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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-09 · Heft 2 (9.1.1920) · p. Seite 18

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 2 (9.1.1920)
Date
1920-01-09
Page
Seite 18 (sequence 6)
Language
German
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„Kiewstanin". an der Spitze, treibt eine furchtbare antisemitische Hetze. Zn der Masse, besonders in der Armee, sind durch derr Bürgerfiiecj und die allgenieine Zerrüttung die wildesten Instinkte wachgerufen. Wie Ihrem Korrespondenten von einer hochautoritativeu russischen Ouelle heute versichert wurde. sollen übrigens seit zwei Wochen die Pogrome aufgehört haben. Zur Charakteristik der Lage teile ich Ihnen die heute von mir aus Rußland erhaltene Resolution der Denikin freundlichen Kadettenpartei, angenommen aus der letzten Parteikonferenz in Charkow, mit: „Die Charkower Konferenz der Kadettenpartei spricht die lleberzeugung aus, daß die stattfiudenderr Judenpogrom? unzulässig sind, nicht bloß aus Hunmnitätsrücksichten. sondern auch vorn Ltaudpunkte jener großen Lache, der die Freilvilligelmruwe dient. Zugleich aber lehnt die Konferenz jede Verdächtigung ab, als ob die (Gewalttätigkeiten stattfänden ohne genügenden Widerstand seitens der bevollmüchkigten Behörden und hält es für ihre erste Pflicht, zu bezeugen, daß eine Reihe von Maßregeln von den Behörden behufs Vorbeugung von Pogromen und zuur Lchutze der unschuldigen Bevölkerung im Namen der christlichen Moral und der Ltaatsiuteressen ergriffen wordenist. Die Konferenz anerkennt, daß die vom Bolschewismus geschaffene zersetzende Atmosphäre, die die nackte Gewalt.und die physische Vernichtung der Gegner zum Prinzip erhoben hat. als die Grundursache des Vorwaltens dunkler Instinkte m der Blasse erscheint. Tiefe Geisteszersetzung hat einen günstigen Boden für die widerwärtigen Akte der Vergewaltigung geschaffen, die in ihrer Gesamtheit als ein tatsächlicher allgemein-russischer Pogrom erscheint. Die vom Bolschewismus hervorgerufene moralische Verwilderung hat auch die Ausbreitung der Judenpogrome hervorgeruren. Die führenden und benmßten Kreise des Judentums sollen einen unerbittlichen Krieg jenen Elementen unter den Juden erklären, die durch ihre attioe Teilnahme an der bolschewistischen Bewegung ein verbrecherisches und böses Werk schaffen. Die Konferenz spricht die Hoffnung aus, daß jene gesunden Richtungen im Zudeutnme, die zusammen mit allen russischen Bürgern bestrebt sind, an der Befreiung Rußlands vom Bolschewismus teilzunehmen, von den breiten Kreisen der jüdischen Bevölkerung werden aktiv unterstützt werden." Toweit die Resolution. Sie reflektiert die Stimmungen der Regierungstreise um Deuikiu herum. Es fei uns nur eine Bemerkllng erlaubt: Könnte man nicht die an die Inden gerichteten Ratschläge an die Russen richtend Wie steht es ntit den russischen „Bürgern" und mit den christlichen „breiten Massen" in Rußland: Kämpfen sie alle gegen die Bvlschewiti? Un-d doch gibt es nur Judenpogrome. * (*ttt interessanter Prozess in London. Großes Jute reffe rief sowohl in der englischen als in der jüdischen politischen Welt der kürzlich zwischen Lir Alfred Blond, Minister für öffentliche Arbeiten, ttitb dem Leutnant Harry Priser und Mister Bimisy verhandelte Prozeß. Herr Bimish hat während des Krieges auf erneut öffentlichen Platz ein Plakat aufgestellt, in dem er Sir Alfred Blond als Verräter bezeichnet hat. Das Interessanteste des Prozesses find die in seinem Verlause von Herrn Bimish unternommenen autisemitischen Manöver und sein Auftreten gegen Sir Monds Töchter und Verwandte. „Tiefer Gentleman", bemerkt Lir Carwn, Monds Verteidiger, „führt eine rein antisemitische Kampagne und benutzt die Gelegenheit, vor dem Gericht eine Indenhetze in Szene zu setzen. Ich Protestiere gegen die Ausbeutnng des Prozeßes als Mittel, die öffentliche Meinung gegen irgendwelche Religion oder Lette zu vergiften." Herr Brmish richtete u. a. an Lir Blond die Frage, ob er jüdisch rede, und betonte gleichzeitig, Jüdisch sei „einfach hebräisch verhülltes Deutsch". Tie Haltung und Verteidigung von Lir Blond ist eine sehr mutige gewesen. Er leugnet sein Judentum nicht ab nnb weist des öfteren darauf hin, daß er zur jüdischen Nationalität gehört, obwohl er englischer Staatsbürger ist. K. f. d. 0. * Aufschub der zionistischen Iahreskonferenz nnb der jüdischen Gelehrtenkonferenz. Ans einer Sitzung des Aktionskomitees am 22. Dezember v. I. in London unter Teilnahme von L v t o l o w, L e v i n, R orba u und der anderen dort weilenden Mitglieder des Großen Aktionskomitees wurde unter Berücksichtigung der. Tatsache, daß die Friedensverhandlungen mit der Türkei unmittelbar bevorstehen und die Frage der endgültigen Festsetzung des Mandates über Palästina voraussichtlich in -der zweiten Januar-Hälfte definitiv entschieden werden dürfte, was der zionistischen Leitung unmöglich machen würde, zu der sür die Iahreskonferenz bestimmten Zeit Paris zu verlassen, und mit Rücksicht auf die Unmöglichkeit der Teilnahme an der Iahreskonferenz für die Zionisten Amerikas, Kanadas und Südrußlands beschlossen, die zionistische Iahreskonferenz für unbestimmte Zeit zu verschieben. Gleichzeitig wurde auch die jüdische Gelehrtenkonferenz vertagt. Es wurde auch der Beschluß gefaßt, eine Sitzung des Großen Aktionskomitees sür die allernächste Zeit nach London einzuberufen. Aus der arabischen Presse. Das im Londoner „Iewish Chronicle" erschienene Interview mir dem Emir Feisnl hat in der arabischen Presse ein starkes Echo gefunden. Ter in Kairo erscheinende „Mukads" schreibt: „Aus dem Interview ist Zu ersehen, daß der Emir die Verhältnisse in Palästina genau kennt und daß er während seines Aufenthaltes in London öle Gelegenheit hatte wahrzunehmen, wie groß der Einfluß oer Zionisten ist, und welche große Arbeit geleistet wird, um die zionistischen Beschebungen zu realisieren. Ter Emir kennt die Forderungen seines Volkes, die gegen die Trennung Palästinas von Syrien sind, rrnd er weiß, daß die Palästinenser es nicht zugeben können, von anderen aus ihrem Lande verdrängt zu werden. Der Emir ist daher bestrebt, die Gegensätze auszugleichen. Die ivn ihm vorgeschlagene Lösung, ein jüdisches Palästina im Verbände des arabischen Reiches, ist bereits früher erwogen und als richtig befunden wurden. Es iutrb aber Seiner Hoheit nicht unbelannt sein, daß ein großer Terl der Zionisten auf keinen Fall aus seinen Vorschlag eingehen wird, diejenigen nämlich, die ans dem Standpunkt stehen, den einer ihrer Schriftsteller vor kurzem in den „Times" erklärt hat: Palästina muß jüdisch sein, wie England englisch, eine Erklärung, die sogar gegen die' Intentionen Dr. Weizmanns und anderer gemüßigter Zionisten geht. Die Juden behaupten, daß Palästina ihre Historische Heimat sei; die arabischen Palästinenser erklären, daß Palästina ihr faktisches Geburtsland ist. Beide Parteien beweisen die Nichtigkeit ihrer Behnuptnng, während die Politiker der Großmächte sich bemühen, beide Teile <;u einer Verständigung zu bringen. Es kam die Balfonr-Deklaration, die den Juden den Mut und die Energie gab, für ihre Forderung mit Nachdruck einzutreten. Man darf auer hier nicht die Einwendungen der Araber außer acht laßen, daß die Zukunft Palästinas nicht ausschließlich Sache Großbritanniens ist, selbst wenn es das Mandat über Palästina erhalten sollte. Großbritannien hat bis heute noch den Begriff der „Nationalen Heimstätte" nicht tlargelegt. Dieser Begriff ist ein sehr dehnbarer. Bedeutet eine nationale Heimstätte die Gründung eines Zudcnstaates, wie er vor dem Babylonischen Exil existiert hat, und die Uebergabe der Regiernngsgewalt in 'die Hände der Inden, oder heißt das, daß die Inden das Recht erhalten sollen, nach Palästina zu emigrieren, dort Boden zu kaufen und sich dort niederzulassen? Tie Tatsache, daß die englische Negierung dies bis auf den heutigen Tag noch nicht aufgeklärt hat, schasst am darrernd neue Verwirrungen." Zu einem ganz anderen, viel feindlicheren und aggressiverer: Tone schreibt die arabische Presse in Damaskus. Hier machen sich die Wühlarbeiten des „Arabischen Klubs" in der ganzen Presse bemerkbar. Als die Nachrichten über die in Paris erzielte Einigung betreffs der syrischen Frage eintrafen, beeilte sich der extrem nationalistische „Arabische Klub", bei dem englischen General-' gouverneur einen geharnischten Protest einzureichery mit der Aufforderung, denselben nach Paris wciterzugeben. Zn diesem Protest wurde ausdrücklich die Erlassung eines Verbotes gegen die Einwanderung von Inden nach Palästina verlangt und sogar auf die Möglichkeit einer Störung der öffentlichen Ordnung in Syrien sür den Fall der Ablehnung dieser Forderung'hingewiesen. Der Gouverneur teilte dem Klub schriftlich mit, daß er die Weitergabe des Protestes ablehne; in seinem Bescheid wies er darauf hin, daß in Paris die Vertreter aller in Betracht kommenden

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