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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-16 · Heft 3 (16.1.1920) · p. Seite 32

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 3 (16.1.1920)
Date
1920-01-16
Page
Seite 32 (sequence 8)
Language
German
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zu stellen. Er war ein überzeugter, begeisterter und unentwegter Vertreter der fortschrittlichen Richtung, und seinem Organisationstalente wie auch seiner hervorragenden Rednergabe, die er stets und überall zur Geltung zu bringen1 verstand, ist es zu danken, daß die Idee des Fortschritts in immer weiteren Kreisen Boden gewann und zugleich die Erhaltung, die Pflege und der Schutz des Deutschtums inmitten des Polentums eine wesentliche Förderung erfuhr. Bei alledem wirkte er versöhnend; er war immerfort bemüht, bei sich geltend machenden Gegensätzen nach Möglichkeit einen Ausgleich herbeizuführen, und es kann Wohl behauptet werden, daß Bärwald eigentlich weder einen persönlichen noch politischen Feind besessen hat. Den hier gekennzeichneten persönlichen Qualifikationen in Verbindung mit seiner erfolgreichen Tätigkeit auf den verschiedensten Gebieten hatte Bärwald es denn auch zu verdanken, daß er 1912 in den preußischen Landtag gewählt wurde, dem er bis zu dessen Auflösung bei Beginn der Revolution angehört hat. Wiederholt ist er da für die Interessen des Netzedistriktes mit beredten und eindringlichen Worten eingetreten. Bärwald war ein echter „Deutscher jüdischen Glaubens", dem sein Deutschtum über alles ging, der aber zugleich eine heiße Liebe für sein Judentum im Herzen hegte. Alle seine Kandidaturreden während der verschiedenen Wahl- | schlachten zeugten hiervon, denn stets verstand er es, bei der Lauterkeit und Vornehmheit seiner Gesinnung und der sichtlichen Ueberzeugtheit von seinen Ideen seine Zuhörer mit sich fortzureißen und sie für die deutsche Sache zu begeistern. Seine von Herzen gekommenen Worte gingen zu Herzen, daher waren seine Ansprachen von zündender Wirkung. Etwaigen antisemitischen Bestrebungen verstand er in der vornehmsten Weise mit ebenso viel Geschick wie Energie zu begegnen. Das traurige Geschick des deutschen Vaterlandes ging ihm sehr zu Herzen und nicht wenig trug der Gram über Deutschlands Erniedrigung dazu bei, seinen Tod zu beschleunigen. Als es nach der Revolution galt, das niedergeschlagene, aus tausend und aber tausend Wunden blutende deutsche Vaterland wieder zu neuem Leben zu erwecken, da trat Bärwald ungesäumt auf den Plan, bei dieser Wiedererwecküng mit kräftiger Hand mitzuwirken. Er begann sofort, getragen von seinen fortschrittlichen Ideen und erfüllt von der Liebe zu denjenigen seiner deutschen Gesinnungsgenossen, die irgendwelchen destruktiven Bestrebungen abhold waren, diese zu einer Vereinigung zusammenzuschließen und in der Folge die sogenannte „demokratische Partei" ins Leben zu rufen, deren Organisator und Inspirator er wurde. Und als es galt, im Januar 1919 Vertreter für die Nationalversammlung zu wählen, da konnte es nicht fehlen, daß der Name „Bärwald" als einer der ersten aus der Kandidatenliste stand, und er wurde mit großer Stimmenzahl gewählt. Als Abgeordneter der Nationalversammlung schloß er sich der Demokratischen Partei an. Bärwald ist hier nur einmal rednerisch ausgetreten, und zwar bei der Verhandlung über das Ausruhrgesetz. Justizrat Bärwald war ein scharfer Gegner des Zionismus, und er bekämpfte ihn bei jeder Gelegenheit. Seine Gegnerschaft resultierte jedoch lediglich aus sachlichen, politischen Gründen. Nahm doch sein Deutschtum fein Sinnen und Fühlen Ermaßen voll in Anspruch, daß anders geartete nationale Aspirationen ihn unberührt ließen. Er fühlte sich allzeit so sehr als Deutscher, daß irgendwelche national-jüdische Bestrebungen bei ihm auf den entschiedensten Widerspruch stießen. Er hatte die Erkenntnis gewonnen, daß gerade die Juden der an Polen abzutvetenden Gebiete der Provinz Posen sich jeder national-jüdischen Propaganda zu enthalten hätten, wollten sie sich nicht dereinst, wenn sie unter polnische Herrschaft gelangt sein würden, großen Gefahren aussetzen. Er ermahnte stets, die 31t erwartenden Dinge ruhig und gefaßt an sich herankommen zu lassen und die neue Herrschaft nicht. zu reizen und sie zu verhängnisvollen Maßregeln zu zwingen, die nur geeignet sein würden, die jüdische Glaubensgenossenschaft in eine bedrängte Lage zu bringen. Bärwald wollte stets ein „jüdischer Deutscher", nicht ein „deutscher Jude" sein und hätte gewiß auch unter polnischer Herrschaft sein Deutschtum nicht verleugnet. — Eine besonders segensreiche Tätigkeit entfaltete Justizrat Bärwald im Interesse der Bromberger Synagogengemeinde. Mehr als 30 Jahre gehörte er dem Repräsentantenkollegium an, und vor mehreren Jahren trat er in den Vorstand ein, dessen stellvertretender Vorsitzender er bis zu seinem Hinscheiden war. An der gedeihlichen Entwicklung der Gemeinde hatte Bärwald einen wesentlichen Anteil. Trotz seiner fortschrittlichen Anschauungen war er selbst für mäßige Reformen nicht zu haben, wenn solche bei der Mehrheit der Gemeindemitglieder keine Billigung fanden. Für die Beamten der Gemeinde hatte er ein warm fühlendes Herz und reichte gern seine Hand dazu, wenn es darum galt, deren materielle und soziale Stellung zu heben. Das jüdische Vereinsleben fand in Bärwald einen eifrigen Förderer. Er war Mitbegründer der Bromberger Loge „Eduard Lasker" des U. O. B. B., wiederholt war er deren Präsident. Auch der „Verein für jüdische Geschichte und Literatur" ' sowie der „Verein zur Förderung des Handwerks bei den Juden" entstanden auf seine Initiative hin. Der Jugendbewegung versagte er seine Unterstützung nicht, und als es .galt, den Bromberger Jüdischen Jugendverein nach Kriegsende wieder ins Leben1 zu rufen, da war es besonders der Verstorbene, der dabei dem Schreiber dieses, als dem Ersten Vorsitzenden des Jugendvereins, mit Rat und Tat zur Seite stand, so daß der Verein in ganz kurzer Zeit eine Mitgliederzahl von über 300 erreichen konnte. Der jüdischen Lehrerschaft in den abzutretenden Gebieten der Provinz Posen bekundete er sein besonderes Wohlwollen. In einer Unterredung, die Schreiber dieses mit dem Verstorbenen kurz vor seinem Hinscheiden hatte, erklärte er sich gern bereit, mit den in Betracht kommenden Ministern in Verbindung zu treten und für die Rechte der in Polen zurückbleibenden jüdischen Beamten leinzutreten. * Der Lebens- und Entwicklungsgang Bärwalds war ein ganz normaler. Bärwald entstammte einer hochgeachteten Familie in Thorn, wo er am 3. Dezember 1860 geboren wurde. Er verlebte eine glückliche Jugend. Seinen Vater verlor er schon früh durch den Tod. Da nahm seine geistvolle, hochgebildete Mutter die Erziehung ihres einzigen Sohnes in die Hand. Das Haus Bärwald war dazumal lange Zeit der Mittelpunkt des geistigen Lebens innerhalb der Thorner Gemeinde. Neben dem Sohne galt die Fürsorge der Mutter auch der einzigen Tochter, der nachmaligen Gattin des vor einigen Jahren verstorbenen Thorner Gymnasialprofessors Dr. Horwitz. Der junge Bärwald besuchte das Gymnasium in Thorn und studierte dann in Heidelberg, Leipzig und Berlin Rechts¬ und Staatswissenschasten. Im Jahre 1887 ließ sich Bärwald in Bromberg als Rechtsanwalt nieder, wurde 1908 zum Notar ernannt und war seit 1902 Mitglied des Vorstandes der Anwaltskammer in Posen. Die Nachricht vom Tode des Justizrats Bärwald wurde in allen Kreisen der Stadt Bromberg mit tiefstem Bedauern entgegengenommen. Schätzten doch alle, die ihn kannten, an ihm den lauteren, vornehmen Charakter, und wußte man doch, daß er nicht um äußerer Vorteile willen der Oeffentlichkeit ' gedient hat, sondern aus idealer Hingabe an die Sache. Der Name Bärwald wird in Zukunft in Ehren mit den Namen all derjenigen Männer genannt werden, die sich um die Stadt Brombevg verdient gemacht haben. Bromberg. I. H e r z b e r g.

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