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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-16 · Heft 3 (16.1.1920) · p. Seite 35

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 3 (16.1.1920)
Date
1920-01-16
Page
Seite 35 (sequence 11)
Language
German
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Brnjamins Liebeslied. (28. Forts.) Roman von Samuel Meisels. enjamm machte eine schüttelnde Bewegung, als wollte er sich der Last «dieser Fragen entledigen. — Bald spielte wieder das spöttisch-skeptische Lächeln um seine Lippen. Er setzte sich an -den Tisch und las weiter: Trinke nur, trink' von dem schäumenden Weine des Hochmuts! Schmeichle dir selbst in deiner Größe betörendem Wahn! Einen Augenblick nur —du fällst, du stürzest in Diesen, Jäh in den brandenden Strudel reißt dich das rasende Meer; Und kein einziger ist, der dein Blut zurück von ihm fordert, „Gib ihn, o Tiefe, zurück!" kein einziger ruft's. Bei dem letzten Vors durchzuckte es ihn. Er dachte an Onkel Ehajim mit der zertrümmerten Schädeldecke, an Jossel Schlüte, dem in der Schlacht bei Grodek eine feindliche Granate das Herz zerlöcherte, und an Feiwisch Krummholz, der am Brückenkopf von Sieniawa sein Augenlicht verlor. In seinen Schläfen begann es zu hämmern, sein Hirn schmerzte. Er hatte das Gefühl, als risse in seinem Nervengewebe ein Faden nach dem anderen; seine Gedanken hüpften nur so nebenher und verschwanden auf halbem Wege. Benjamin war nicht imstande, die zur Hälfte gedachten Gedanken zusammenzuhalten und in einen geordneten Zusammenhang zu bringen. Onkel Ehajim und Jossel und Feiwisch, sie waren nicht mehr Menschen, die er gekannt, denen er im Leben nahegestanden, sie waren für ihn nur noch abgezogene Gestalten, eingeschlosfen im großen Weltereignis, wie Samen in der dunklen Erde. Wie durch Schleier sah sie Benjamin, so nah und so fern, wie im Traume. Sein Auge suchte und fand das vor ihm ausgeschlagene Buch. Er bohrte seine Blicke darein und las bis zum elften Kapitel, das mit den Worten beginnt: „Wie soll ich 'den Zeiten trauen, deren Stützen wanken?" Er horchte auf. Jodaja Hapenini, ein Dichter aus Veziers, der im dreizehnten Jahrhundert lebte, hat diese Elegie geschrieben; aber Benjamin war's, als löste sich eine Klage aus dem Sturm der Zeit. Er las diese Elegie, die in des Wortes Wohlklang grausame Wahrheiten kündet, mit wachsender Teilnahme. Und draußen klapperten die Hufe in den Straßen, es klang wie tausendfaches Zungenschnalzen. Als das herrliche heidnische Granada in die christlichen Hände Ferdinands von Aragonien und Jsabellas von Kastilien gefallen war und aus der Alhambra das Kreuz den Halbmond verdrängt hatte, da gelobte das fromme Königspaar, Gott ein Dankopfer für den großen Sieg darzubringen. Das Gelübde wurde eingehalten: die Juden Spaniens traf der Verbannungsbefehl. Bald nach dem Fall Granadas erließ König Ferdinand ein Edikt, daß sämtliche Juden Spaniens innerhalb vier Monaten aus den Gebietsteilen Kastiliens, Aragoniens, Siziliens und Sardiniens auszuwandern haben. Innerhalb vier Monaten und bei Todesstrafe — so hieß es im Edikt des Königs. Dreihunderttausend Menschen gingen damals ins Exil, dreitausend Menschenhekatomben — wahrlich, ein stattliches Opfer.- Der russische Gott ist groß, und der Kommandant, der die Stadt besetzte, sein treuer Diener. Als die schöne Stadt, fast kampflos, chm übergeben wurde, da feierte er diesen billig errungenen Sieg mit großem Triumphgeschrei — und tat ein gleiches wie einstmals König Ferdinand von Spanien. Nachdem er die Stadt besetzt hatte, war eine seiner ersten Amtshandlungen, daß er einen Ukas zur Kenntnis brachte, wonach sämtliche Juden, Männer, Frauen und Kinder, binnen acht Tagen die Stadt und ihren Umkreis zu vorlassen hätten. Der UkaS besagte ferner, daß Zuwiderhandelnde bestraft und dann zwangsweise abgeschoben werden würden. Außerdem enthielt die Kundmachung eine Aufforderung an die Juden, vor ihrem Abzüge auf dem Ringplatz, vor dem Hause des Kommandanten, sich zu versammeln, um dort „weitere Instruktionen" entgegenzunehmen. Der Ukas ries unter den Juden eine ungeheure Bestürzung hervor. Sie schlugen alle gangbaren Wege ein, um den Erlaß rückgängig zu machen; sie verlegten sich aufs Flehen und boten ein Lösegeld; sie -versuchten Gnade zu erbitten und Schonung zu erhandeln — alle ihre Anstrengungen waren diesmal vergeblich. Der Erlaß war nun einmal da und in cyrillischer Schrift in allen jüdischen Bethäusern angeschlagen; da war nichts mehr zu ändern. Kurz darauf, nachdem dieser Ukas bekanntgeworden war, erschien ein zweiter Ukas; diesmal vom Hügel-Rabbi Dowber. Dieser Ukas war nicht in cyrillischer Schrift abgesaßt und hatte einen wesentlich anderen Wortlaut. Er «begann mit den Worten: „Allezeit seien deine Kleider weiß" und enthielt eine an die „Männer des glaubensstarken Israel" gerichtete Mahnung, pünktlich am bestimmten Tage zur bestimmten Stunde auf dem Ringplatz, vor dem Hause des Kommandanten, sich zu versammeln, und zwar solle ein jeglicher, nach Maßgabe seines Vermögens und seines Könnens, für die leiblichen Bedürfnisse sowohl wie für das seelische Heil genügend vorbereitet sein; besonders die Männer des glaubensstarken Israel — so hieß es weiter in dem von Rabbi Dowber erlassenen Aufruf — mögen darauf bedacht sein, in weißen Sterbekleidern zu erscheinen, denn bei einem russischen Kommandanten könne man nie wissen, was für ein „Gesicht" seine „näheren Instruktionen" haben würden. Der Schluß des Ausrufs klang in ein Gebet aus, daß Gott der Barmherzige sich des Ueberrestes Israel erbarmen und Eltern und Kinder schonen möge, auf daß sein Namen gepriesen werde für und für. Der Aufruf des Hügel-Rabbi machte in seiner schlichten, trockenen, von jeder Rührseligkeit freien Tonart einen tiefen Eindruck: er wurde viel besprochen und als Wort zur rechten Zeit und der gegenwärtigen Seelenstimmung angemessen gutgeheißen. Dr. Riegler, der durch Benjamin von dem Aufruf des Rabbi Kenntnis erhielt, ließ sich sogleich den hebräischen Text ins Polnische übersetzen, denn er wollte diesen Aufruf als bedeutsames historisches Dokument aufbewahren. Die meisten begannen ernstlich, gemäß der Mahnung des Rabbi, sich äußerlich und innerlich vorzubereiten, denn sie wollten für alle Fälle gerüstet sein. „Wegzehrung tut not", sagten sie, „gleichviel, ob der Weg ins Leben oder aus dem Leben führt." Und sie versahen sich mit allem Notwendigen für die kurze oder für die lange Reise — fürs Exil oder für den Tod. Was sie in der Not der Zeit zusammenbringen konnten, brachten sie zusammen, einerseits: Eßwaren, Kleider, Schuhwerk, Bettzeug, Gold, Silber, anderseits: Gebetbücher, Gebetmäntel, Gebetriemen, Thorarollen; das war ihre doppelte Wegzehrung! Der achte Tag kam heran. Es war in früher Morgenstunde, wo das Dunkel der langen, schier unbesiegbaren Winternacht sich langsam in dichtes Grau aufzulösen begann, da waren die Juden der Stadt alle

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