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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-16 · Heft 3 (16.1.1920) · p. Seite 29

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 3 (16.1.1920)
Date
1920-01-16
Page
Seite 29 (sequence 5)
Language
German
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sie auf ihre angeblich liberale Weltanschauung hinweist; in der Praxis ist sie längst die Schleppenträgerin der Reaktion geworden, eine Tatsache, die die Verhandlungen in den Parlamenten immer von neuem beweisen. * Polnische Bestialitäten. Die Warschauer „Naje Arbajter Caitung", das Organ der Jüdischen sozialdemokratischen Arbeiterpartei (Poale-Zion) Polens, veröffentlicht, wie der Berliner „Vorwärts" vom 7. Januar mitteilt, folgenden Brief, der dem Abgeordneten Dr. Schipper von politischen Gefangenen verschiedener sozialistischen Parteien aus dem Minsker Gefängnis zugegangen ist: „Genossen! Erreicht Euch denn nicht der Verzweiflungsschrei Eurer Genossen, die in den polnischen Gefängnissen in Minsk schmachten? Wißt Ihr nichts von den grausamen Taten, die gegen Eure verhafteten Genossen begangen werden? Oder wißt Ihr vielleicht doch, aber Ihr habt keine Möglichkeit, irgendwelche Maßnahmen zu ergreifen? Allabendlich werden die Räume des Minsker Spionagedienstes in ein Schlachthaus verwandelt. Die politischen Verhafteten werden wie Schafe gebunden, Hände und Füße Zusammen, und sie werden auf bloßen Leib mit eisernen Ruten mörderisch geschlagen. Damit sie nicht schreien, wird ihnen der Mund mit Tüchern verbunden. Auch Frauen werden mit Ruten auf bloßen Leib geschlagen. Kranke und schwache Frauen werden in kalte und finstere Einzelkammern eingesperrt. Wenn der Abend anbricht, wird die Stimmung unter den Verhafteten aufgeregt, denn niemand weiß, ob nicht heute ihn das Schicksal treffen wird. Genossen! Organisiert eine Protestaktion, damit die breiten Massen ihren Zorn gegen die an ihren verhafteten Genossen begangenen Gewalttaten zum Ausdruck bringen. Verliert keine Zeit, denn Zeit kostet Opfer. (Folgen mehrere Unterschriften.) P. 8. Wir legen einige blutgetränkte Tücher als Beweis bei. Sorgt dafür, daß alle sozialistischen Zeitungen unseren Hilferuf zum Abdruck bringen. Eine Interpellation der jüdischen Stadträte in der Sitzung der W i l n a e r Stadtverordnetenversammlung vom 13. Dezember 1919 berichtet: Dienstag, den 8. Dezember, wuxden am hellichten Tage ungefähr 60 Juden, junge und alte, durchgepeitscht. Um 2 Uhr mittags wurden am Bahnhof, in der Nähe der Frachtabteilung, etwa 8 0 jüdische Träger und Fuhrleute umzingelt. Man forderte von allen Pässe. 20 Personen, die polnische oder deutsche Pässe mit sich hatten, wurden befreit. Die übrigen ließ man zurückhalten und durchpeitschen, wobei jeder 5 bis 15. Peitschenhiebe erhielt. Die ganze Gruppe mußte eine Werst weit auf der Eisenbahnlinie laufen. Die Alten, die nicht Schritt halten konnten, wurden mit Gewehrkolben geschlagen. Nachdem sie alle bis zu den Kasernen getrieben wurden, wurden sie in Reih und Glied aufgestellt und paarweise ins Innere geführt, wobei sie mit Nagaikas (Peitschen) und Stöcken geschlagen wurden. Hierauf wurden sie in ein besonderes Zimmer geführt. Darin befand sich eine Bank, neben welcher Leute mit Nagaikas standen. Ein Aelterer bestimmte, wieviel Peitschenhiebe jeder zu erhalten habe. Jeder der Juden mußte sich auf die Bank legen. Man setzte sich ihnen auf den Kopf und die Füße, und zwei teilten mit Nagaikas und Stöcken die Hiebe aus. Nach der Exekution befahl man« den Opfern, nach Hause zu gehen. Beim Weggehen wurden sie wieder geschlagen. Unter den Opfern befinden sich ein 13jähriger Junge und ein 75jähriger Greis. Der Stadtrat beschloß in geheimer Sitzung, in dieser Angelegenheit eine Delegation an die höhere Behörde zu entsenden. Am 14. Dezember hat eine Delegation der Jüdischen Gemeinde dem polnischen Hauptkommandierenden der litauischweißrussischen Front über die Vorgänge sowie über eine Revision in der Wilnaer Synagoge berichtet, bei welcher sogar Ausgrabungen im Innern der Synagoge vorgenommen wurden. Angeblich wurden aus der polnischen Intendantur' entwendete Sachen gesucht. Der General fragte die Delegation, ob sie sonst was zu berichten habe, und als er daraus eine verneinende Antwort erhielt, entließ er die Deputation ohne Antwort. * Der Antisemitismus in Tirol. In Tirol nimmt der Antisemitismus gewisser Kreise außerordentlich zu. Aus einer Versammlung von Antisemiten wurden folgende Beschlüsse gefaßt: 1. Erklärung der Judenschast als Nation. Zu Juden werden diejenigen gerechnet, bei denen auch nur ein Vorfahr in den letzten drei Geschlechtssolgen Jude gewesen ist. 2. Ueberprüfung aller seit August 1914 erteilten Heimatsrechte. 3. Verweigerung von Gewerbe- und Handelskonzessionen. 4. Unzulässigkeit des Ankaufs von Grund und Boden, Pachtungen, Hypotheken usw. seitens der Juden. 5. Verweigerung der Aufnahme der Juden in die neue Armee. 6. Ausschaltung der Juden aus dem Zeitungsgewerbe. 7. Einschränkung der Juden beim Schul- und Universttütsbesuch und Ausschaltung der Juden als Lehrer. 8. Namensänderungen der Juden seit dem 1. August 1914 sind rückgängig zu machen und für alle Zukunft zu verbieten. 9. Beamten-, Advokaten- und Aerztestellen dürfen Juden nur im Verhältnis ihres Prozentsatzes zur allgemeinen Bevölkerung erhalten. (In ganz Tirol gibt es etwa 1200 Juden.) 10. Ausschluß der Juden vom Richteramt, Staatsanwaltschaft und öffentlicher Verwaltung. Vertreter der jüdischen Gemeinden haben sich über die „Judenhetze in Zeitungen und durch Plakate" beim Landeshauptmann beschwert. Der Landeshauptmann versicherte den Juden, daß ihnen nichts geschehen werde, solange die italienische Besatzung in Innsbruck sei; dann könne er sich allerdings nicht weiter für ihre Sicherheit verbürgen. Der Innsbrucker Oberstaatsanwalt, an den die Herren die Bitte richteten, der Hetze kraft seines Amtes entgegenzutreten, erwiderte, es hätte deshalb keinen Zweck, weil bei den Tiroler Gerichten, insbesondere den Schwurgerichten, die Hetzer ja ohnedies freigesprochen würden. K. f. d. 0. * Protest der Liga für Menschenrechte gegen die Answeisnng der galizischen Inden ans Wien. „Humanite" vom 27. Dezember v. I. schreibt: Man erinnert sich des ergreifenden Aufrufes, der unlängst in unseren Spalten zugunsten der galizischen Juden in Wien erschienen ist. Die Liga für Menschenrechte protestiert gleich uns gegen die Ausweisung dieser obdachlosen Unglücklichen. Sie verlangt von der französischen Regierung, daß sie die Ausführung eines Beschlusses, welcher mitten im Winter in einem von der Hungersnot heimgesuchten Lande einer Riedermetzelung gleichkäme, nicht zulassen möge. Wir schicken Brot nach Wien: es soll für alle genug sein. So will es die Gerechtigkeit! * Der Antisemitismus in Ungarn. Ungarn, dieses Kanaan Europas., das in früheren Jahren einen großen Teil des europäischen Kontinents mit Nahrungsmitteln zu versehen vermochte, hungert heute im strengsten. Sinne des Wortes, -und der stets empfindlicher werdende Mangel an Lebensmitteln, besonders an Brot, bedroht die ganze nächste Generation lniti den, unausbleiblichen Folgen der Unterec nährung. Das American Comittee for Hungarian sufferes hat vor Monaten im Interesse der Versorgung der hungernden Kinder Budapests eine groß angelegte Aktion eingeleitet, deren segensreiche Folgen sich -schon nach wem,gen Monaten zu zeigen beginnen. Tausende von armen, Kindern erhalten von dieser mit amerikanischem Gelde aufrechterhaltenen Aktion nahrhafte Verköstigung, ittlNd die Bevölkerung der ungarischen Hauptstadt wird dein amerikanischen Komitee stets ein warmes Gedienten widmen. Das amerikanische Zentralkomitee hat nun den New Korker Redakteur Adalbert Szekely nach Budapest zur Kontrolle dessen entsendet, ob die für die Ernährung der ungarischen Jugend bestimmten

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