Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1920)
- Date
- 1920-01-09
- Page
- Seite 20 (sequence 8)
- Language
- German
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20 mir nur Gut-.' und Liebe erwiese::. Da ist es ja nicht wunderbar, daß and) ich nur einen glücklichen Optimismus bewahrte. Jedenfalls nehme ich mem Leben und Geschick nicht schwerer, als sie's sind. Nun weiß ich wohl, daß. die Sonne nicht in verhüllte Fenster scheinen kann, wenn wir ihr dieselben nicht öffnen. Ich sage alio: „Wer Licht will, muß es selbst sich zünden, sonst wird er nur den Schatten finden." Ich versuche mein Leben zu bereichern und zu erhellen mit allem Schönen und Guten, was in geistiger Beziehung für eine Blinde und fast Taube erreichbar ist ..." 13. 1. 19. Sie teilt mit, daß die „Lebensworte" in die Blindenschrift übertragen wurden, und fährt fort: „Besonders fesselte mich der Abschnitt über die Religion. Sie bringen darin ... so vieles zur Sprache, was mir oft und oft die Seele bewegte, ohne daß ich zur Klarheit kommen konnte. Nimmt doch der fromme gläubige Mensch die höchsten Dinge als etwas Feststehendes, als Tatsache hin, ohne zu grübeln. Ich null gern zugeben, daß die Klarheit, die mir aus Ihren Worten aufleuchtete, meinem Herzen weh tat, aber als Klarheit, Gewißheit mitß ich sie schützen. Wer kann auch ohne weiteres den Glauben an eine gütige Vorsehung, an einen Weltenlenker aufgeben? Ich jedenfalls nicht. Ist er mir doch seit frühster Kindheit von tief religiösen Eltern gelehrt und hat mich durch Freud und Leid meines Lebens begleitet. Vieles freilich sagte mir mein Verstand, und über den Rest gab mir Ihr Buch Aufschluß. Ich sinne oft darüber nach, und der Glaube an Gottes Herzensmacht ist beglückend und herzlich . . . Was Sie über meine bescheidenen Poesien sagen, kann ich gar nicht annehmen, aber wenn diese nur wenigen Menschen Freude machten, will ich froh und dankbar sein und ferner dafür danken, daß sie Jenny Bergmann 13. 3anuar}1868 zu'Nordhausen a. H., gest. 1. DezenibeHl019 in Berlin. N)ren Zweck erfüllten." 29. 1. 19. „ . . . Im übrigen stimme ich doch in vielem mit Ihnen überein, zuerst in dem Streben nach dem Schönen nnd Reinen, wie Sie in den „Lebcnsworten" sagen, nnd waren gnte Gedanken und ein reines Herz immer das einzige, um das ich zu beten pflegte, wenn ich . . . den Musen huldigte. Ich habe eigentlich nie ge,zweifelt in Glanbcnssachen, und doch glaube ich auch nicht mehr ganz so, wie ich als Kind zu glauben gelehrt wurde. Man lebt, man liest, prüft, denkt nach; es ist so vieles, was dem Verstand nicht annehmbar erscheint, und siehe da, eines Tages hat sich eine andere, mehr der Wirklichkeit entsprechende Anschauung in uns gebildet. Sv ging es mir mit der Unsterblichkeit und mit der Auferstehung. Letztere sehe ich ganz wie Sie in der Erinnerung an unsre teuren Entschlafenen. Evstere kann doch nur in der Fortpflanzung des Menschengeschlechts durch leibliche oder geistige Kinder, durch große Gedanken, edle Taten, gnte Werke bestehn, nicht mehr? An den lieben Gott der Kinder glaube ich nicht, wohl aber an den Weltenlenker und Erhalter, an eine göttliche Vorsehung. Ich denke, wenn dieser Glaube so ganz mit unserm Handeln und Leben verwächst, so ist auch das ein Herzensgott, der uns beglückt. Ich kann so schlecht über den Glauben, über das Tiefste und Heiligste in uns sprechen. Ich fühle es nur, bin es nie gewohnt gewesen, darüber viel zu reden. Es nurß einen Ewigen, einen Erhabenen geben. Was wäre das Weltall, der Mensch, die Kunst ohne ihn? Wozu seballten die herrlichsten Hymnen zu seiner Ehre empor, der da trägt der Himmel unzählige Sterne? Warum ergreift cs mich so tief, wenn Worte wahrer, tiefer Frömmigkeit an mein Ohr, an mein Herz schlagen? Freilich, dies ist leicht zu begreifen,, wenn ich Ihnen sage, daß ich, meines mangelnden Gehörs wegen, nie eine Predigt hörte, ich also von jedem Redner leicht zu bewegen wäre, wenn es ihm gegeben ist, mein Herz zu treffen ... 19. 2. 19. Sie entschuldigt das lange Ausbleiben der Briese und fährt fort: „Dies ist eben, wie Sie schon wissen, keine Nachlässigkeit meinerseits, sondern nur meine Acngstlichkeit, mich mit Ihnen in religiöse Auseinandersetzungen einzulassen, wobei viel Unklares und Merkwürdiges zutage treten würde. Ich ziehe es daher vor, zu hören, zu schweigen, wenn ... Männer sprechen, um mir vielleicht mit der Zeit eine , der ihrigen ähnliche Anschauung zu bilden. Anders ist es, wenn Sie einen Gegenstand berühren, der in meinem .Herzen ein Echo erweckt, über den ich selbst schon gedacht und geschrieben habe, ich meine Ihre Bemerkung über das Leben. Sie nennen es „ein sinnloses Spiel", dem wir selbst Ziel und Wege geben müssen. Ich sagte einmal: „Denn was der Mensch gar oft vergißt. Das Leben nur ein Gleichmaß ist; Von Tagen und Monden ein graues Land, Das, endlos sich dehnend, Seelen umspannt." In dieses graue Land sollen wir die Farben, die bunten Blumen, die goldnen Sterne selbst hineinmalen, dichten, singen, sprechen, ganz so, wie es unserer Veranlagung entspricht. „Wer von allen Schätzen in Kunst und Natur Für sein Leben sich rettet ein Teilchen nur. Dem ist kein dunkelster Tag so trübe. Daß nicht ein bescheidener Lichtstrahl bliebe. Dem glänzt in des Lebens tiefster Pein Des weisen Hüters milder Schein." Das habe ich schon tausendmal an mir erfahren und war froh und dankbar für das, ivas so ans mir herausklang. Und dieses Göttliche — denn das ist es doch? —, wer anders als der Ewige, Allgütige kann diesen Funken von seinem Geist den Menschen mit auf den Lebensweg gegeben haben? .Wie wäre es denn möglich, daß der Mensch der Schöpfer seines Gottes ist? Gewiß haben die Menschen aller Zeiten sich ihren Gott geschaffen, aber weil es Menschenwerk war, mußte es vergehen. Und dieser selbstgeschaffene Gott in unserer Brust — sollte er nicht auch des