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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-16 · Heft 3 (16.1.1920) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 3 (16.1.1920)
Date
1920-01-16
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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84. Jahrgang. Nt. 3 ÜHlflCfltfcittC verUn, 16. Januar 1020 Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Nllaemeine Diese Zeitung erscheint wöchentlich. I ' Begründet VON Abonnements.Preis: durch den Buch. D o k U J « «i. n - r «« A X ~ DU : 1 : M M M Handel oder die Post (in Berlin und vor.^'I Rä v D ittCT &/T* LiU(l W IQ Pl)ll!ppfOn orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen _ vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. -.....I Verlag: Rudolf Messe, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgenr. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf rNoZse, Berlin. Inhalt:-^" unb .- WeltsteMng des Judentums. Von Dr. - . - /Armand Kaminka. — Die Woche. — Die Not der Frredensverträge. Von Dr. I. Eisenberg (Dobrisch bei Prag). — Iustizrat Moritz Värwald. Von I. Herzberg (Bromberg). — Die Einwirkung des „Schwarzen Todes" auf die sächsisch-chüringischen Juden. Von Rabbiner Dr. Siegbert Neu seid (Briefen, Westpr.). — e u i l l e t o n : Benjamins Liebeslied. Roman don Samuel M e i s e l s. — Literarische Mitteilungen. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums ): Berlin, Königsberg i. Pr., Danzig, Bremen, Stargard i. P. Leipzig, Dresden, Hannover, Gießen, Zürich, Wien, Lodz. — Von Nab und Fern. Syltem und SArllltellung des Judentums. Von Dr. A.ritiün d Kamink a. I. II. Das Judentum als weltgeschichtliche Erscheinung*). ^^^as Judentum, wie es in der Welt zur Erscheinung gelangt ist, stellt sich dar als das Leben der Juden in der Mitte der anderen Völker. Ein anderes Judentum hat niemals lange bestanden und kann vielleicht für die Dauer auch nicht bestehen. Es ist immer als eine geistig höher stehende Gemeinschaft hervorgetreten, deren Angehörige sich in allen Ländern und Weltgegenden einbürgern, und die durch Ideen von ewiger Geltung eine Gewähr für ihren Bestand bis ans Ende der Zeiten besitzt. Die Idee gibt ihren Trägern Lebenswillen und Kraft. Um eine richtige Vorstellung darüber zu gewinnen, in welchem Maße für das Judentum die Zerstreuung seiner Anhänger in der Welt wesentlich ist-), muß man eine dicke Staubschicht entfernen, welche sich in der Literatur angesammelt hat. Es müssen irrige Vorstellungen ausgeschaltet werden, welche sich teils zu einer Zeit gebildet haben, da die historische Kritik noch etwas Unbekanntes war und in volkstümlichen Legenden die Zeitperioden der Vergangenheit gegeneinander nicht abgegrenzt wurden, teils auch in neuerer Zeit Verbreitung fanden, als man zwar die Geschichte des Judentums wissenschaftlich durchforschte, sich aber dabei zu wenig von externen Einflüssen fernhielt. Namentlich zwei große Jrrtümer sind es, welche eine Verwirrung angestiftet haben, und durch welche erschwert worden ist, die Entwickelung des Judentums im richtigen Lichte zu sehen. Der eine Irrtum ist mit Bezug auf das Ende des staatlichen Lebens des Volkes entstanden. Durch verschiedene Umstände — z. B. dadurch, daß im alten Midrasch Ueberlieferungen aus der Zeit von Nebukadnezar, Titus und Hadrian durcheinandergeworfen werden; daß der ‘) Hebräisch im „Heathid" IV (1912). ->) Dies steht, wie noch ausgeführt werden wird, keineswegs im Widerspruch zu den bei >der gegenwärtigen Weltlage m ö g l i ch g e w o r d e n e n Bestrebungen für Wiedererrichtung eines hebräischen N a t i o n a l st a ai e s : diese zu fördern, ist eine Frage p r a k t i s ch e n I n t e r e f si e s., Begriff der „Tempelzerstörung" häufig als eine Katastrophe des Volkes in seiner Gesamtheit und diese Katastrophe wiederum als identisch Mit dem Untergange des eigenen Staates hingestellt wurde; daß die Schriften des Josephus und anderer Persönlichkeiten, welche nicht im traditionellen Judentum gelebt haben, sowie auch die neutestamentlichen Schriften auf unsere Geschichtsschreibung einen Einfluß gewonnen haben — bildete sich allgemein die Ansicht heraus, daß die Verbrennung des zweiten Tempels durch die Römer den Schlußpunkt einer großen, glänzenden Epoche, der Epoche des staatlichen Lebens und zugleich den Anfang der Epoche des Unheils bilde, als welches das Galuth, die Zerstreuung in der Welt, betrachtet wird. Für die christlichen Theologen ist diese Auffassung eine natürliche und notwendige. Da dieser Wendepunkt ungefähr mit der Zeit des Hervortretens des Christentums zusammenfällt, so ist das für sie eine Bestätigung, daß am Volke Israel sich ein Fluch erfüllt hat, daß das Judentum als Religion jede Existenzberechtigung verloren hat und an dessen Stelle der um diese Zeit der Welt geschenkte neue Bund getreten ist. Die christliche Theologie konnte es nicht sehen, daß dieser bereits von Jeremias (31, 32) verkündete neue Bund gerade im Judentum als Religionsgemeinschaft an Stelle des Staates steht (wenn auch der Prophet Jeremias selbst neben seiner Begeisterung für die neue, von Gotteserkenntnis erfüllte, von hohen ethischen Zielen geleitete, sündenreine Gemeinschaft als Zeitgenosse des staatlichen Zusammenbruchs von Trauer über das erlebte Elend des Volkes erfüllt war). Seit dem Babylonischen Exil, seitdem die Jesajaischen Trostreden bei den Besten und Edelsten des Volkes den Gedanken wachgerufen hatten, daß Israel mit Geringschätzung auf die Finsternis herabschauen müsse, welche alle Länder bedecke, daß alle Nationen auf sein Licht angewiesen sind, daß der Geringste in dieser Gemeinschaft Tausenden den Weg zeigen kann, daß, wenn auch Fremde die Schafe weiden und die Aecker bestellen, die Juden als Diener Gottes, als priesterliches Volk eine hohe Aufgabe in der Welt haben — seit dieser Zeit fing das Judentum an, weltgeschichtlich hervorzutreten, indem es die Tendenz zur Ausbreitung in fernen Ländern immer deutlicher zeigte. Schon zur Zeit des Cyrus war es in ganz Kleinasien, in allen Küstenstädten und, wie man jetzt weiß, „jenseits der Ströme Abessiniens" verbreitet. Es ist leicht festzustellen, daß der Tempel, welcher durch die aus Babylonien rückwandernde Gruppe in Jerusalem wieder errichtet wurde, nicht mit einem politischen Staatsgedanken in Verbindung war. Das Judentum fühlte sich in der ganzen Welt als Gemeinschaft von Bekennern eines religiösen Gedankens. Das Bild, welches das Buch Esther zeigt, läßt die Juden in den 127 Provinzen des persischen Reiches politisch ungefähr ähnlich orientiert erscheinen wie in Unseren Zeiten in Europa und in Amerika, d. h. vom Streben erfüllt, in der Mitte der Völker zur Geltung zu gelangen, mit einer ungewöhnlichen.

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