" vom Oberkantor Kirschner (München), ferner die alte Weise des „Echo", wie diese in den Jontesfliedern Arno