Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-16 · Heft 3 (16.1.1920) · p. Seite 33

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 3 (16.1.1920)
Date
1920-01-16
Page
Seite 33 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
86% known words query
IRI
…/3224737-3229443-3229446--75475-3287984
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

10 entity mentions

Die Mwirklms des „Schwarzen Todes" auf Me lächlilch-thürmsilchkn Jodend Von Rabbiner Dr. Siegbert Neufeld in Briefen (Wpr.). ls in den Jahren 1348 und 1349 die große Pest, der „Schwarze Tod" genannt, Europa heimsuchte, kam über die Juden eine schwere Leidenszeit. Man sah nämlich die Ursache der Pest in der angeblichen Vergiftung der Brunnen durch die Juden und ließ an den Juden seinen ganzen Zorn aus. In den lateinischen Quellen wird es, wenn auch nur schüchtern, ausgesprochen, daß die Juden das ganze Leid verschuldet hätten, und daß sie deshalb die schwere Strafe verdient) hätten. Ein Schriftsteller jedoch weiß nicht, ob wirklich die Anschuldigung der Brunnenvergistung die Ursache der Judenverfolgung gewesen sei, und hält es für wahrscheinlicher, daß die Geldgeschäfte der Juden reich und arm verbittert und zur Verfolgung angereizt hätten^). War auch dies nur die innere, tieferliegende Ursache, so gab doch den äußeren Anlaß zur Verfolgung das Gerede von der angeblichen Brunnenvergiftung durch die Juden, das man den einfachen Leuten überall erzählte. Die Verfolgung verschonte in Sachsen-Thüringen kaum eine Gemeinde. Einige hebräische und lateinische Quellen geben ausführliche Verzeichnisse der betreffenden Ortschaften. Tie Memorbücher erwähnen die Gemeinden: Schmalkalden, Schleusingen, Hilvburghausen, Erfurt, Mühlhausen, Nordhausen, Meißen, Arnstadt, Ilmenau, Eisenach, Gotha, Egeln*), Madgebuvg, Naumburgs, Halle, Braunschweig, Merseburg, Salzungen"), Römhild, Meiningen, Koburg^), Weimar, Weißensee, Nebra, Vacha, Stolberg, Ellrich, Fran'kenhausen, Duderstadt, Sangerhausen, Göddenhausen, Heiligenstadt^), Stendal, Osterburg°). In der Erfurter Peterschronik werden die Ortschaften Gotha, Eilsenach, Arnstadt, Ilmenau, Nebra, Wy, Tennstedt, Hermsleben, Thamsbrück, Frankenhaufen und Weißensee genannt"). Einzelne dieser Ortschaften werden in mehreren, andere nur in einem Berichte erwähnt. Ob wirklich Juden in allen genannten Ortschaften verfolgt wurden, läßt sich nicht nachprüfen. Ueber die Judenverfolgungen in einzelnen Ortschaften wissen wir Näheres. In Erfurt A) Ans, der ,,Dhüringisch-sächsischeu Zeitschrift für Geschichte und Kunst", IX. Band, 1. Heft. Mit Erlaubnis des Verfassers. D i e Redaktion. 2) Judei occiöo. sunt in omnibus opidis, castellis et villis in Thuringia . . . quia infecerunt fontes et puteos veneno, ut tune manifeste dicebatur, quod multi sacci veneno pleni in fontibus et puteis reperirentur. Cronic. S. Petri Erfordens. Modern. Cont, II. Monumenta Germaniae Abtl. Scriptores BO, I, S. 470 Z. 7 f. 3) Eciam dicitur ipsos fontes et Geram Erphordie intoxicasse.. Si verum dicunt, nescio. Sed magis eredo fuisse exordium calamitatum eorum magnam et infinitam pecuniam quam barones cum militibus, cives cum rusticis ipsis solvere tenebantur. Ebenda. Cont. III S. 463 Z. 7 f. 4) Sälfeld, Das Martyrologium des Nürnberger Memorbuches S. 70, deutsch S. 255. 5) Das alte Metzer Memorbuch hat Salfeld, Martyrologium 78, liest 'V; das ist jedachi nicht unbedingt nötig, es kann auch Neuburg — Freyburg an der llnstrnt gemeint sein. «) Ebenda S. 78 (267). 7) Ebenda 79 (273); 82 (281). 8) Ebenda 83 (284). Die bei Zunz, Synagogale Poesie des Mittelalters (Berlin 1855) S. 40 f. genannten Ortschaften Gera, Kreuzburg (dieses auch Jaraczewsky, Geschichte der Inden in Erfurt, 1868, S. 25), Sondershausen sind mir aus den Quellen für dieses Jahr nicht bekannt. Salzwedel (ebenda) läßt sich aus Riedel, Codex Diplomaticus Brandenburgensis I, XIV 94 verstehen, f. unten S. 47. ö) Martyrologium 85 (287). I0) Scriptores 30, I, 462 und 470. l werden am 21. März 1349 mehr als 100 Juden erschlagen, die übrigen, angeblich mehr als 3000, verbrennen sich in ihren eigenen Häusern"). Die Verfolgung ging von der Bürgerschaft aus, der Rat war dagegen"). Unter d-en Toten nennen die jüdischen Quellen den Lohen Alexander Süßkint"), Rabbiner in Worms, Köln, Frankfurt und zuletzt in seiner Heimatgemeinde Erfurt, den Verfasser des Ritualwerkes Agudda. Zur Erinnerung wird in Erfurt als Tag der Verfolgung der erste Nissan als Fasttag beachtet"). Am gleichen Tage werden die Juden in Mühlhausen erschlagen"), unter ihnen der Rabbiner Elieser"). Schon im Februar waren die Verfolgungen in anderen thüringischen und sächsischen Städten gewesen"), eine Mitteilung nennt für Thüringen und das Meißner Land den 15. Februar"). In Nordhausen geht die Verfolgung vom Landesherrn, dem Markgrafen Friedrich von Meißen"), aus. Dieser fordert am 2.» Mai den Rat auf, die dortigen Juden wegen der Brunnenvergiftung töten zu lassen, und verspricht, die Verantwortung dafür gegenüber dem König und gegen jedermann zu übernehmen-"). Ein fast gleichlautendes Schreiben sendet er an den Rat zu Mühlhausen^) und wohl auch nach allen anderen Orten seines Gebietes. In Nordhausen wird auch der Rabbiner Jacob und sein Sohn Meir getötet22). Während hier der Landesherr selbst die Verfolgung betreibt, geht sie im Gebiet des Magdeburger Erzbischofs von der Bürgerschaft und den Bauern aus, ganz gegen den Willen des Erzbischofs und mehrerer benach- 1!) Judei interfecti sunt Erfordie per communitatem civium, invitis consulibus, centum et ultra. Alii vero plus quam tria milia, cum viderent se manus incircumcisorum non posse evadere, se ipsos in propriis domibus eremaverunt, Cron. S. Petri Erford. Mod. Script. 30, 1, 470. S. ferner Michelsen, Zeitschrift des Vereins für thüringische Geschichte IV, S. 152—158. Urkundenbuch der Stadt Erfurt II Nr. 314/16. 12) Die thüringische Fortsetzung (Deutsche Chroniken II 318) läßt die Bemerkung vom Widerstand des Rates weg, gibt als Zahlenangabe bie zwen tusent. lö) pan ^nlMarthologium 78), Tina ^N.1N inan. (Ebenda 83). Nähere Mitteilungen über Süßkind unter Literaturangabe ebenda 361. u) Zunz, Der Ritus des synagogalen Gottesdienstes (Berlin 1859), S. 127. 15) Eodem anno et die interfecti sunt Judei in Molhusen pari modo sicut in Erpliordia. Cron. S. Petri Erford. Mod. Cont, III Script. 30, I, 463. Nr künden buch der Stadt Mühlhausen S. 509 Nr. 1011. '*1 -'V'bx "1 Sin cte 1PSCQ1 (Martyrologium 78), nach Zuuz, synagogale Poesie 41, auch Mose ha-Cohen. 17) S. Script. 30, I, 462, 470. 18) Annales Veterocellenses, Script. 16, 45. In crastino Valentin! interfect, sunt omnes Judei in terra Misnensi et in Thoringia. ") Auerbach, Geschichte der Israelitischen Gemeinde Halberstadt (Halberstadt 1866), S. 17, Anm. 2 berichtet, daß nach mehreren Memorialbüchern (welchen?) die Verfolgung und Vertreibung der Juden von Nordhauseni -)Qipn also Karls IV., und nicht des Markgrafen geschehen sei. 20) „Wegen der großen Bosheit, welche sie durch Vergiftung der Brunnen an der Christenheit begangen haben, wie das erwiesen ist." Neue Mitteilungen des Thüringisch-sächsischen Geschichtsvereins XJ, 274. Jaraczewsky S. 69, Note 3. 21) Hier müßte allerdings die Verfolgung nach der Mitteilung der Peterschronik (}. S. 43 Anm. 8) schon am 21. Marz gewesen seiu. Auch die Altenceller Annalen haben ein anderes Datum (S. 43 Anm. 11). Es ist kaum möglich, die Daten miteinander in Einklang zu bringen; auch sind die Differenzen belanglos. *2) TKÖ 1 Sin 1)21 TKÖ "O -apP' 1 3“n DitÖl (Martyrolo. &tum 78). Die Verfolgung in Nordhausen ist eingehend geschildert öorr Carmolh, Der Tanz zum Tode. „Israelit" 1866. Nr. 4 bis 8, und in der Sammlung Oholiba (Rödelheim 1868), S. 186 bis 788.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.