Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1920)
- Date
- 1920-01-16
- Page
- Seite 36 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 36 auf den Beinen und auf dem alten jüdischen Friedhof ver-' I sammelt. Es war seltsam, sie hatten miteinander nicht der-' abredet, auf dem Friedhof zusammenzukommen, niemand hatte ihnen den Befehl oder die Anregung gegeben, sich hier zu versammeln; als der Morgen des achten Tages graute, waren sie alle auf dem alten Friedhof versammelt, und niemand wunderte sich, daß sie alle da waren. Triebhaft, wie die Zugvögel, hatten sie in der .gemeinsamen Not dasselbe Ziel und dieselbe Wegrichtung genommen. Den Leichenacker deckte eine weiße Schneedecke, die von den Tritten der Besucher trübe Spuren aufwies und nur" an wenigen, vom Mcnschenfuß verschont gebliebenen Stellen blendend schimmerte. Die eng aneinandergereihten Leichensteine waren zu kleinen Schneehügeln umgewandelt; massige Schneekronen glänzten über ihren Häuptern, Schnee lag in den Ritzen der verwitterten Inschriften, auf den zackigen, von seltsamen Löwen getragenen Kronen und zwischen den gespreizten Fingern segnender Priesterhände; Eiszapfen glitzerten auf den eingravierten Bücherschränkchen und Foliantenreihen, die die Grabstätten der Gelehrten schmückten, und in den siebenarmigen Lerkchtern, die auf den Grabmälern den Ruhm leuchtender Frömmigkeit symbolisch kündeten. (Aortsetzung fulflt.) Litrrarilchr fljttrilungrn. Zur Bibliographie jüdischer Geschichte in Mittelalter und Neuzeit. T h e J e w i s h H i s t o r i c a 1 Society o f England, die sich um die Kenntnis vom jüdischen Altertum durch Veröffentlichungen englischer Urkunden des 12. und 13. Jahrhunderts ein hohes Verdienst erworben hat, bereitet eine vollständige Bibliographie der Geschichte der Juden in England vor. Zunächst fertigt sie ein Register zu jener Bibliographie, die der Historischen Ausstellung von 1887 vorlag und von Joseph Jacobs (dem trefflichen Verfasser der .1 e w s i n Ang evi n Engl a n d und späterem Schriftleiter der Amerikanischen Jüdischen Enzyklopädie) gefertigt war. Die Gesellschaft erbittet Nachträge, die an U n i v e r s i t y College, Gower Street, London W. C. 1, zu richten sind. Deutsche Gelehrte mögen dem Gesuche um so bereitwilliger entsprechen, als die Gesellschaft die Beziehung zur deutschen Wissenschaft sofort 1919 wieder augeknüpft hat. F. L i c b e r nr a n n. * — Richard Beer - Hof m nnn : Jaakobs Traum. S. Fischer Verlag, Berlin 1919. Es gibt Dichter, die selten zu uns reden; wem: sie aber sprechen, dann haben sie uns auch etwas Besonderes zu sagen. Zu diesen gehört Beer-Hosinann, der das Vorspiel zu der „Historie von König David" schon seit 1915 vollendet hat und erst jetzt erscheinen läßt. Denn als solches ist „Jaakobs Traum" gedacht, es hat die Auserwählung König Davids zum Gegenstand! An dieser Stelle wollen wir nicht den künstlerischen Gehalt des Dramas werten — Berufenere mögen dies tun, wir wollen nnr das hervorheben, was uns an diesem Stück so jüdisch im schönsten Sinne des Wortes erscheint! — Auf Beth-El ruht Jaakob, und die Engel des Herrn erscheinen, um dem Sproß aus Abrahams Geschlecht die Zukunft seines Volkes zu künden. Das Geschick Israels drängt sich in den Worten Michaels zusammen: „Mizrajim — schwindet! Babel — wankt und fällt! Nur du — Sein ewig Volk — darfst ewig wandern - Ein ewiges Wunder Seiner ewigen Welt." Samael aber warnt Jaakob, die Sendung anzunehmen. „Es klingt mir Seligkeiten und ist Verdammnis." Michael aber in immer jubelnderer Begeisterung stellt dem Sohn Jizchaks seine Sendung als Stammvater des heiligen Volkes dar. Doch Samuel, mit Hohn und Erbitterung einfallend, entrollt die Gegenseite des künftigen Geschicks Israels: „Du Liebling Gottes, wirst der Welt verhaßter Als Pest —- als giftiges Kraut — als tolles Tier!" Er fordert Jaätob auf, von Gott zu lassen; doch dieser erklärt, nicht von ihm lassen zu können; stets nur wird fein Los der Widerschein von Gottes fernem Schicksal sein! Samael aber leugnet, daß Gott das Erbarmen gegen feinen Stamm nicht kennen wird'. — Die Engel niennen Samael einen Lügner; du ertönt die Stimme des Ewigen : - „Wahr ist Samuels Wort." Nur sein Recht darf Jaakob fordern. „Um meinen Namen magst du Unerhörtes dulden — Doch, noch in Martern, fühl', daß ich — dich nie verwarf!" So ist Jaakob-Jisro-El der neue Weg vorgezeichnet, unb als ein neuer Mensch geht er dem neuen Tage entgegen, in Demut vor dem Willen Gottes: „Herr! Was dein Wille mir auch auferlege ... Wie Krone will ich?s tragen — nicht wie Joch! Hast du mein Blut erwählt zur Feuerfackel, Die ob den W<gen aller Völker flammt . . . Laß deiner heiligen Wahl — Herr — nie vergessen. Was fern und spät noch meinem Blut entstammt! Doch wenn sie es vergessen — müde sinken Am Weg — laß sie in Kleinmut nicht vergehen. Herr - rufe, rufe — aus meinem Blute Wird immer wieder einer dann entstehen. Anfachend das, was — Herr — von dir entzündet — Heilige Glut — noch unter Trümmern schwillt. Und ihnen sagen — sagen — sagen . . . Wozu sie Gott in alle Zeit — erwählt." In wuchtigen, gewaltigen Versen, in einer Sprache, die an Kraft fast der der Thora gleichkommt, strömt das Drama dahin, das einen Markstein bedeutet in der Entwicklung der modernen Dichtkunst nicht weniger als in der des bewußten Judentums. Wer so dichten kann, der gibt durch sein Werk den Beweis, daß die Sendung, die Gott damals Jaakob auserlegt hak, auch heute noch in seinen Nachkommen lebendig ist und immer wieder Männer findet, die mit prophetischem Geist sie zu verkünden wissen! Beer-Hofmann hat in sich das Judentum erlebt, kein Judentum des Duckens, kein Judentum des Galuth, sondern ein starkes, selbstbewußtes, trotziges Judentum, wie wir es allen seinen Bekennern wünschten! Wir dürfen aber voll innerer Spannung auf die große Davids-Trilogie hoffen, die uns Beer-Hofmann noch bescheren wird! „Jaakobs Traum" ist ein Werk, das geeignet ist, uns stolz und demütig zu machen, zu gleicher Zeit. Dr. Willy Cohn. * Oskar L e h m ann: Die Leiden des jungen Mose. Eine biblische Erzählung. Frankfurt a. M., Sänger & Friedberg. 1920. 222 Seiten. Tie wuchtigste Persönlichkeit der Men schheitsgeschichte, der größte Gesetzgeber aller Zeiten und Völker ist und bleibt Moses. Die brennendste Frage der Gegenwart, die soziale, ist von ihm theoretisch gelöst, aber bisher noch nicht in die Praxis übertragen worden. Kein Wunder, daß die Erzählungen, die in der Bibel an seinen Namen. sich knüpfen, den Nachlebenden nicht genügten; die allezeit rege Phantasie wob um den Heros einen reichen Kranz von Sagen und Legenden. Oskar Lehmann, der regsame Förderer jüdischer Interessen, hat sich in die sehr reichhaltige Moses-Litera tu r vertieft! und uns als Frucht seiner Studien obiges Werk beschert. Die ausführliche Literaturangabe ist besonders sehr dankenswert. Die Anschaff'.ilng des Buches für jede jüdische Bibliothek müßte Ehrensache sein. Ob es der Jugendliteratur zuzuweisen ist, dürfte zweifelhaft erscheinen; doch würden wir es für das Alter vom fünfzehnten Jahre ab empfehlen. . , M. Sp. Warnung vor rinrm Hochstapler. Ein junger Mann, der sich Erich T r e u m a n n nennt und in der Uniform eines Sanitätsoffiziers auftritt, gibt an, der Sohn eines jüdischen Lehrers, jetzigen Oberlehrers, an einem Gymnasium zu sein und verwandtschaftlich der Familie Haase in Königsberg i. Pr. anzugehören. Er scheint vorzugsweise, wie das hier geschehen, Beamte zu brandschatzen. Besondere Kennzeichen: Ausschlag an der Backe und als Akademiker (?) mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß stehend. Magdeburg, im Januar 1920. ' M. S.