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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-09 · Heft 2 (9.1.1920) · p. Seite 24

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 2 (9.1.1920)
Date
1920-01-09
Page
Seite 24 (sequence 12)
Language
German
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betrogen? Vielleicht? . . . und vielleicht? . . . Diese ViÄleichl schossen wie Bleikugeln in sein Herz und Rieben darin lastend, atembeschwerend stecken. (Fortsetzung folgt.) Litrrarilchr Mitteilungen. — Die kleine Kinderbibel. Ein Schulbuch für die Unterstufe. Enthaltend biblische Erzählungen im Rahmen der kindlichen Vorstellung und Fassungskraft. Dargestellt von Hermann Wallach, Lehrer an der Jüdischen Gemeindeschule in Aachen. Aachener Verlags- und Druckereigesellschast, Aachen 1919. Ein Buch, dem die Herzen der Kinder zufliegen werden; für ein Kinderbuch doch wohl die Hauptsache. Die Erwachsenen werden sreilich zunächst manche Einwände zu machen haben. Von drei Seiten her kann die Kritik einsetzen. Von der religiös-gläubigen: Der Verfasser geht gar oft an dem biblischen Bericht vorüber, entfernt sich zu weit von dem Bibelworl. Von der historischen: Auch für den, wer die Bibel nicht als Gotteswort betrachtet, ist sie ein Buch, das geschichtlich genommen imb gewertet werden muß. So wie die Bibel ist, mit allem, was sie bringt, gehört sie der Geschichte an, ist sie ein Besitztum der Menschheit geworden. Das, was der Verfasser bringt, hat in vielen Füllen nichts mehr (als das Motiv) mit dem geschichtlichen Besitz gemein. Die ästhetische Seite: Die Bibel ist ein Kunstwerk. Der ganze Aufbau der Genesis-Geschichten, die eigentümliche Sprache, die bekannten Wortgobilde, die szenischen Bilder: all das ist für uns mit der Bibel untrennbar verbunden, gehört zü dem Kunstwerk: die Bibel. Die vorliegenden Geschichten lassen diese (den Erwachsenen) vertrauten Geschichten oft vermissen. Aber über alle diese Einwände hat sich der Verfasser — mit guteni Grunde — hinweggesetzt. Und der Kritiker muß ihm gleichfalls recht geben. Aus der richtigen Erkenntnis heraus, daß die Bibel eben nicht für Kinder geschaffen ist, hat er ihre religiösen, geschichtlichen und ästhetischen Werte für die Kindesseele neu geformt. Und der Verfasser kennt die Kindesseele, wie — das darf man schon sagen — nur ein gottbegnadeter Dichter sie kennt. Deshalb sind auch seine Geschichten — trotz aller Einwände, die wir machen mußten — s r o m m und s ch ö n. Am Maßstab dessen gemessen, was der Kindesseele eignet und was nicht — und das ist doch der einzig richtige Maßstab für den Pädagogen —, sind diese Erzählungen überaus wertvoll und stellen sür unsere Schulen ein brauchbares, ja unersetzbares Unterrichtsmittel dar. Freilich, in der Richtung, wie Verfasser die Bibel erzählt, Haben sich ja wohl die meisten Lehrer schon vor ihren Kindern versucht; jeder Lehrer muß ja biblische Geschichten den Kindern erst mundgerecht — oder sagen wir seelengerecht —- machen; aber ich glaube kaum, daß es einem so gelungen ist wie hier. Der Verfasser hat den Standpunkt der Kinder zur Bibel in unvergleichlicher Weise getroffen, und deshalb wird auch durch oiese Erzählungen der religiöse Gehalt der Bibel den Kindern z u >g ä n g l i ch e r g e m a ch t, a l s es bux ch das Original oder durch die gebräuchlichen Hilfsmittel geschehen kann. Jede Lehrperson, die mit der religiösen Unterweisung der Jugend betraut ist, jede Mutter, die ihrem Kinde die Geschichten der Bibel erzählen will, alle, die den Kleinen mit einem Buche eine wahre Freude machen wollen mögen diese „Kleine Kinderbibel" prüfen, sie einführen und kaufen. J. H. * Alfred Kerr, Jerusalem. Jin Dezember-Heft 1919 der „Reuen Rundschau" veröffentlicht Alfred Kerr einen bemerkenswerten Aufsatz über eine Reife nach Palästina, die er im Jahre 1903 dorthin unternommen hat. — Diese Arbeit ist ein ganzer „Kerr" mit seiner bizarren Ausdrucksweise, die aber mit unerschütterlicher Gradheit ihren Weg geht und stets den Nagel auf den Kopf trifft. Mit Freude können wir aus dem vorliegenden Aufsatz feststellen, in welch hohem Maße sich Kerr seines Judentums bewußt geworden ist, wie das Blut der Väter in ihm mächtig schlägt und ihn dorthin zieht, woher wir ausgegangen sind! In den abgerissenen Worten seiner Aufzeichnungen lebt das jüdische Blut, er fühlt unsere Geschichte durch die Jahrtausende und erleb: sie in feiner Persönlichkeit. „Verbrannt, gemartert, erschlagen, geknechtet — dennoch untötbar. Juden." Es scheint, als ob es Alfred Kerr ganz besonders gegeben sei, die Formulierung für das zu finden, was man schon lange fühlt, wenn er sagt: ,Das Bild des Ariers wird hergestellt (von seinen kotzigsten Schriftstellern) bloß aus den Zügen der Allerbesten. Sie tun, als ob sämtliche so wärem Aber das Bild des Inden wird hergestellt aus den Zügen der Allerschlechtesten. Feigheit der Mehrzahl." Packt er nicht damit -die ganze Frage der. jüdischen Stellung im Leben Westeuropas!? Für uns ist das Schlechteste schlecht genug, für die anderen das Beste. Kerr aber fühlt die jüdische Sendung! „Köstlich großes Lebenswunder., verleiblicht in diesem Stammbaumvolk: die Macht zu dauern^ Tiefe, zähe Urgewalt. Eigenbrötler der Menschheitsgeschichte. Die 'Härtesten wie die Lindesten: mit Shylocks und Heilanden. Juden!" Wir danken Kerr für diesen Aufsatz, für. sein ehrliches, starkes Bekenntnis zum Judentum in dieser Zeit der Halbheit und Hohlheit! Möchte diese Auslassung eines Mannes wie Kerr den vielen Allzuw-ei-chen und Halben den Rücken stärken. Heute gilt nur eins: Sei Jude und sei es ganz, man verachtet dich auch, wenn du nur schüchtern dein Judentum zur Schau trägst, vielleicht dann noch nrehr! Kerr ruft euch zu, man verachtet euch, weil ihr jemand seid. Vielleicht können wir darum stolz sein! -- Vor 16 Jahren fuhr Kerr nach Jerusalem, viele gehen mm denselben Weg! Möchten sie alle dort ihr Jndentum erleben, wie dieser es getan hat Dr. W i l h e! m E o h n. * S e l b stb e f r e i lt n g a u s nervösen Lei d e n. Von Dr ineck. Wilhelm B e r g m mm, Leiterider Arzt und Besitzer der Kaltniasserheilanstalt in Kleve a. Niederrhein. 11. bis 14. Tausend. -Lerdersche Verlagsbuchhandlung, Freiburg. i. Breisg. Das Buch soll durch Anregung und Anleitung zur seelischen Behandlung den Nervösen Trost bringen und Nutzen stiften. Und hierfür ist es in der Tat ein guter Führer. Als eins der wesentlichsten Hilfsmittel der Charakterbildung' und Willenskräftigung sieht der Verfasser die Religion an. Und das mit Recht. Sie ist, nach Kant, die einzige Universalmedizin, da sie alle Uebel erträglich macht oder gar heilt. Sie Hilst.zur Selbstdisziplinierung, und die Erziehung zur Selbstbeherrschung gegenüber den nervösen Anlagen hat zur Heilung der Nervenschwäche die allergrößte Bedeutung. Shakespeare läßt die Porzia sagen: „Beherrscht euch einmal nur. Das gibt euch Kraft zu folgender Enthaltung. 0 Es ändert fast den Stempel der Natur Und treibt >den Teufel aus mit Wunderkraft." Diese und andere ethische Fragen hat der Verfasser, wie er angibt, vorn christlichen Standpunkt aus behandelt. Vielleicht hätte es genügt, wenn er geschrieben hätte, „vom allgemein sittlich-religiösen Standpunkte", auf dem auch andere Religionsbekenntnisse, insbesondere das jüdische, in diesen Fragen stehen. Das kann jedoch den Wert des Buches nicht beeinträchtigen. Es wird auch in jüdischen Kreisen, in denen die nervösen Leiden nicht selten sind, Eingang finden und mithelfen zur Selbstbefreiung von diesen Leidenzur Wiedererlangung der Gemütsruhe und zu einer seelischen Kräftigung, wie sie gerade in unserer schweren, nervenüberreizten Zeit, nicht zu entbehren ist. Sanitätsrat Dr. S ch e rb el (Ljfsg). Sprrchsaal. Der eh rliche Schr if tle itu ng! In der Zeitschrift „Die neue Rundschau" (Verlag S. Fischer) Dezember-Heft 1919 werden einige Briefe von Theodor Fontane veröffentlicht. In einem an Karl Zöllner gerichteten Schreiben aus Karlsbad vom 31. August 1895 berichtet der Dichter, wie er die Tage feines Kuraufenthaltes verbringt. Da findet sich folgender charakteristische Satz: „Betrachtungen über Antisemitismus^ m a l so, ma l so, füllen die Pausen aus." Das stimmt so ganz überein 'Mit dem, was Wally Hamburger in Nr. 52 Ihrer Zeitung Wer Uheodor Fontane und die Juden schreibt. In der gleichen Nummer der „Neuen Rundschau" fand, ich, nebenbei bemerkt, ein Stimmungsbild „Jerusalem" von Alfred Kerr voll kräftiger Färben, wenn auch hier und da etwas bizarr. Bochum, 28. Dezember 1919. Rabbiner Dr. David.

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