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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-09 · Heft 2 (9.1.1920) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 2 (9.1.1920)
Date
1920-01-09
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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schule zeichnete. Er zeigte, wie sein Vater das Oberrabbrnat von Amsterdam ablehnte, loeU ihm die Eröffnung einer Religionsschule nid)t zugestanden wurde und er lieber dem Rufe an die damals ganz kleine A d a ß - I i s r o e l - G e m e i n d e in Berlin folgte, wo er schon nach drei Wochen die Religionsschule eröffnen konnte. Viele Einzelheiten aus den Vorgängen innerhalb dieser fünfzig Jahre belebten die Ausführungen des Redners. Namens , des Gemeindevorstandes stattete dann der Delegierte im Schulvorstand, Naftali Stern, der Schule und ihrer Leitung den Dank für ihre bisherige Tätigkeit ab. Im Aufträge des R a b b i n e r s e m i n a r s , das mit der Religionsschule im engen Zusammenhang steht, weil eine große Anzahl ehemaliger Schüler das Nabbinerseminar besucht hat und besucht, anderseits das Lehrerkollegium der Religionsschule sich zum größten Teil aus Hörern des Seminars zusammensetzt, sprach Dozent Tr. E p p e n st e i n Glückwünsche aus. — Herr Sanitätsrat Dr. Fel dt ergriff das Wort, um sich als einer jener Schüler vor^ zustellen, nrit denen vor fünfzig Jahren die Schule eröffnet wurde. Namens der ehemaligen Schüler sprach noch Ministerialrat Dr. Leo D e u t s ch l ä n d e r aus Kowno sowie ein Vertreter der jetzigen Schüler. Der Ehorgesang des Psalmes 150 beschloß die eindrucksvolle Feier. 22 Berlin, 6-. Januar. „Shylock, Nathan. Judith." Drei Meilensteine auf dem Wege zur Menschheitsversöhnung . . . So zeigte uns Julius Bab diese gewaltigen Menschengestaltungen Shakespeares, Lessings und Hebbels in einem herrlichen Vortrag, den er am Sonntag, 21. v. M., auf Einladung des „Jüdisck>liberalen Jugendvereins" im dichtbesetzten Grünen Saal (Köthen-er Straße 88) hielt. In einer Epoche tiefster seelischer Depression, die Nur jetzt durchleben, so führte der Redner ans, beantworten die Werke, denen die Gestalten des Themas entnommen sind, die Frage nach der Möglichkeit einer Verständigung der christlichen und jüdischen Deutschen mit -einem lauten „Ja". Daß jüdische Westn christlichen- Dichtern als Repräsentanten des Menschlichen dienen, ist ein bedeutsames Anzeichen. Tenn während im Mittelalter d'e alleinberrschende katholische Kirche die Grenze der Knlturgenreinschaft darstcllt. kann Sbakesveare, nachdem die Renaissance das Gefühl re?n ini'nschlichen Wertes erlveckt batte, zum erstenmal einen Inden als Menschen anfstellen. Das ist die erste Station ans dem Weoe der inneren Emanzivation des Judentums. Der Jude wird von einem christlich-germanischen Dichter als Mensch empfunden, der denselben Leiden und Fronden wie seine Alitmenschen unterworfen ist. Kann er aber auch, an den höchsten Zielen der MelN'chheit teilnehmen? Diese Frage beantwortet Lessina. wenn er im „Nathan" einen Inden als Träger und Verkünder reinen Geistes im Sinne spinazistischer Ethik darstellt. Ter letzte und höchste Schritt ist es. lvenn Hebbel nun nicht mebr das Verbindende hervorkehrt, wledern beweist, das; die jüdische Eigenart ebensogut wie jede andere oeeignet ist. sich dem menschlichen Ziel zu nähern. In seinem großen Drama ..Judith" schafft cr die Tragödie des Menschen, der es Umat, die Gesetze der Natur zu verletzen, um der Idee willen; die jüdische Tragödie. Aber die jüdische Art. das Göttliche zu suchen auch über das Naturmögliche Hinalls, den Sprmlg in den Abgrund Gottes zu wagen, hat ewiges Recht und tiefen Sinn im Hallshalt der Welt. So kann es eine innere Frelndbeit zwischen Juden und Christen nicht ulehr geben, nachdem drei im tiefsten Gr linde christliche undgermanische Dichter (ähnlich midi der Jude Beer-Hoffmann) also gesprochen haben. Verständnislosen Menschen aber rufen wir Heinrich v. Kleists Worte zu: „Ich bin dir wobl ein Rätsel? Nun, tröste dich: Gott ist es mir!" Langanhaltender Beifall lohnte dem Redner für seine geistvollen ilnd aufschlußreichen Allsfübrllngen. Neben den überaus reichen literarischen Anregungen erschien uns als besonders wichtiges Moment die Tatsache, daß Bab an Hand seiner literarischen Belege ebenfalls die Möglichkeit einer Verständigung zwischen Juden und Christen, einer Synthese von Deutschtum und Judentum, bewiesen hat. Botho Lase r st ein. er. Danzig, 2. Januar. Tas jüdi s ch e L e b e n i n u n s c r e r Stadt ist sehr rege geworden, alle Parteien und Richtungen entfalten eine rege Wirksamkeit. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens bemüht sich, das deutsche Heirnatgesühl der hiesigen Juden zu stärken und lebendig zu erhalten. In der lebten Versammlung dieses Vereins sprach Schriftsteller Dr. M a r x aus Berlin über das Thema: „Die antisemitische Gefahr und ihre Bekämpfllng". Er kennzeichnete die systematische Kampfweise der Antisemiten, beleuchtete-deren Propaganda lind wies auf die Notwendigkeit einer tatkräftigen Abwehr und Aufklärung hin. Wie der Vorsitzende hierauf mitteilte, haben sich'vor wenigen Tagen in Danzig sämtliche jüdische Vereine und Organisationen zu einem Arbei.tsaussd)uß zu gemeinsamer Bekämpfung des Antisemitismus zusammengeschlossen. In ausgedehnter Aussprache wurde übereinstimmend die Notwendigkeit erkannt, zur Selbsthilfe zu schreiten, um in planmüßiger, entschiedner Weise der unsinnigen Hetze begegnen zu können. — Breslau, 2. Januar. In der hiesigen „Morgenzeitung" schreibt der bekannte Landschaftsmaler Heinrich Tüpke in bezug auf das Palästinaproblem: Die jüdischen Mitbürger sehen einer großen Hoffnung entgegen, die Verwirklichung naht. B'elleicht werden uns viele der Besten verlassen. Die antisemitische Hetze ist so groß, daß sie gerade denjengen Juden, die Ehrgefühl besitzen, den Aufenthalt bei uns gründlich verleiden kann. Auch in Künstlerkreisen aller möglichen Krlnstzentren höre id) oft das hämische Sdstmpfen auf die Juden. Man verkauft ihnen Kunst, nimmt als Gegenwert ihr Geld, trotzdem man sie verachtet. Was-ersd)eint wohl verächtlicher, als Jude zu sein oder freundlichst ihr Geld einzustr-eichen und hinterher auf sie zu schimpfen? — Wer hat Sinn für bildende Künste, für Musik? Wer schmückt mit Vorliebe sein Heim künstlerisch aus? Der Jude. - Geht in den Orchesterverein, dort seht hr meist Juden! Geht ins Varieie, dort seht ihr meist Christen! — Gibt das nicht zu denken. Ihr Schaffenden der freien Berufe, habt ihr euch das überlegt, tuc-nu soundso viele Juden als Kunstfreunde und Kunstkäufer uns verlorengehen? Wenn wir so viele Intelligenzen, die fid) mit Ueberzeugung und Geld für jeden Fortschritt einsetzen. verl'eren müssen? Ich habe sowohl in Agrarwie Adelskreisen einerseits und in Judenkreisen anderseits verkehrt. Dort ist überwiegend die Reproduktion von Jagd- und Pferdebildern zu Hause, her überwiegend das meist gute Gemälde, die Plastik als Original. Ihr, die ihr den Stab über die Juden brechen wollt, habt ihr schon genügend viel in Judenkreisen verkehrt? Wißt ihr, welche hohe Geschmacks- und Geisteskultur prozentualiter im Uebergewicht dort gepflegt wird und zu Hause ist? — Halle a. S., 2. Januar. Der erste Vorsteher unserer Synagogengelueinde, Herr Jacob H i r s ch , verschied am 27. Dezember nad) 85jähriger Täti-akeit tut Dienste der Gemeinde. Ter Heimgegangene bekundete schon im frühen Maunosalter reges Interesse für die religiösen und sozialen Aufgaben des Kultus. Er Uw längere Zeit erster Vorsitzender des Repräse ntant.enkollcgiums und fast zloei Jahrzehnte erster Vorsitzender des Vorstandes. Durch sein männliches, gerades Wesen, hat er das Wohl der Gesamtheit gefördert: unter seiner Leitung hat sich die hiesige Synagoaengemeinde in glücklid?en Friedensjahren ununterbrochen envmckelt. Die schweren Kriegsjahre, die hinter uns liegen, verdoppelten sein Mühen und Sorgen um das Wohl der Mitglie'der seiner Gemeinde. Als deren Vertreter hat er Lei den Tagungen des Dentsd-Jsraelitischen Gemeindebundes, des Verbandes Deutscher Juden und besonders des Svnagoaengemeinde- Verban'des der Provinz Sachsen in hervorragender Weise gewirkt. Von 'einer Fürsorge für das Armen- und Krankenwesen zeugte seine eifrige Mitarbeit im Krankenschwesternkuratorium der Synagogenge mein de. M. Hamburg, 2. Januar. .Herr Wolf L e v y, der langjährige Vorsitzende des Deutsch-Israelitischen Synaaogenverbnndes, ist wenige Tage vor seinem 70. Geburtstage aus dem Leben geschieden. Der Verblichene bekleidete außerdem in unserer Gemeinde nod) viele Ehrenämter, er Uw Mitbegründer der höheren Töchterschule in der Gemeinde und Vorstandsmitglied des Waisenhauses. In allen Institutionen übte der von seltener Arbeitsfreudigkeit beseelte Mann eine hingebungsvolle Tätigkeit alls, und hinterläßt sein Tod eine schwer a'.-sfüllbare Lücke. Seiner Mitarbeit ist auch die Errichtung unserer herrlichen Synagoge am Brandplatz zu verdanken: mit einer Reihe anderer Gemeindemitglieder scharte er sich mit 'den unvergeßlichen Oberrabbiner M. Hirsch, dem es denn auch gelang, diesen' seinen Lieblingsplan zu verwirklichen Unsere Gemeinde verliert in Wolf Levy eins seiner hervorragenden Mitglieder. Zur Trauerfeier, die im Sterbehailse Johnsallee stattfand, hatte sich eine außerordentlich' große Anzahl Leidtragender eingesunden, darunter Mitglieder des Gemeindevorstandes. des Repräsentantenkollegiums, die Vorsteher, Delegierten und Beamten des Synagogenverbandes, die Vorstandsmitglieder des Waisenhauses, der Töchterschule und vieler anderen

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