Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1920)
- Date
- 1920-01-09
- Page
- Seite 19 (sequence 7)
- Language
- German
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13 Völker und Parieren gemeinsam beratschlagen und die Angelegenheiten entscheiden. Von einer Störung der öffentlichen Ordnung hat der Generalgouverneur dem „Arabischen Klub" dringend abgeraten. Im auffälligen Gegensatz zu der Haltung der arabischen Presse steht ein Artikel, der in der in Damaskus erscheinenden Zeitung „Jordan" unter der Ueberschrift „Einige Worte eines Zionisten" erschien. Der Verfasser bittet die Redaktion, wenn sie sich schon das Ziel gesetzt habe, gegen den Zionismus zu kämpfen, dies doch wenigstens nicht mit lügenhaften Berichten und ganz grundlosen Behauptungen zu tun, sondern Tatsachen zu berichten und die arabische Oefsentlichkeit über die wirkliche Tätigkeit der Zionisten aufzuklären. Wenn die meisten Araber noch immer an der Verwirklichung des Zionismus zweifeln, so sei es notwendig, diese Zweifel als unbegründet hinzustellen, denn die Forderungen ekr Zionisten werden in naher Zukunft zum Wohle der jüdischen und arabischen Bevölkerung Palästinas realisiert werden. Die in Jerusalem erscheinende, den Arabern in Damaskus nahestehende Zeitung „Suria-el-g'anubia", die von der britischen Militärverwaltung wegen ihres aggressiven Tones wiederholt Verwarnungen erhalten hat, ist vor kurzem von der Regierung verboten worden. Laut Mitteilung der syrischen Presse haben sämtliche arabischen Klubs in Damaskus der britischen Militärverwaltung ein Gesuch unterbreitet, das Wiedererscheinen der Zeitung zu gestatten. X Z. B. Die höheren Schulen und der pntllemltjsmus. Bon Oberlehrer Emil Behrens (Kattvwitz). ast kein Tag vergeht, an dem nicht von irgendwo die Nachricht käme, daß die höheren Schüler sich, unter „liebevoller" Anleitung Erwachsener, antisemitisch betätigen, bald durch Zettelankleben, bald durch Flugschriften u. ä. Verwunderlich ist cs ja weiter nicht. War es doch seit einem Menschenalter das unzweifelhafte „Vorrecht" der angeblich Gebildeten, roh und flegelhaft gegen Juden sich zu benehmen. Bei vielen war — und ist es noch — der einzige Lebenszweck, eine Grenzlinie gegen ihre jüdischen Mitbürger zu ziehen. Zu weiteren „geistigen" Anstrengungen reicht es nicht. Nun, wie die Alten „jungen", so „zwitschern" die Jungen. Es liegt aber ein tieferer Sinn in dem scheinbar so kindischen Spiel. Auf dem Wege über die Jugend hofft man, der Reaktion neues Leben einzuhauchen. Wehe, den jetzigen Machthabern, wenn es in Preußen-Deutschland zu einer Restauration käme! Man würde mit den Sozialisten und Demokraten keineswegs so glimpflich verfahren wie diese mit den Reaktionären. Die Regierung verdammt sich dem schamlosen Treiben der Rechten gegenüber zu ziemlicher Ohnmacht. Sie säuselt sänftiglich mit gutgemeinten Reden. Aber sonst bleibt fast alles beim alten. Warum befördert sie nicht Demokraten in die Provinzialschulkollegien? In Berlin gibt es wohl ein halbes Hundert jüdischer Oberlehrer. Ist von diesen nicht ein einziger würdig, in das Provinzialschulkollegium der Provinz Brandenburg berufen zu werden? Herr Hänisch sollte sich weniger auf die bekannten Tüfteleien der Rasseantisemiteu („hie Germanen, hie Juden") einlassen, sintemalen in Preußen niemand die sehr zahlreichen Nachkommen von Wenden, Polen, sonstigen Slawen und Hugenotten nach ihrer Abkunft fragt, niemand von ihnen eine „Blutprobe" verlangt. Bei den Kommunen ist es nicht anders als bei der Regierung. Konfessionelle Beschränkungen bei der Wähl von Oberlehrern gibt es nicht. Man weiß sich aber zu helfen. Bei zahllosen Ausschreibungen kann man folgende Fächerverbindung feststellen: Französisch, Englisch — und Religion; Latein, Griechisch — und Religion; Deutsch, Geschichte — und Religion. In allen Fällen handelt es sich um evangelische Religion. Damit sind Inden — und Katholiken a priori ausgeschlossen. Nur Mathematiker machen eine Ausnahme. Bei diesen setzt man nämlich voraus, daß sie auf die Seele der Kinder weiter nicht groß einwirken können. Im Sommer vorigen Jahres machte ich mir einmal das Vergnügen, in Bremen wegen einer Vakanz anzusragen. Da vor dem Umsturz die „freie" Stadt Bremen nur evangelische Oberlehrer anstellte (ebenso wie Lübeck, Hamburg usw.), so war ich begierig zu erfahren, ob eine Veränderung eingetreten. Die Antwort ist sehr lehrreich. Konfessionelle Beschränkungen bestehen versassungsgemäß nicht. Da aber die Mehrzahl der Schüler evangelischen Bekenntnisses ist, so sind es auch die Oberlehrer. Entsprechend sollte man meinen, daß höhere Schulen mit einer großen Zahl jüdischer Schüler wenigstens einige jüdische Oberlehrer hätten. Wie sieht es in der Wirklichkeit aus? Vor mir liegt der Jahresbericht eines großstädtischen Gymnasiums, dessen Magistrat für sehr liberal gilt . . . (Davon ein andermal mehr!) Werfen wir einen Blick auf die Statistik besagten Jahresberichtes! Wir finden folgendes interessante Ergebnis: Anzahl der evangelischen Schüler: 2 06, der katholischen 16, der jüdischen 183, also nur 13 evangelische Schüler mehr! Nun betrachten wir die Konfession der Oberlehrer dieser offenbar paritätischen Anstalt (sie ist erst 1901 gegründet; aus der großen Zahl der jüdischen Schüler leuchtet die unverhältnismäßig hohe Anzahl jüdischer Stellerzahler ein, mit deren Geld die hohen Kosten einer solchen Schule nicht zuletzt bestritten lverden). Das Resultat ist ebenso erstaunlich wie lehrreich. Es unterrichtenan diesem Gymnasium: Null Katholiken, null Juden und neunzehn evangelische Oberlehrer! Zugestehen will ich indessen, daß zurzeit (das heißt nach dem Kirnze-Kalender voll 1918, der Jahrgang 1919 ist noch nicht erschienen) sieben Stellen unbesetzt sind, lind wir wollen dem Schicksal doch nicht Vvrgreifen! Umtoy Bergmann. Zum Gedächtnis. Von Dr. B. Gottschalk. 3ch habe sie nie gesehen. Aber nachdemich ihr meine „Lebensworte" geschickt hatte, in denen sie erwähnt ist, entspann sich ein Briefwechsel zwischen uns. Sie selbsh die blinde Dichterin, schrieb ihre Briefe auf der Schreibmaschine. Meine Briefe wurden ihr vom Direktor der Anstalt, Hcrrn Friedberger, in die Hand geschrieben. Zum Gedächtnis der Toten, die an H. Keller erinnert, mögen hier einige Auszüge aus den Briefen folgen und das Bild, das sie selbst von sich in ihren Versen entworfen, ergänzen. 6. 12. 18. „Mit nicht geringer Freude und Verwunderung erhielt ich Ihr Büchlein „Lebensworte". Der Titel schon war so . . ., daß ich es kaum erwarten konnte, bis Herr Direktor mich mit dem Inhalt vertraut machen würde. Er schrieb mir das Kapitel „Zukunft" in die Hand, und meine freudige Ueberraschnng wuchs ins Unendliche, als ich vernahm, daß Sie mein bescheidenes Merkchen „In der Dämmerstunde" einer . . . Besprechung würdigten. Es bewegte mich tief, daß Sie die Schlußworte aus meinem Lebenslaufe, meinen Trost, mein Glaubensbekenntnis in dunklen Tagen so nachdrücklich betonten. Man hätte diese Morte als Motto meinen Gedichten vorsetzen können, hat doch die Liebe der Meinen immer als wärmende und belebende Sonne über meinem Leben gestanden. Unter dem Begriff „Die Meinen" fasse ich aber einen viel größeren Kreis von Menschen zusammen, als man gewöhnlich tut, besonders, seit ich hier in Steglitz eine zweite und, will es Gott, eine Heimat für das ganze Leben fand. Alte Menschen, mit denen ich in nähere Berührung kam, haben