Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1920)
- Date
- 1920-01-16
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
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27 Zwecke bestimmt, daß die Zahl der Proselhten sich vermehre. Rabbi Hosaja sagte: Eine Wohltat - hat Gott den Israeliten erwiesen, indem er sie unter den Nationen zerstreut hat. Rabbi Jvchanan hat unbeschadet seiner schwärmerischen Liebe für Erez Israel („Wer auch nur einen kurzen Aufenthalt in diesem Lande nimmt, sichert sich das ewige Heil") das biblische Wort: „Ich werde mich erbarmen derer, die noch kein Erbarmen fanden, und werde zu denen, die nicht mein Volk sind, sagen, daß sie zu meinem Volke gehören" aus die universalistische Ausbreitung des Judentums gedeutet (Pesachim 87). In Uebereinstimmung damit erklärte er auch, daß jeder, der das Heidentum ablehne, als Jude zu betrachten sei (Megilla 13) und daß die Nichtjuden außerhalb Palästinas nicht als Götzendiener anzusehen sind, wenn sie auch gewohnheitsmäßig überlieferte heidnische Bräuche halten (Ehullin 13). Den Verzicht auf eine beschränkte nationale Rettung zugunsten der erwarteten Erlösung des ganzen Menschengeschlechts drückt er (Midrasch Tehillim 3K) durch folgendes Gleichnis aus: „Ein Mann hat ein Licht angezündet, es brannte jedoch nicht lange und erlosch. Er zündete es wieder an, und es erlosch noch einmal. Daraus sagte er: Jetzt unterlasse ich jeden weiteren Versuch und warte lieber, bis die Sonne aufgeht." So ergeht es uns (nachdem die wiederholten Versuche staatlicher Selbständigkeit gescheitert sind). Wir erwarten nicht mehr eine Erlösung durch Menschenhand, sondern „unser Erlöser ist der Ewige der Heerscharen, sein Name ist der Heilige Israels. Er negiert vollständig die sogenannte „Judennot". Er sagt, daß es nur eine Not -der Menschen ohne Unterschied des Stammes und Bekenntnisses gebe. Nur solche Leiden, welche von Juden und anderen Völkern gleichmäßig erduldet werden, sind wirkliche Leiden; solche aber, die nur von Juden allein erduldet werden, verdienen diesen Namen nicht (Midrasch rabba Waethchanan). Man kann wohl nicht deutlicher die vollkommene Solidarität des Judentums mit allen Menschen und Völkern ausdrücken. Dieses auf die Ausbreitung seiner Gedanken und Lehren in allen Weltteilen bedachte Judentum war allein für die Ewigkeit geschaffen. Es konnte an bestimmten Gedenktagen Erinnerung der Trauer dem Zusammenbruch des ehemaligen staatlichen Lebens im eigenen Lande widmen, aber selbst am 9. Ab enthalten die Gebete wie an allen anderen Tagen des Jahres unzählige Aussprüche der Dankbarkeit und Glückseligkeit darüber, daß uns das angenehme Los zuteil wurde und wir dazu auserseh e n w u r d e n, uns zu den höchsten Wahrheiten zu bekennen und sie in der ganzen Welt zu verbreiten. Das ganze Morgengebet' von Anfang bis zu Ende erscheint selbst an den Traueetagen, trotz der eingestrerlten Klagen, als ein einziger Hymnus der Lebensfreude und des Jubels über die Weltstellung des Judentums, ebenso wie für die Erneuerung der Kräfte desselben durch das festgefügte System der Ritualvorschristen eine unversiegbare Quelle gegeben ist. Diel weniger, als es schon vor zweitausend Jahren dem Geiste der Besten unseres Volkes entsprach, kann es in unseren Zeiten, nachdem die Ausbreitung und Einbürgerung des jüdischen Volkes in allen Ländern und Weltteilen zur unwiderruflichen Tatsache geworden ist, als höchstes I d.e a t betrachtet werden, daß das Judentum wieder zusammenschrumpfe und sich auf ein armseliges abgesondertes Dasein innerhalb der engen territorialen Grenzen seiner alten nationalen Heimat beschränke, selbst wenn die Durchführung einer solchen Konzentration im Bereiche der Möglichkeit wäre. Es ist ausgeschlossen, daß wir auf die unbegrenzten Möglichkeiten verzichten, welche uns seit der Zeit der Propheten gegeben wurden und deren wir uns immer bedient haben, um uns überall unter den Völkern einzubürgern und die Kulturentwicklung derselben mitzumachen. Wir stehen dadurch nicht etwa auf tieferer Stufe, sind dadurch auch als Volk nicht arm, inferior, ohne Eigenbesitz und notwendigerweise von anderen abhängig — wie es von manchen aufgefaßt wird —, denn das Maß unserer Abhängigkeit oder Freiheit, unserer Schwäche oder unserer Kraftentfaltung können wir infolge unseres geistigen Besitzes immer autonom regeln. Unser eigener moralischer Reichtum ist so groß, daß wir der Umgebung immer mehr spenden, als wir von ihr empfangen. Keine Nation ist so groß und mächtig, daß wir ihr gegenüber nicht mit Stolz auf die für die gesamte Menschheit wichtigen und heiligen Traditionen Hinweisen könnten, deren Träger wir sind. Dazu gehört allerdings, daß wir selbst diese Traditionen über alles heilig halten und sie in unserem eigenen Leben in einer Weise zur Geltung bringen, daß die anderen unser Wirken und Schaffen in der Mitte der Völker als einen Segen für dieselben erkennen. Sir Mache B e r lin, 12. Januar ndlich, nach langen bangen Monaten ist es dazu gekommen, daß der Friede in Kraft getreten ist. Der H). Januar, der Tag der Inkraftsetzung des Friedensvertrages von Versailles, wird in der Geschichte Deutschlands, mit dessen Geschick wir Juden als Staatsbürger in gleicher Weise wie unsere andersgläubigen Volksgenossen aufs innigste verbunden sind, fortleben, aber zu den großen Tagen wird er nicht gezählt werden. Dieser Tag, an dem der Kriegszustand zwischen den Völkern aufgehört hat, an dem «der Friedenszustand wieder leingetreten ist, hätte ein Dag werden können, der ein Markstein in der Geschichte der Völker dieser Erde gewesen wäre. Dazu ist es nicht gekommen, und daß es nicht dazu gekommen ist, daran tragen wir nicht die Schuld. Die Sieger wollten keinen Völkerfrieden, sondern sie wollten die Früchte ihres Sieges, und diese Früchte sind genau verzeichnet, Paragraph für Paragraph, in dem dickleibigen Werk des Friedensvertrages von Versailles. Wenige Tage vor der Niederlegung der Ratifikationsprotokolle hat sich der Oberste Rat noch dahin ausgedrückt, daß er eine Trenzsestsetzung ' im Osten, die Deutschland Ortschaften läßt, die unbedingt deutsch sind, nicht zulasten wolle, daß er sich vielmehr Wort für Wort an d-e Stipulationen des am 28. Juni unterschriebenen Friedensvertrages halte. Wenn wir nun aufatmen, tun wir es in dem Bewußtsein, daß unseren Gefangenen die Freiheit wiedergegeben wird. Das allein ist die Befreiung, die uns der Tag gebracht hat. Im übrigen müssen wir uns jetzt mehr denn je darüber klar werden, welche Lasten wir zu tragen haben. Der Friedensvertrag wirkt jetzt mit seiner ganzen Schwere, und als allererstes wird die Gefahr der drohenden Auslieferung unserer Volksgenossen und das Schicksal des früheren Kaisers in Frage kommen. „Vielen im Volke," schreibt Theodor Wolfs im „Berliner Tageblatt" vom 10. Januar, „wird jetzt erst klar werden, was dieser Friede zu bedeuten hat. Die „Commission des reparations" wird sich in Berlin einrichten, Fronvögte werden unsere Schritte lenken und überwachen, und das deutsche Volk, das sich eben sein Selbstbestimmungsrecht erobert hat, wird abhängig von fremden Machthabern fein. Das Schauspiel muß für die Zuschauer draußen und für kommende Generationen grenzenlos trübe sein, wenn unter wlchem fremden Zwang moralische Haltlosigkeit sich breitmachen kann. Wir können diese Zeit nur ohne tiefeil. nnauslöschbaren Schaden überdauern, wenn Deutschland sich von Schieberschwindel und schamloser Gewinngier frei macht, aus