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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-09 · Heft 2 (9.1.1920) · p. Seite 21

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 2 (9.1.1920)
Date
1920-01-09
Page
Seite 21 (sequence 9)
Language
German
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Göttlichen en traten? Und wenn nicht, wie kam das Göttliche in den Menschen? Sie sagen, das Schicksal gab uns diesen göttlichen Keim mit ins Leben, aber an anderer Stelle sagen Sie, das Schicksal sei eine blinde, finstere Macht, deren Schmerzen und Leiden wir standhaft tragen müssen, ohne zu fragen, woher sie kommen und was sie bezwecken. Das Schicksal allein ist also unser Bildner und Erzieher, es entwickelt den Keim, den eine gütige Natur oder Vorsehung in das Menschenherz legte. Es mag in dieser Zeit besonders schwer sein, sich mit dem, was das Schicksal uns auserlegt, abzufinden und nicht zu klagen, aber es ist sicher eine lohnende und herrliche Ausgabe, sich auch aus dieser Finsternis einen Sonnen- und Lichtstrahl ausfindig zu machen, in dessen mildem Schein das Leben wieder lebenswert erscheint. Und dann — es ist ein wundervoller Gedanke — für alles, was uns auch heimsuchen kann, den Trost in sich selbst zu tragen. Und das Bewußsein, unsere Pflicht zu erfüllen, hilft uns dabei. Ich glaube, ich bin Ihren Ansichten gar nicht so fern. Es ist im Grunde dasselbe, ob wir sagen: Gott, Schicksal oder Vorsehung, wenn wir uns fest im Herzen glauben. Für heute möchte ich schließen . . . Meine Genossen unv Herr Direktor und Gemahlin wohnen eben der Trauung eines blinden Herrn bei, der eine sehende christliche Dame heiratet, die ihrem Mann zu Liebe Jüdin wurde, gewiß ein seltenes Ereignis in unserer judenfeindlichen Zeit . . ." 11. 4. 19. „ . . . Wenn Sie mein Pessachgedicht lesen, werden Sie vielleicht lächeln und der Ansicht Goethes beipflichten, der irgendwo sagt, daß der Mensch den Anschauungen immer treu bleibe, die ihm einmal eigen sind und an denen die fortschreitende Bildung und Reise wenig ändern können. Ich fühle es immer wieder, daß, wenn körperliche und seelische Not uns drücken, wir doch immer nur dorthin schauen, „von wannen unsre Hilfe kommt". Ob wir Erhebung oder Erhörung erhoffen — ich glaube, eins deckt sich mit dem andern; denn Erhebung macht das Herz und das Leid leichter. Ihrem Gleichnis über das Leben in Ihrem vorletzten Brief fügte ich das meine an, nicht aus Widerspruch oder weil ich sie nicht verstanden hätte, sondern um diesem ungeheuren Begriff eine weitere Deutung zu geben ..." 2. 6. 19. „ . . . Welche stillen Freuden, welcher süße Trost und welche Glückseligkeit erblühen uns in der Erinnerung an die teuren Menschen, die sich wohl für dieses Leben von uns entfernen, die aber um so unvergänglicher in unserem Herzen fortleben... Mir ging es nicht gut in den letzten Wochen . . . Ich hatte am letzten Pessachtage einen Unfall . . . Viel Liebe ist mir in dieser trüben Zeit hier erwiesen worden, und ich habe mehr als je das trostreiche Empfinden, hier eine Heimat gefunden zu haben ..." 18. 6. 19. „ ... Was Sie von der Sehnsucht schreiben, habe ich im Leben nicht bestätigt gefunden. Auch sie schläft ein und macht ruhiger Ergebung Platz. Wir müssen das Leben nehmen und mit ihm fertig werden, wie es ist, und nicht, wie wir es möchten. Es ist eine schwere Kunst, ich habe auch ein wenig daran gestümpert, ohne doch weit dabei gekommen zu sein. Denn gar vieles ist, was den Fortschritt verhindert. So jetzt an den herrlichen Sommerabenden. Wenn des Tages Lärm verhallt und das Licht matter wird, dann schwebt mit dem süßen Duft der Akazien und Rosen die Erinnerung heran und läßt Verlorenes, Herrliches, Teures mit allem Zauber des Lebens vor der Seele auferstehn; die Sehnsucht wacht auf, sie schreit, ganz recht, und doch muß sie wieder ruhig werden. Sie wird eS; weil sie unerfüllbar ist, verzehrt sie sich in sich selbst. Ihre Nachfrage nach meinem Befinden kann ich zum Glück wieder befriedigend beantworten. Ich bin gesund und genieße den Frühling, soweit ich kann und er zu mir kommt, denn nachlaufen kann ich chm nicht viel; doch hat mir der Schelm schon hie und da so hold und warm ins Herz gelacht, daß es von da bis zu einer kleinen „Offenbarung" nicht weit war und meine Mappe sich um ein FrÜhlingSgedicht bereicherte . . . Hoffen wir, daß die Polen endlich Ruhe geben. Sie machen schon zu viel von sich reden. Unsre armen Brüder! Das ist ja entsetzlich, wie die Haller-Armee haust! Helen Kellers Schriften sind sehr interessant. Sie ist ein fabelhaft begabtes Wesen, das ich nur bewundern kann. Doch läßt sie ihrer Phantasie oft zu freien Lauf. Denn auch das Fühlen, besonders, wenn es sich um Farben handelt, hat seine Grenzen..." 26. 7. 19. „Es ist so still um mich her, daß ich, schon um die Stille zu unterbrechen, mich an die Maschine setze und anfange zu klappern. Die tiefe Nachmittagsstille an den schwülen Sommertagen hat so etwas Einschläferndes, dem ich mich nicht hingeben mag, ich wirke lieber auf meine bescheidene Weise, solange es Tag ist, und finde den Tag zu kurz! . . Ihr ... Brief gab mir wieder zu denken. Ich glaube, Sie haben auch recht. Die Sehnsucht überlebt alle andern Gefühle in uns, wenn sie auch zuweilen einschläft, und ich finde, daß sie unser Streben veredelt und uns, indem sie uns zu den Sternen zieht, uns hilft, besser und vollkommener zn werden. Ach, und das wäre so sehr zu wünschen! Meinen Sie nicht? ..." Das .war der letzte Brief, den ich empfing. Sie erkrankte und konnte mir für meine Glückwünsche und Verse zu Rösch haschana nur noch durch den Direktor danken. Vor ivenigeu Wochen starb sie. Sie hat ihr Leben und Leiden mit einer Tapferkeit getragen, die Bewunderung verdient. Sie hat sich in allen ihren Oualen eine Lebensfreudigkeit bewahrt, die ergreifend wirkt und vorbildlich sein kann. Auch in das Grab hinein rufe ich ihr die Verse nach, die ich der Lebenden sandte: Was die Sinne dir versagten. Legte Gott in deine Seele, Schauest mit der Schönheit Augen, Daß sich Licht dem Licht vermähle. Und ein sonnenwarmes Leuchten Strömt hervor aus deinen Schmerzen. Träufelst, selber leidgeboren, Balsam in die müden Herzen. Sei gesegnet, unsre Schwester! Alle, die das Glück vertrieben. Alle, die von Qual zerrissen, Lehre du das Leben lieben! L'cho Doüi. Eine Studie von Dr. S. A sch n e r. räutliche Vorstellungen des Hohenliedes bilden die Grundlage dieses wundervollen Hymnus des Mystikers Salomo ha Levi, wie ja alle Mystik des Juden- und Christentums aus diesem Urborn heiliger Erotik hervorfloß. Ich habe schon bei einer früheren Besprechung von Tolstois „Jüdischen Legenden" in dieser Zeitung vom 8. Juni 1910 auf

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