Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1920)
- Date
- 1920-01-09
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
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64. Jahrgang. Nr. 2 Berlin, 9. Januar 1920 Beilage zur „Allgemeinen Leitung deß Judentums. Korrespondenzen und Mschrichtrn. SrutschlsnL. Berlin, 6. Januar. Am 25. v. M. ist der Begründer des Unabhängigen Ordens Bne Brith (U. O. B. B.) auf deutschem Boden, Exgroßprästdent Julius Fenchel, nach längerem Leiden im Alter von 83 Jahren sanft entschlafen. Der Verklärte, ein schlichter, in bescheidenen Verhältnissen 'lebender, von Selbstachtung. und Begeisterung für die Menschheitsideale beseelter Mann, war Zuerst Mitglied des Odd-Fellow-Ordens. Als Anfang der 80er Jahre sich antisemitische Bestrebungen' auch in diesem Orden bemerkbar machten, trat Fenchel aus demselben aus und faßte den Plan, eine jüdische Loge in Deutschland nach den:' Muster der in Amerika bereits seit 1843 bestehenden Bne Brith-Loaen Zu begründen. Unzählige Hindernisse stellten sich diesem Vorhaben entgegen;!durch Energie und rastlose Tatkraft gelang es dem Heimgegangenen im Verein mit wenigen Gleichgesinnten alle Schwierigkeiten Zu überwinden. Am 20. MärZ 1882 konnte die erste Loge auf deutschem Boden, die Deutsche Reichs-Loge in Berlin, mit 26 Mitgliedern eröffnet werden. Die Ziele und Zwecke des Ordens setzten sich allmählich durch und fanden immer mehr Verständnis in den Kreisen unserer Glaubensgenossen, die sich früher ablehnend gegen ihn verhielten; in rascher Folge wurden weitere Arbeitsstätten ins Leben gerufen, so daß im Jahre 1885 die Installation der Großloge für Deutschland VIII. U. O. B. B. erfolgen konnte. Fenchel wurde der erste Großpräsident, der bis Zum Jahre 1887 die Geschicke des deutschen Distrikts leitete. Bei seinem Rücktritt konnte er seinem Amtsnachfolger bereits 18 gut arbeitende Logen übergeben. — Entsprechend dem Wunsche des Dahingeschiedenen hat sich d'e Beerdigung in einfacher Form vollzogen. Rabbiner Dr. B l u m e n th a l, selbst Mitglied der Berthold-Auerbach-Loge, der der Verblichene angehörte, beschränkte sich in seiner Ansprache auf herzliche Dank- und Trostesworte, und der gegenwärtige Großvräsident, Geheimrat Timendo rser, zeichnete das Leben des Verklärten mit wenigen Strichen. Er hob die Bedeutung der Gründung, des 11. O. B. B. und seine Entwicklung ftir das deutsche Judentum der Neuzeit hervor, schilderte die Ordenstätigkeit des Verstorbenen, der auch nach seiner Amtsniederlegung der getreue Eckart im deutschen Distrikt gewesen und bis Zu seinem Lebensende die Vorgänge im Orden mit großer Liebe und Interesse verfolgte. Hochbetagt schied er aus dem Leben, nachdem es ihm vergönnt war, Zu sehen, daß das Saatkorn, das er in deutsche Erde versenkt hatte, zu einem mächtigen Baum emporgelvachsen war. Mit nur 26 Mtglie'dern ist die erste Loge begründet worden; bei seinem Tode zählte der Orden in Deutschland 80 Logen rnit über 9000 Mitgliedern. Ter Orden hat sich während dieser Zeit durch ernste Arbeiten eine achtunagebietende Stellung in der deutschen Judenheit errungen. Die Bne Brith-Logen stellen den Gemeindeverwaltungen und den verschiedenen jüdischen Organisationen die regsten Mitarbeiter. Das Andenken des Verklärten wird mit der Geschichte des Ordens Bne Brith unauslöschlich; verknüpft bleiben. g/S> Berlin, 6. Januar. Am 26. v. M. starb das Mitglied der Eduard-Llasiker-Loge (Brrmberg), Exvräsident Justizrat Moritz Baerwald, Mitglied der Nationalversammlnng, nach schwerem Leiden und doch, unerwartet rasch. Neben seinen politischen Aufgabenhat er seine besondere Kraft dein Orden U. O. B. B. und der Ednard-L-askor-Loge (BronÄerg), deren langjähriger Präsident ei gewesen ist, gewidmet. Mit vorbildlicher Treue hat er sich allen Ausgaben, tote ihm gestellt wurden, unterzogen. Seine ih-mtzathische Persönlichkeit gewann die Herzen aller Brüder. Die Dankbarkeit und Liehe, die sich der Verstorbene erworben, kamen bei seiner Bestattung iui erhebender Weise zum Ausdruck. %n seiner Bahre sprachen Herr Rabbiner Dr. W ä r s ch a u e r, der Großpräsident de-r Grohloge für Deutschland VIII., Herr Geheimer Justizrat Berthold T i men d o r fe r für den Orden Bne Brith, ferner für die .Jüdische Gemeinde in- Bromberg Herr Rabbiner W o l f s. Herr Justizrat Arousohn für die Anwaltschaft, Herr Rechtsanwalt Dr. Au-erbach für die Eduard-Lasker-Loge als deren Präsident. Zum Schluß trug Oberkantor Magnus David so hu in -bekannter Meisterschaft das El-molor acha mini- Gebe t vor. Eine überaus große Anzahl von Kränzen bedeckte den Sarg. — Ein Nekrolog mit dem Bilde des Verklärten folgt in der nächsten Nummer. Berlin, 6. Januar. Die Freie jüdische Volksh o chs ch u l e eröffnet ihr Wintervierteljahr Sonntag, den 11. d. M., mit den Vorlesungen von Dr. Alexander „Aus der Geschichte der deutschen Juden von 1789 bis 1919" und von Professor Heinrich L o e w e über „Jüdische Volkskunde" im L o g e n h a u s e. Kleiststraße 10, wohin die letztere ursprünglich für Mittwoch, Roseustraße, angekündigte Vorlesung, die an früher gehaltene anknüpft, auf vielfache Wünsche verlegt worden ist. — Am Montag, den. 12., nimmt im Beth-Hamidrasch Dr. Bleichrode die Talmudlektürc wieder auf, Dienstag, den 13., beginnt in. der Lehranstalt Dr, Rosenthal die zweite Reihe der Vorträge über „Die großen Lehrer des Talmud", und Lehrer A b r a h a m einen neuen Kursus der hebräischen Sprache, übrigens nicht um 6 Uhr, sondern um 8 Uhr abends; Mittwoch, den 14., im Gemeindehaus, Rosenst r a ß e 2—4, Dr. Cohn-Wiener seine Vorträge (m 11 Lichtbilder n) über „Jüdische Kunst" des 19. Jahrhunderts". Am Donnerstag, den 15., beginnen in der Lehranstalt vier Kursen Dr. Meist- „Die Juden in Polen", Dr. Torczyner: „Das Buch Kohelet" (eine Vorlesung in hebräischer Sprache), Dr. Wars ch a u e r : „Biblische Weisheit" (Sprüche, Hiob, Kohelet), und Frau Wronsky: „Die sozialen Aufgaben der jüdischen Gemeinden (unter besonderer Berücksichtigung der Jugendpflege)". — Die Vorlesungen in der L e i b n i z - S ch u l e beginnen infolge der wegen Kohlenmangels verlegten Eröffnung des Schulvierteljahrs erst eine Woche später, also Dr. B a e ck: Grundgedanken des Judentums, 2. Teil, Tr. Bernfeld: Geschichte der jüdischen Literatur, 2. Teil, und Dr. Coblenz: Das Schicksalsproblem in der Bibel am Dienstag, den 20., Dr. Bergma n n : Entstehung des Christentums, Dr. Keller mann: Vergleichende Religionswissenschuft (mit anschließendem Seminar) und Dr. A. Loewenthal: Die Lehrer der jüdischen Ethik: I. Die Herzenspflichten des Bachja (nach der Sternschen Uebersetzung), am Mittwoch, den 21. Januar. -- Hörerkarten werden au her zu Beginn jeder Vorlesung ausgegeben an den Theaterkassen bei Tietz und im Kaufhaus des Westens, in einer, wieder vermehrten, Anzahl jüdischer Buchhandlungen und hr Sekretariat bei* H o ch s ch u l e , Steglitzer Straße 9. £2 BeEn, 6. Januar. Am 21. v. M. fand in den Räumen der Jüdischen Toynbee-Halle der Berliner Logen U. O. B. B. die diessährige Chanukafeier für Kinder statt, die durch eine Ansprache des Predigers Herrn Dr. Lehmann eingeleitet wurde. Es waren 350 Kinder anwesend, die in frohester Stimmung nach dem Anzünden der Chanukalichter den Darbietungen lauschten. Aus der Vortrugsfolge seien genannt: die siebenjährige Kluvierkünstlerin Lucie Ster n, Frau Paula Nivell und Fräulein Ella Rubin- 1t ein. die durch Musik, Gesang und Märchenerzählungen die Kinder sichtlich erfreuten. Hierauf wurden die Kinder mit Schokolade .und Kuchen bewirtet. Ein jedes der Kinder erhielt als' Cha n nka g e schenk Bücher sonne praktische und Spielsachen, mit denen sie freudestrahlend die Tohnbee-Halle verließen. Sicherlich haben diejenigen Damen und Herren, die zu dieser Freude beigetrugen haben, aufrichtige Befriedigung gesunden. E* M- Berlin, 6. Januar. Die Adaß-Jrsrvel-Gemeinde beging das fünfzigjährige Bestehen ihrer R e l i g i o n s s ch u l e mit einem Festgottesdienst in der Gemeindeshnagoge in der Artilleriestraße. Rabbiner Tr. M. H i l des h e i me r hielt die Festvredigt, in der er im Anschluß an einen Vers der Haftarah des vergangenen Sabbats einen kurzen Rückblick auf die Geschichte der Schule gab. Nach ihm feierte Rabbiner Dr. M unk Herrn Dr. Hildesheimer anläßlich seines fünfundzwanzigjährigen Direktorjubiläums. Der Gesang des Moaus-zur-Liedes beschloß die eindrucksvolle Feier. — Später fand eine Feier für die ehemaligen Schüler und Schülerinnen der Schule in der Aula des Sophienlyzeums statt, die mit den Bildern des ersten Direktors Dr. Israel Hildesheimer und seines Stellvertreters Dr. Nathan Deutschland er geschmückt war. Die Feier wurde durch einen Chorgesang eingeleitet; dann hielt Dr. Hildes h e i m e r eine Festrede, in der er die Geschichte der