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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-16 · Heft 3 (16.1.1920) · p. Seite 31

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 3 (16.1.1920)
Date
1920-01-16
Page
Seite 31 (sequence 7)
Language
German
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wie diese!" Unsere Zeitgeschichte hatte tatsächlich einen solchen Stoff in die Hände des Oberhauptes der Neuen Welt gespielt. Die Alte Welt lechzte nach Befreiung, als er das große Wasser überschritten hatte, . um ein neues, besseres Europa zu zimmern. Allein bald richteten die eben befreiten kleinen Nationen die Schlünde der Feuer und Verderben speienden Instrumente gegeneinander, obwohl ihre Machtsphären noch nicht einmal festgelegt worden waren. Ein Dialog im Midrasch (Gen. R. 68) dürfte diese sonderbare Gestaltung der Ereignisse -dem Verständnis näher bringen. Eine römische Matrone richtete an Rabbi Josi die wohl als Scherz aufzusassende Anfrage, was denn Gott, der doch die Welt in sechs Tagen erschaffen hatte, seither mache. Der Rabbi versetzte ebenfalls im scherzenden Ton: „Er besaßt sich mit Eheschließungen." Die Matrone bemerkte: „Eine solche Tätigkeit könnte ich ja auch übernehmen!" Sie stellte darauf tausend Sklaven und ebensoviel Mägde in Reih und Glied auf und führte jedem Mann eine Frau zu. Allein schon am nächsten Morgen entdeckte sie, daß die neuen Ehepaare mit zerschlagenen Schädeln und mit Wunden an Händen und Füßen sich befanden. „Was ist denn euch zugestoßen?" fragte sie nun teilnahmsvoll. Sie antworteten ' weinend: „Es entstanden unter uns Schlägereien, da des Nachts jeder Mann des anderen Ehehälfte und jede Frau einen anderen Ehegespons haben wollte, und daher kamen unsere Verwundungen." -- Die Matrone begab sich sofort zu Rabbi Josi und gestand, daß die von Gott ausgehenden Eheschließungen keine solche Folgen aufweisen. - - Der Oberste Rat in Paris hat die alten staatlichen Ehen mit dem Prädikat: „von Gottes Gnaden" — Oesterreich-Ungarn, Deutschland-Polen usw. — aufgelöst und neue gegründet. Dadurch sollte dem verhängnisvollen Nationalitätenhaß möglichst vorgebeugt werden. Allein schon die ersten Flitterwochen der neuen Staatsehen verliefen sehr blutig. Kämpfe auf allen Seiten. Unzufriedenheit rechts und links. Not und Anarchie in allen Staaten und keine Aussicht auf Besserung. Und doch wünschen sämtliche Nationen nichts sehnlicher als Rühe, Konsolidierung und Sammlung herbei. Kant ermahnt in seiner Schrift „Zu m e w i g e n Frieden" die Teilnehmer an einem Kriege, daß sie nie alle Brücken abbrechen, die zueinander führen. Eine Brücke muß immer erhalten bleiben, um später etwaige Annäherungsversuche möglich zu finden. Die Gegner im Weltkriege haben tatsächlich sämtliche Brücken zerstört, die sie ehemals verbunden hatten. Ihre Waffen verwandelten die Tiefen des Meeres, die Meeresspiegel, die Erdoberfläche und die Höhen der Luft in wüste Kampfplätze. Und die Grausamkeiten der Männer des Schwertes gegenüber der feindlichen, aber auch gegenüber der eigenen Bevölkerung — wer vermag sie zu schildern? — Doch lehrt Kant, daß kein Friedensschluß Keime des Hasses und der Erbitterung zurücklassen dürfe, um einen nochmaligen Krieg a limine unmöglich zu machen. Hat einmal die Tankwaffe das Ende des Blutvergießens herbeigesührt, so sollte nun der Kant-Frieden allein Platz finden. Denn die Völker, die unter den Grausamkeiten des Krieges litten, leiden nicht minder unter den Folgen eines harten Friedens. Diese rufen den Machthabern zu: „Lasset nicht Europa verbluten!" Helfet einander Wunden heilen, Tränen trocknen und Schäden gutmachen! Es sei fürderlich weder Freund noch Feind unter euch, da alle Menschen leidtragend und schwergeprüft sind. — Nähert euch gegenseitig, denn die Zukunft Europas ist in Gefahr! Do. I. Ei send erg (Dobrisch l>. Prag). | ffuftigrat Moritz Mrwald. "j ie Bürgerschaft Brombergs sowohl als auch die Synagogengemei nde daselbst haben einen schweren, schier unersetzlichen Verlust zu beklagen: der Justizrat Moritz B ä r. w a I d , der Besten «einer, ist nach längerem Leiden in Berlin, wo er seit zwei Wochen weilte, um in einem dortigen Sanatorium Heilung zu suchen, unerwartet in der Nacht zum Freitag, den 26. Dezember 1919, verstorben. Mit dem Dahingeschiedenen ist ein Mann ins Grab gesunken, der im öffentlichen Leben Brombergs und weit über dessen Gemarken hinaus auf kommunalem und politischem Gebiete eine lange Reihe von Jahren eine führende, maßgebende Rolle gespielt hat. Sowohl als Jurist als auch als Stadtrat und Politiker stand er namentlich in der letzten, so bewegten Zeit mit an der Spitze, und er war wegen seines tiefen, vielseitigen Wissens, seiner praktischen Erfahrungerl und seiner außergewöhnlichen Sachkunde in allen Kreisen, selbst bei den politischen Gegnern, beliebt und hochgeschätzt. Diese hervorragenden Eigenschaften waren es auch, die dazu führten, daß Bärwald schon in verhältnismäßig frühen Jahren in das Magistratskollegium berufen wurde, ohne daß er vorher Stadtverordneter gewesen war, wie das sonst üblich ist. Auf dem Gebiete der Stadtverwaltung galt der Verklärte als Autorität, und keine Maßnahme von Bedeutung wurde getroffen, ohne daß vorher seine Meinung und sein Urteil eingeholt worden wären. Er hat sich um die Entwicklung der Stadt unsterbliche Verdienste erworben, und nur seine schwankende Gesundheit zwang ihn, sein Amt als unbesoldeterStadtratzum größtenLeidwesendergesamtenBürgerschaft anfangs 1919 niederzulegen!, nachdem er dieses Amt seit 1902 bekleidet hatte. Die Berussgenossen Bärwalds schätzten diesen sehr hoch, und alle Juristen, gleichviel ob Richter oder Anwalt, hörten gern sein Urteil und seinen Rat. Seine Klienten zählten daher auch zu den ersten Gesellschaftskreisen, wo ihm ein unbegrenztes Vertrauen entgegengebracht wurde. Seine Leutseligkeit wie auch seine stets bekundete und bewährte Hilfsbereitschaft brachten es zuwege, daß auch andere Kreise sich vertrauensvoll an ihn wandten, da er stets allen, die seine Hilfe und seinen Rat erbaten und in Anspruch nahmen, in der uneigennützigsten Weise helfend und ratend zur Seite stand. Auf politischem Gebiete entfaltete Bärwald eine äußerst rege Tätigkeit. Obwohl sein Beruf große Anforderungen an ihn stellte, da er ein vielbeschäftigter und gern ausgesuchter Rechtsanwalt und Notar war, fand er doch noch Zeit und Muße, in ausgedehntem Maße sich in den Dienst der Politik Iustizrat Moritz Bärwald geb. 3. Dezember 1860 zu Thorn, gest. 26. Dezember 1919 in Berlin.

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