Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1920)
- Date
- 1920-01-09
- Page
- Seite 23 (sequence 11)
- Language
- German
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viele Heeresmafsen ausgespien: Krieger, Krieger, Krieger: Tscherkessen, Kirgisen, Donkosaken; Fußvolk, Reiter,, Roß und Wagen; Heeresmafsen, zahllos wie der Sand im Meere, ein grauenvoll großes Riesenheer, das wie eine Lausendgliedrige. tausendköpsige Hydra daherwirbelte, das wie ein furchtbares Ungeheuer, der Midgardschlange gleich, das ganze Erdenrund zu umspannen drohte. Draußen stampfte das feindliche Heer die heimische Erde. Bataillon reihte sich an Bataillon, Kolonne an Kolonne, Sotnie an Sotnie ~~ ein schier endloser Zug. Batterien fuhren vorüber, und ein Beben ging durch den Leib der heimischen Erde, daß in den Häusern die Dielen erzitterten und die Fensterscheiben erklirrten. Es war ein Gedröhne und Gestampfe ohne Aufhorien. Und da drinnen, in seinem Zimmerchen eingeschlosserst saß Benjamin und las Jedaja Hapeninis „Prüfung der Welt". Wie in dichte Nebel hüllte ihn der Dunstkreis eines alles überspannenden, überspannten Weltschmerzes ein, und er gleitete willenlos hinab in eines Dichters Welt, die die schlechteste aller Welten war, eine Welt, in der alle Himmelslampen ausgelöscht waren und alle Blumen unter dem Gifthauch des Allzernagers Zeit duft- und farblos dahinwelkten. Es rat Benjamin unendlich wohl, mit dem Dichter der Zeit zu trotzen, ihre Größe zu verkleinern, alle ihre Wichtigkeiten in Nichtigkeiten zu wandeln, und. so auf leichte Weise die Welt zu besiegen, ohne gegen sie kämpfen zu müssen. Von der Straße her tönte das Gestampfe der feindlichen Truppen herüber. Man hörte das Klappern der Hufe, und es klang wie tausendfaches Zungenschnalzen. - Benjamin las: Ein rasendes Meer ist die Welt, voll grundloser Tiefen, Eine morsche Brücke die Zeit, schwankend darüber gebaut. Wank ist der Bogen der Brücke, leicht an Seilen befestigt. Die, noch eh sie entstehn, sind zum Vergehen bestimmt. Aber hin auch zu Höhen, von ewigem Lichtglanz umflossen. Wo unvergängliches Glück wohnt, führt das End' ihrer Bahn. Breit wie der Arm eines Mannes, nicht breiter, ist diese Brücke, Die frei, ganz ohne Geländer, über dem Abgrund sich wölbt; Und du, o Erdenfohn, gewaltsam ins Leben gezwungen, Treibst dich, seit du geworden, auf dieser Brücke umher. Er stemmte die Arme auf den Tisch, stützte den Kop^ auf beide Hände und sann nach. Mit den Augen des Dichters glaubte er die Welt, dieses brandende Meer, das gegen sich selber wütet und vernichtend die Gebilde zerschellt, die es selber schasfend hervorgebracht.mit den Augen des Dichters glaubte er diese Welt besser zu sehen, besser zu verstehen, in das Urgeheimms ihres dunklen Waltens tiefer eingedrungen zu sein. Die morsche Brücke, an haltlosen Seilen befestigt, als Bild der Zeit, gefiel ihm ganz außerordentlich. Und bei dem „gewaltsam ins Leben gezwungenen" Erdensohn, der. sich, unfreiwillig, auf der morschen Brücke umhertreibt, verweilte er mit etneiu Gefühl der Beruhigung; er fand darin eine Rechtfertigung seines eigenen Äaseins. Während Benjamin in die lichtlose Welt eines verdüsterten Dichters sich versenkte, zog die harte Wirklichkeit mit Stnrmgebraus durch das Land. Benjamln ließ sich nicht von der Neugier verlocken, ans Fenster zu treten, um den einmarschierenden Feind zu sehen. Er wußte, daß die meisten Einwohner der Stadt in dieser Stunde hinter geschlossenen Türen und verhängten Fenstern saßen und schon den fernen Anblick des Feindes' fürchteten. Daher widerstand er der Versuchung. Je dröhnender die Tritte der feindlichen Truppen von der Straße herüberklangen, um so mehr vergrub er sich in das Buch, um so eindringlicher „prüfte" er die Welt. - Benjamin las weiter: Siehe, wie eng ist der Pfad, kein Ausweg zur Rechten, zur Linken! Magst du, sag' an, noch Zimmer dich brüsten mit Namen und Machte Sieh, wie sich stellen, gleich Mauern, dir Tod und Verderben entgegen Hast in der Brust noch ein Herz, wohnt in dem Arm dir noch. Kraft? Oder trotzest du etwa auf die Menge der Güter, Die du mit emsigem Fleiß, schaffend, zusammengerafft? Was kannst du des zürnenden Meeres wildwirbelnder Woge, Kommt sie in Sturmwut daher, drohend, das schützende Dach Ueber dir zu zertrümmern was kannst du des Meeres Wildbrandenden Fluten entgegensetzen als Einhalt gebietenden Damm? Groß ist das Meer, das, stürmend, dich einschließt. Kämpfe dawider! Ruhm erwirb! Besieg' seine zahllosen Krieger! Versuches! Draußen fuhr knatternd eine Batterie vorüber, und das dadurch entstandene Erdgezitter teilte sich in raschen Schwingungen auch dem Zimmerchen Benjamins mit; die Diele bebte unter den Füßen, die Fensterscheiben sangen, der Tisch wackelte leise, und die Tasse, die vom Morgenkaffee noch auf dem Tische stand, drehte sich wie ein schwachbewegter Kreisel und gab einige dünne Porzellantönchen von sich; auch das Schränkchen, das Benjamins kleine Bücherei beherbergte, schwankte einigemal hin und her. Bei diesem allgemeinen Ausruhr im Zimmer stand Benjamin auf und nähvrte sich, wie von ungefähr, dem Bücherschränkchen. Die Tür des Schränkchens war .infolge der Erschütterung aufgesprungen, und ein Bündel, das über Den Büchern lag, siel zu Boden. Benjamin hob es auf; es war das Bündel, worin er Sara-Leas Briefe und andcirr Erinnerungszeichen aufbewahrt hielt. Benjamin löste den Knoten und begann unter den Papieren zu suchen. Er fand darin seine Photographie, jenes ä la Jakobowski-Bild, das er einst bei dem Photographen des seinem Heimatsdorse nahegelegenen Städtchens hatte anfertigen lassen, um Sara-Lea eine sinnige Ueberraschung zu bereiten. Neben dem Bild lag die Urschrift jenes Liebesliedes, das der Herzenskönigin Sulamith gewidmet war. Benjamin entfaltete das Blatt und überflog die ungelenken, kreuz und quer durchgestrichenen Zeilen. Er lächelte spöttisch-skeptisch, wie einer, der die Möglichkeit einer unheilschweren Wirkung einer geringfügigen Ursache nicht recht zu glauben vermag. Er faltete das Gedicht wieder zusammen und schob es unter die anderen Papiere. Daraus suchte er den letzten, den Abschiedsbrief Sara-Leas, heraus. Seit jenem llnglückseligen Morgen, an dem er ihn empfangen und unzählige Male gelesen, hatte er diesen Brief nicht mehr in Händen gehabt. Heute las er ihn wieder, und heute, zum erstenmal, tauchten ihm Zweifel aus an der Aufrichtigkeit seines Inhalts. Der Schlußpassns stimmte ihn nachdenklich. „Ich war gewillt, dir zu folgen, ich wünsche jedoch nicht, daß «du mir folgest", schrieb Sara-Lea. Ja, warum war er ihr nicht gefolgt, trotzdem sie es nicht wünschte? Warum hatte er seinen Willen unter den ihren gebeugt? Und dann - hatte sie es auch aufrichtig mit diejem ihrem Wunsche gemeint? Vielleicht hatte sie gerade solcherart auffordern wollen, ihr nachzureisen? Vielleicht saß sie bei Frau Eisenhardt in Krakau oder irgendwo in einem Mietzimmer in Wien und harrte sein, studierte und wartete auf ihn,, und ward am Ende des Studierens und Wartens müde, und er kam nicht, und sie sah sich um ihre Hoffnung und um die Kraftprobe eines starken Millens