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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-16 · Heft 3 (16.1.1920) · p. Seite 26

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 3 (16.1.1920)
Date
1920-01-16
Page
Seite 26 (sequence 2)
Language
German
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— 26 wenn auch nur av\ einen engen Kreis sich beschränkenden religiösen Festigkeit und ohne eine im Praktischen Leben bemerkbare Tendenz zu einer territorialen Konzentration. Seit der ersten staatlichen Katastrophe, der einzigen, welche einen wirklichen Eindruck auf das ganze Volk hervorgerufen und zu einer radikalen Aenderung seiner Ideologie geführt hatte, seit dem Babylonischen Exil, waren »die Judäer unter Einfluß der prophetischen Lehren bereits so sehr von dem Drange beherrscht, losgelöst von einem bestimmten Territorium, überall individuell durch ihre Intelligenz und ihre Fähigkeiten hervorzuragen, daß die ganze Welt ihnen als einziges von Gott für das ganze Menschengeschlecht geschaffenes Heimatland erschien. („Des Ewigen ist die Erde und was sie füllet, das Weltall und seine Bewohner.") Die ungeibildeten „Ame Haarez" gingen -dabei zumeist im Heidentum unter, der „Rest" aber, der kleine, treue Volksteil, welcher das Judentum als heilige Überlieferung erhielt, fand seine Freude und seinen Stolz darin, in der Mitte der Völker „wie der befruchtende Tau und wie der Löwe unter den Tieren des Waldes" zu weilen (Micha V, VI). Es ist keinem in den Sinn gekommen, die Zerstreuung für einen Fluch zu halten. Im Gegenteil, als während der letzten Zeit des zweiten Tempels die Zerstreuung eine immer größere geworden war, wurde dies von jüdischen Schriftstellern zum Ruhme des Volkes hervorgehoberp). Der kleine und ohnmächtige Staat, der nur durch eine ganz kurze Zeit von Gnaden der Römer' eine gewisse „Selbständigkeit" hatte (es lag im Interesse der Römer, an der Peripherie ihres Reiches kleine, schwache Staaten unter ihrem Schutze zu erhalten), dauerte im ganzen etwa 72 Jahre*) (141—-70 v. Ehr.; während des folgenden Bruderzwistes zwischen Hhrkan und Aristobul begann die offizielle römische Okkupation) und konnte keinen großen Einfluß auf die Gemeinden in Aegypten, Syrien, Babylonien und Medien ausüben, welche damals schon zum Teil, wie Alexandrien, an Wohlstand und Bildung die Bevölkerung Palästinas überragten. Jedenfalls haben die Begründer des uns überlieferten Judentums sich gegenüber der Entwickelung des Staates sehr indifferent verhalten, soweit sie nicht gegen ihn direkt eine Abneigung bekundeten. Im Zeitalter nach Alerander dem Großen, um 300 n. Ehr., galten bereits die Juden unter den Gebildeten vielfach als Bekenner einer bestimmten Lehre. Theophrast bezeichnet die Juden als ein Geschlecht der Philosophen. Klearchos aus Soli erzählt, daß sein Lehrer, der Philosoph Aristoteles, einmal ein Gespräch mit einem Juden aus Syrien hatte, den er folgendermaßen schilderte: „Die Juden gehören zu der Gruppe der Philosophen, welche nach dem Lande Judäa benannt werden und eine Stadt, genannt Jerusalem, besitzen. Der Jude, mit welchem das Gespräch stattfand, war hellenisch nicht nur durch seine Sprache, sondern auch durch seinen Geist. Während meines Aufenthaltes in Asien machte er sich -) Es ist doch jedenfalls nur m* Ehre des Stammes, was Stvabo von Josephus (Antiquitatum XIV, 7, 2) zitiert, „sie sind jetzt schon in jeder Stadt verbreitet und man kann nicht leicht einen Ort in der Welt finden, welck)er dieses Volk nicht beherbergt und nicht in seiner Gewalt ist". Ganz verfehlt ist es daher, wenn Graetz seine Darstellung von der Ausbreitung des Judentums (III, 4. Ausl., S. 396) mit dem Satze einleitet: „Keinem Volke der Welt ist an der Wiege schon das Lied von endloser Wanderung und Zerstreuung vorgesungen worden wie dem judäischen, und dieses s ch a u r i g e Wiegenlied ist in e r s ch r e ck l i ch e r Buchstäblichkeit in Erfüllung gegangen." Dem kann entgegengehalten werden, daß der Ruf an den Urahn Abraham gelautet hat, er möge sein Vaterland verlassen und in ein fernes Land ziehen, damit seine Nachkommen zum Segen für alle Völkerstämme der Erde werden. 4) So ungefähr berechnet auch die rabbinische Tradition die Dauer des Hasmonüer-Staates (siehe Räschi zu Sanhedrin 97b) mit mir und anderen Weisen bekannt, aber wir haben mehr bon ihm gelernt." (Zitiert von Josephus, Apion I, 22). Meq a sthenes (Gesandter des Seleukos Rikator um 300 v. Ehr.) schreibt in seinem Buche über Indien: „Die Ansichten der Weisen über die Natur finden sich bereits bei den Philosophen außerhalb Griechenlands, teils in Indien bei den Brahmanen und teils in Syrien bei denen, die Juden heißen." Die jüdischen Gemeinden aus ganz Kleinasten, dem Norden Afrikas und den Küsten des Schwarzen Meeres, aus Kappadozien, Ephesus, Tarsus, Thessalonik, Korinth, Rom sandten jährlich Spenden und Geschenke für den Tempel, aber man kann nicht sagen, daß dessen Bestand ihnen als unerläßlich erschienen wäre. Die Zerstörung des Tempels — ein Ereignis, welches ein Mann wie Rabbi Jochanan ben Sakkai mit ruhiger Bestimmtheit erwartet Hatte — hat tatsächlich kerne große Erschütterung hervorgehoben. Beachtenswert erscheint mir hierfür folgendes literarische Argument: Für den 9. Ab, den Tag der Tempelverbrennung, gibt es unter den zahlreichen Trauer-- gedichten nicht eine einzige Strophe, keinen einzigen Satz außer den Klageliedern Jeremias vom 6. vorchristlichen Jahrhundert und den erst etwa im 8. oder 9. Jahrhundert n. Ehr. (vom Dichter Kalir und noch späteren Autoren) verfaßten mittelalterlichen Elegien. Während der ganzen Folge der Jahrhunderte seit der zweiten Tempelzerstörung hatten doch überall Gelehrte und Schriftsteller, Rabbiner, Prediger und Vorbeter in den jüdischen Gemeinden gelebt, die mit der hebräischen Sprache vertraut waren, aber keinem Menschen war es eingefallen, auch nur einen Satz aus Anlaß des Unterganges des zweiten Staates oder des zweiten Tempels einzuschalten. Als man aber im Mittelalter in Zeiten der Not und der Bedrängnis anfing, Trauerhymnen zu verfassen, war das Bild der tausendjährigen Vergangenheit bereits sehr verschwommen, und man unterschied nicht mehr zwischen den babylonischen, römischen und byzantinischen Zeiten der Not. Wie verhält es sich nun mit diesen Trauerhymnen selbst und mit der Erinnerung Jerusalems in den Gebeten? Darin besteht der zweite Irrtum, daß die Zions-Hoffnung, welche ihrem Ursprünge nach als prophetisches Ideal eine universelle Bedeutung hatte und sich auf ein künftiges Reich der Gerechtigkeit und Wahrheit für alle Völker bezog, nach den blutigen Verfolgungen im Mittelalter durch das unmittelbare Rettungsbedürsnis des Stammes einseitig als Hoffnung auf nationale Konzentration und physische Befreiung von den Leiden aufgefaßt wurde. Den Propheten,. welche mit Begeisterung von Zion und Jerusalem als dem Ausgangspunkte des Gotteswortes an die Menschheit sprachen, war die nationale Konzentration etwas ganz Unwesentliches. Sie haben zwar den Staat, in welchem sie lebten, auch in ihrer Vision für die Zukunft als Mittelpunkt betrachtet (wobei zu erwähnen ist, daß die hebräische Sprache, in welcher sie redeten, auch in Tyrus, Damaskus, Ninive und Babylon verstanden wurde und damals den Rang einer Weltsprache einnahm), aber wenn sie sagten: „Von Zion wird die Lehre ausgehen und das Wort Gottes von Jerusalem", so lag der Nachdruck auf „Lehre" und „Wort Gottes" — im Gegensatz zu Waffengewalt und zu jeder materiellen Macht, durch welche Länder erobert und Staaten regiert werden. In späterer Zeit haben nicht nur die hellenistisch gebildeten, assimilierten Juden in Alexandrien, sondern ebenso noch die palästinensischen Amoraer in den Jahrhunderten nach der zweiten Tempelzerstörung, trotz ihrer Anhänglichkeit an das Heilige Land es für die Bestimmung des Judentums gehalten, in allen Ländern der Welt verbreitet zu sein und am Leben aller Völker teilzunehmen. Rabbi Eloazar sagte: Die Wanderung der Israeliten ins Exil wurde von der Vorsehung zu dem

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