Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1920)
- Date
- 1920-01-16
- Page
- Seite 28 (sequence 4)
- Language
- German
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- 28 nationalistischen Verlogenheiten und Radikalsieber gesundet, Unvernunft ebenso -wie Schmierigkeit ansschaltet und der Welt in rechtschaffenem, reinem Cmporstreben seine Lebenskraft zeigt. Werden wir das haben können, was man eine „Politik", eine auswärtige, nennt? Wenn wir die Politiker dazu haben werden, dann ja. In der Ferne verblaßt das Bild des Völkerbundes, das zum Zerrbilde geworden war, mehr und mehr. Er bleibt das Ideal, zu dem die besten Menschen hinstreben werden, aber nach dem Nebel zu Haschen, an ihn allem sich anklammern zu wollen, ist keine Politik. Wir haben zunächst die Pflicht, die Vertragsbedingungen, die wir unterschrieben haben, ehrlich und nach besten Kräften zu erfüllen. Wir haben dann die Pflicht, n i ch t s unbenutzt zu lassen, was uns Möglichkeiter friedlich zu einer Abänderung des Vertrages zu gelangen, erschließt. Es gibt nur den friedlichen Weg, es darf und kann keinen anderen geben, und nur gewissenlose Verführer oder phrafenberauschte Phantasten rufen in vernunftsschwachen Gemütern andere Träume wach. Es gibt nur den friedlichen Weg, aber ihn muß man immer unb überall suchen, bis er gefunden sein wird." Hoffen wir, daß diese ernste Mahnung in so ernster Zeit einen kräftigen Widerhall im Herzen des deutschen Volkes finden wird, dann können wir der Zukunft, wie düster sie auch aussieht, mit frischem Mut entgegengehen. * Die Juden im Heere. In der antisemitischen Propaganda der letzten Monate hat die Behauptung eine große Rolle gespielt, daß die Juden während des Krieges sich vom Heeresdienst gedrückt hätten, eine Behauptung, die freilich nur auf Gedankenlose Eindruck machen kann, die nicht bedenken, daß es ja nicht von den Einzuziehenden, am allerwenigsten von jüdischen Einzuziehenden abhing, ob sie Heeresdienst leisten mußten oder nicht. Nun ist es den Antisemiten angeblich gelungen, das amtliche Material über die am 1. November 1916 vom preußischen Kriegsministerium veranstaltete Statistik der deutschen Kriegsteilnehmer (Juden) zu „erlangen", d. h. wenn ihre Behauptung richtig ist, zu entwenden. Die konservativ-antisemitische Presse, die „Kreuzzeitung" sowie andere Blätter haben bereits Artikel veröffentlicht, in denen anscheinend das Material dieser Statistik verwertet worden ist. Danach sollen sich Anfang 1917 befunden haben: beim Feldheer 27 515, in der Etappe 4752, im Besatzungsheer 30 005 Juden, also zusammen 62 272 Juden. Außerdem sollen weitere 15 999 bereits ausgemustert gewesen sein. Dazu wird bemerkt: Im günstiger Falle kann also davon gesprochen werden, daß von den 566 699 Juden in Deutschland 78 271 für den Heeresdienst für tauglich befunden worden sind. Nach der jüdischen Behauptung soll jeder fünfte Jude eingezogen gewesen sein, also 20 Prozent, während in Wirklichkeit nach fast 2l/> Kriegsjahren nur jeder neunte Jude iw Heeresdienst stand, das macht also 11 Prozent der Juden aus. Der Eenträlverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hat zur Prüfung der schon früher erhobenen Beschuldigung einer besonders großen Drückebergerei der Juden in jahrelanger mühsamer Arbeit ein sorgfältiges Material über die Beteiligung der deutschen Juden am Kriege gesammelt und in einer kleinen Schrift: „Die Juden im Heer" zusammengestellt. Er erklärt aus Grund dieses Materials die antisemitischen Angaben für wissentlich unwahr und für eine schamlose Täuschung der Lesfentlichkeit und stellt fest: „1. Tie Statistik vom 1. November 1916 war mehr als laienhaft; sie stellte nur ein Momentbild dar. So wurde, wer schwerverwundet im Lazarett lag, als Heimkrieger, wer nach jahrelangem Frontanfenthalt g. v. in der Etappe war, als etappenzugehörig aufgeführt, 2. Selbst bei Unterstellung der Richtigkeit des antisemitischen Ziffernmaterials ergibt eine Kriegsteilnehmerzahl von 78 271 von 566 999 Gesamtzahl nicht 11 Prozent, wie die antisemitische Rechenkunst sertigbringt, sondern rund 14 Prozent! 3. Anfang 1919 hat eine sorgfältige statistische Erhebung auf Grund von für 1914/15 abgeschlossenen, für die späteren Jahre noch nicht ganz vollständigen Perfonalkarten durch Vermittlung der jüdischen Kultusgemeinden ergeben, daß 96 638 deutsche Juden Heeresdienste geleistet haben. Diese Zahl hat sich nach dem inzwischen fast vervollständigten Material auf über 100 000 erhöht. 4. Der Prozentsatz der jüdischen Kriegsfreiwilligen beträgt über 20 Prozent. Die Zahl der jüdischen Frontkämpfer entspricht der ihrer christlichen Kameraden. 5. Die Zahl der mit dem E. K. I ausgezeichneten jüdischen Kämpfer beträgt nach den bisherigen Ermittlungen' 896,!die der zu Offizieren 'beförderten zwischen 2000 und 2290. 6. Bei der von Den Antisemiten genannten Zahl von 566 999 Juden in Deutschland — nach der letzten Zählung 1910 waren es sogar 615 020 — müssen die jüdischen Reichsausländer — in Preußen 38 844, in Deutschland über 70 000 — in Abgang gebracht werden, da diese nicht von Deutschland, sondern von ihren nichtdeutschen Heimatstaaten zum Heeresdienst einberufen wurden. 7. Es ergibt sich sonach, daß von den deutschen Staatsbürgern jüdischen Glaubens — unter 540 000 — beträchtlich über 100 000, d. h. also etwa 20 Prozent der gesamten deutschen Juden an dern gegenwärtigen Kriege teitgenvmmen haben, ein Ergebnis, das in allen Ehren vor der breiten Oeffentlichkeit wird bestehen können. Für alle diese Angaben befindet sich das sorgfältig gesammelte und geprüfte statistische Material namens- und ziffernmäßig in unseren Händen," Damit ist dieser antisemitischen Hetze der Boden entzogen. Wer sich an ihr beteiligt, der schmäht das Andenken derjenigen, die für die Verteidigung des Deutschen Reichs ihr Leben eingesetzt haben, und macht damit sich selbst verächtlich. * Eine „Absage" der Deutschen Bolkspartei an die Deutschnationalen. Der deutschnationale Abgeordnete v. G r a e s e hat in diesen Tagen der Deutschen Volkspartei in einesm Artikel nahegelegt, in der Dentschnationalen Partei auszugehen. Die beiden Parteien, schrieb er, könnten ihre programmatischen Grundsätze getrost miteinander austausch-en, ohne daß einer der beiden Teile dadurch in Verlegenheit kälme. Die Deutsche Volkspartei scheint aber - wenigstens äußerlich — wenig Verständnis für das Liebeswerben des Herrn v. Graese zu haben, denn sie läßt in ihrem Parteiorgan erklären: „Wir wollen die Behauptung des Herrn v. Graese nicht näher auf ihre Berechtigung untersuchen, denn selbst, wenn sie zu träfe, würde dadurch nichts an der Taffache geändert, daß die Deutschnationale und die Deutsche Volkspartei auf verschiedene Wurzeln zurückgehen und daß sie desh a lb ihrem inneren Wesen nach vonein a n d e r abweich e n. Die liberale Weltanschauung, von der die Anhänger der Nationalliberalen Partei erfüllt waren, lebt und webt mich in der Deutschen Volkspartei, und sie fordert heute ihr Recht und wird es um so nachdrücklicher fordern, je mehr die demokratische und soziald e uw kra ti sche P o l itik äbw i r tschaftet. Es ist zuzugeben, daß es zunächst ans die 11 e b erwind u n g d e r d e m okratischen und s ozia f d e m akratischen Part e i - w irtschaft ankommt. Solange wir in diesem Kampfe mit den Deutschnationalen Schulter an Schulter stehen, verbinden uns dieselben Auffassungen über die Schädlichkeit des gegenwärtigen Systems und dieselben nationalen Grundanschauungen. Das gibt im politischen Tageskampf f a st i m m e r e inen Z u s a m me n k l a n g, wenn auch der.Ton manchmal etwas verschieden ist. Und es ergibt auch die Notwendigkeit, in einer Front gegen links zu kämpfen. Wer durch dieses taktische Zusammengehen und Zusammenstehen wird die oben gekennzeichnete Wesensverschiedenheit nicht berührt. Aber man könnte allenfalls auch, über di«ese Grundverschiedenheit durch einen engeren Zusaminenschluß hinweggehen, wenn es die Sache erforderte und wenn der Sache dadurch tatsächlich gedient wäre. Das ist indessen nicht der Fall." Die Deutsche Volkspartei will demnach, bemerkt dazu das „Berliner Tageblatt", den Schein einer völligen Selbständigkeit gegenüber der reaktionären äußersten Rechten wahren, indem