Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1920)
- Date
- 1920-01-16
- Page
- Seite 30 (sequence 6)
- Language
- German
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30 Gaben auch pl-anmä-tzig u>n.b -entsprechend verteilt werden. SZökelh weilt bereits über Zwei Wachenin^ Budapest. Selber ein gebürti.ger Ungar, der schon seirtz Jahren in New York tätig ist, hat er sich ein warmes HerZ sür alle ungarischen Angele gonhert-en bewahret llnd seiner Anh-ä-ngl-iÄMtl .an sein GeburMan-d schon wiederholt beredten Ausdruck verliehen. Den ungari-schen Journalisten Szekely knüpft «aber auch das Band der konfessionellen Gemeinsamkeit an die ungarische Judenschast, aus deren Mitte er hervorgegan-gen ist und deren Leiden er nunmehr aus eigener Ueber- Zeugung kennenlern:>. Ten Amerikaner Szekely, der in seinem zweiten Batertande gewöhnt war, den Menschen nur vom rein menschlichen Standpunkte Zu beurteilen, m>ußte die an tifemi,tische Hoch'sl'Uit in Ungarn ebenso besreinbli-ch! berühren, wie sie den Ungarn und den Juden Szek-ety schmerzlich berühren mutzte. In einem Interview, das Adalbert Szekely dem Mitarbeiter des Kampforganes der ungarischen Judenschaft, des „Egyenlöseg", gewährtei äußerte sich der angesehene Journalist auch über die Frage des ungarischen Antisemitismus. Szekely beleu-chtele vor allem die Toleranz, die den Turchschni-ttsamerikaner in bezug aus religiöse und konfessionelle Fragen charakterisiert. In Amerika ist der Antisemitismus unbekannt, dort leben die einzelnen K-oufessi-onen und deren. Seelsorger in größter Eintracht, die so weit: geht, daß die C-eetsorger der verschiedenen Konfessionen in. den meisten größeren Städten sich in der Leitung der Gottesdienste abwechseln, jo daß es nicht zu den Seltenheiten gehört, daß z. B. der unitarische Seelsorger Sonntag den Gottesdienst seiner eigenen Konfession, am Sa-m.s..a,g darauf den Gottesdienst der jüdischen Mitbürger' leitet und auch' vice versa. Er führt dann fort: „Was nun den hiesigen Antisemitismus betrifft, so glaube ich, daß es ein Unglück des ungarischen Judentums .gewesen, daß die Hauptsührer der Bolschewisten in beträchtlicher Zahl Juden gewesen. Ter Antisemitismus ist aber um so weniger berechtigt, als ja zur Zeit der roten Terrorherrschaft Christen und Juden gleichmäßig gelitten haben und es auch nicht bezweifelt werden kann, daß in Ungarn Juden und Christen gleichmäßtg über den Sturz dieser Schreckensherrschaift erfreut waren. Was nun die meritorische Seite der Sache betrifft!, sehe ich die Lage nicht .so düster, als sie vielleicht auf der einen oder anderen Seite dargestellt wird. Ich weiß, daß dem Ungarn das, was der Amerikaner square deal (Billigkeit) nennt, im Blute liegt. Dafür, was einzelne verblendete, fanatische Anarchisten begangen haben, können nicht Unschuldige verurteilt werden, und einige verworfene, Menschen können nichii mit einer ganzen Religionsgemeinschaft unter einen Scheffel gestellt werden. Zn einer Zeit, da in der ganzen Welt die denwtr-a tischen Ideen, baspolitische Leben beeinflussen, wird das ungarische Volk seinein traditionellen Freisinn nicht treu-los werden." Adalbert' Szekely gab zum Schlntz seines Interviews der Ueberzeugung Ausdruck, daß der heutige Antisemitismus in Ungarn nichii von langer Tauer sein werde. Ter verlorene Krieg, der Bolschewismus und seine Folge: die allgemeine Not an Lebensmitteln und Heizmaterial, haben dem Ausbruch der Massenleidenschaften Nahrung. zugeführt, und es war den wenigen Agitatoren nicht schwer,, die Juden als Sündenbock für die -allgemeine Not hinzu-stellen. In -dem Matze jedoch, in dem diese Verhältnisse sich bessern werden, wird auch der Antisemitismus i>n dem Augenblick spurlos verschwinden', in welchem die -oft unangenehmen Erinnerungen des verlorenen Krieges, der- Revolution und des Bolschewismus verschwinden. J. K. * Die Juden in Rumänien und Polen. Bukarest, 7. Januar. Beim Abschluß des Vertrages über den Schutz der nationalen Minderheiten in Rumänien hat der Oberste Rat den Rumänen das Zugeständnis gemacht, daß der ursprünglich vorgesehene Einleitungssatz sortfiel. In diesem war zum Ausdruck gebracht, daß Rumänien bisher den Berliner Vertrag, d. h. den Vertrag von 1878, der auch Schutzbestimmungen für die rumänischen Juden enthielt, nicht erfüllt hätte. Hinsichtlich der jüdischen Minderheit sind den Rumänen insgesamt erheblich geringere Verpflichtungen auferlegt worden als den Polen. Nach Artikel 7 des Minderheitsschutzvertrages ist Rumänien nur verpflichtet, seinen jüdischen Einwohnern ohne Formalitäten unter Gewährung voller Gleichberechtigung das Bürgerrecht zuzuerkennen, während der entsprechende Vertrag mit Polen auch Schutzbestimmungen für die Sabbatruhe und für eine eigene jüdische Schulverwaltung vorsieht. * Sir Stuart Samuel im Komitee der jüdischen Delegationen in Paris. Das Londoner Jüdische Korrespöndenzbureau meldet aus Paris: Am 13. Dezember v. I. fand eine Vollsitzung der Mitglieder des Komitees der jüdischen Delegationen und einiger anderen jüdischen Persönlichkeiten statt, in der Sir Stuart Samuel, der Leiter der offiziellen englischen Kommission zur Erforschungder Pogrome in Polen, über seine Erlebnisse in Polen berichtete. Aus den Ausführungen von Sir Stuart Samuel ging hervor, welch. schweren Kampf das Judentum Polens noch durchmachen muß, um volle rechtliche Anerkennung sowohl als Bürger wie als Volkstum zu erlangen. Anderseits war es aber klar, daß ein erfolgreicher polnischer Staat ohne die Hilfe der Juden gar nicht aufgebaut werden kann. Die Ueberzeugung aber, daß insbesondere die wirtschaftliche Renaissance Polens nur mit Hilfe der inländischen und ausländischen jüdischen Faktoren zustande kommen kann, muß schließtich trotz aller Konflikte und Reibungen auch die Polen zur Einsicht bringen, wie dringend -ein gedeihliches Zusammenleben für beide Völker ist. Mit Genugtuung begrüßt das Komitee der Delegationen die darauf folgende Erklärung des Sir Stuart Samuel, daß der 'Board of Deputies, die jetzige Repräsentanz des englischen Judentums, dessen Vorsitzender er ist, an den künftigen Arbeiten des Komitees der jüdischen Delegationen aktiv und direkt teilnehmen wolle. L. J. K. Lik jpot der jfrikdensvrrtrsge. in Gefühl der Wehmut lastet auf Mitteleuropa! Verzagtheit und Enttäuschung bemächtigten sich nicht nur der besiegten Staaten, sondern auch derer, welche sich zu den sogenanrkten Siegern zählen zu sollen glauben. — Nicht die Empfindung eines verlorenen Krieges bedrückt die Völker der Zentralstaaten, sondern — was noch viel nachhaltiger wirkt — die eines verlorenen Friedens. Solange das unglückselige Volkerringen noch wütete, hoffte man, daß mit dem letzten Kanonenschuß auch der unzähmbare Nationalitätenhaß sein Ende finden und die Morgenröte einer neuen besseren Zukunft erstrahlen werde. Nun sehen wir noch immer — ein Jahr nach dem Weltbrand — drohende Wolken, die sich an mehreren Stellen des Horizonts zusamm.enziehen und sich als schlagende Wetter zu entladen drohen. Noch immer kocht und brodelt es im großen Hexenkessel des Ostens. Noch immer beunruhigen Kriegsberichte und Wehklagen einer seufzenden Bevölkerung das verzweifelte Europa. Zentraleuropa erscheint nicht mehr b a l k a n i s i e r t, sondern vulkanisiert! Nach unsagbaren Wehen und Schmerzen haben die Friedensverträge zu Versailles und St. Germain das Licht der Welt erblickt. Allein sie mußten das allgemeine Vertrauen enttäuschen! Stellen -sie doch das Produkt von völlig einseitigen Beratungen und Verhandlungen dar! — Die Schöpfer derselben bekundeten einen solchen Macht- und Landhunger, daß sie mit hungerigen Magen vom Verhandlungstische ausstanden! Ist es dann ein Wunder, daß trotz Friedensverhandlungen und Demarkationslinien um jeden Fetzen Landes die blutigsten Kämpfe geführt wurden? — Und die Grundsätze Wilsons? — Wer kümmert sich um dieselben! Diese sollten, laut dem Versprechen ihres Autors, die Kraft äußern, einen Neubau Mitteleuropas vorzunehmen, dieses Jammertal in eine wohnliche Stätte zu verwandeln und dem Urheber den Dank der Mit- und Nachwelt einzutragen. Kant tut in seiner „Naturgeschichte des Himmels" - den Ausspruch: „Gebt mir Stoff und ich schasse eine Welt