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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-09 · Heft 2 (9.1.1920) · p. Seite 17

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 2 (9.1.1920)
Date
1920-01-09
Page
Seite 17 (sequence 5)
Language
German
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17 Hattert, empsanden es -belsonders unerträglich, daß sie Nur um ihrer Abstammung willen den druckenden Sondergesetzen unterlagen und viele von ihnen vom Univer,sitäisstudium Ausgeschlossen wurden, weil die Regierung Juden nur in beschränkter Anzahl zum H-ochschulstudium zükieß. Voll Verbi-tterung pflegten sie sich daher den radikalen, polikiischen Richtungen anzu sch ließen. Glaubenslose Elemente unter den russisch-polnischen Juden gab esbereits lange vor dem Kriege nicht nur unter dien Gebildeten, sondern auch unter -dem großstädtischen Proletariat. Dadurch, daß die Juden Rußlands nur in einem verhältnismäßig kleinen Landstreifen wohnen durften, war ihnen die Existenzmöglichkeit sehr! erschwert. Inden Großstädten der jüdischen Ansiedelungsbezirke wuchs ein Proletariat heran, das nur notdürlstig sein Dasein fristete. Nicht alle konnten trotz der elenden Hungerlöhne hinreichen-d Arbeit finden. Unter diesem Proletariat traf man vielsach Unglaube, Unbildung und Unstttlichkeit an, was zum Teil mit ihrer völligen' Unwissenheit in religiösen Dingen und ihrem Mangel an jeder elementaren Bildung zusammenhing. Denn obligatori'scher Unterricht existierte nicht im russischen Zarenreiche. Von ungläubigen Stu-denten, die sich zur Ausgabe machten, das Volk aufzuiklären, waren sie jedoch mit den das Gemüt vergiftenden. Lehren des Materialismus vertraut gemacht worden. Nur bei den gläubigen! Juden Rußlands findet man strenge Moral und Keuschheit, ein reines, gesundes Familienleben. Hingegen. i'st der ungebildete russisch^polnische Jude, der die Religion von sich abgestreift hat, in moralisches Elend .gefunken. Für ihn gilt .alles als erlaubt: Ehebruch, freie Oiebe, Lug usw. Unter solchenglaubenslosen Silben 'fanden sich nicht nur Sozialisten, sondern auch Anarchisten, die ihre ehemaligen Glaubensgenossen brandschatzten und überfielen. Bereits im März. 1917 hatte ich in mehreren Artikeln „Zur Charakteristik der Ostiuden" (erschienen im .„Israelitischen- Gemeindeblatt" (K-öln) Nr. 10 bis 13) darauf hingewiesen. Die glaubenslosen,, meistens dem „Bund" zugehörigen Arbeiter der Großstädte trieben öffentlich mit der Religion Spott. Selbst dasheiligste jüdische -Fest, den VerMnunastaa. suchten sie zu verhöhnen. Sobatte mir vor etwa zehn Jahren der Rabbiner einer Poiln.ischen Jud.ustriestadt berichtet, wie jü'dische glaubenslose Arbeiter am Vorabend des Versöhn ungOsestes an alle Synagogen - besucher Zettel verteilten, worin es hieß: „Heute aben.d findet im Saale X eine Festversammlung statt. Es wird dort diskutiert werden über -die Sünden und Verbrechen, d-ie Gott im letzten Jahre begangen hat. Im. Anschluß daran findet Festessen und Tanz statt." Am Versöhn ungAtage selbst suchten >ala-ubenslo-se Arbeiter den Gotltesdienst in den- Spnagoaen zustören-. Derartige glaubenslose Elemente, welche die schlimmsten. Feinde der jüdischen Religio-n sind, haben sich nun. mit Feuereifer deni Bolschewismus angeschlosse-n. Sie terro-ri-sieren heute -die jüdischen Gemeindien,, su-chen das religiöse Leben, zu ersticken, bie religiöse Erziehung der Jugend zu hemmen, -frie Herzen der Kinder frühzeitig zu vergiften. Die gläubige Judenhei.t in Rußland und Polen leidet seelisch schwer unter dem 'bolschewistischen- Terror. Der Bolschewismus, dessen Stifter, übrigens ein Russe und kein Judenabik-ömmling war, ist der schlimmste Feind nicht nur. des Judentums, sonder>n jeder positiven Religion. Dahersollten die Gläubigen aller Religiönsgemeinschaften-!ge schlossen den Bo>lschewis>m-us bekämpfen. Jeder Ernstdenkende, dem die Gesundung d>er Mlenischh-eit am Herzen liegt, sollte nach seinen Kräften Mitarbeiten., -dem Rechte Md« -dE Wahrheit' zum Siege zu verhelfen, den wirklichen Frieden unter den Menschen zu begründen, der die niedere Selbstsucht eindämmt und den wilden, tierischen Leidenschaften, durch -die die Mehrzahl , der Menschheit beherrscht wird, ein heiliges, mächtiges Gegengewicht entgegenstellt. „Auf drei Säulen ist die Welt begründet, aus die Wahrheit, das Recht undden Frieden, . denn -es heißt: . „Die Wahrheit und das Recht, das zum Frieden 'führt, übet in euren Städten (A'bot 1.18). 7 - 7 '*y . Jugoslawien. . ßaut Nachrichtendie. das Komitee.’feßf Judischen/DeWätionen aus Jugoslawien aus. sicherer. Duelle..erhielt, nehmen' Ne . Behörden des - serbo-kroatisch-flowenischen Staates die Ausweisung einer großen Anzahl Juden vor, die seit Jahren und sogar seit Jahrzehnten in diesem Lande leben. Diese Maßnahme ist eine offensichtliche Verletzung des von dem S. H. S.-Staate Unterzeichneten Vertrages, in welchem es unter Artikel 3 im Kapitel 1 heißt: „Die österreichischen, ungarischen und bulgarlschen Staatsangehörigen, die ihren Wohn- oder Heimatort am Tage des Inkrafttretens des vorliegenden Vertrages aus allen Territorien des serbo-kroatisch-slowenischen Staates haben, werden als serbische, kroatische und slowenische vollberechtigte Staatsbürger ohne jegliche Formalitäten anerkannt." Unter den Ausgewiefenen befinden sich Frauen und Greise, deren Söhne in dem Hsere des neuen Staates dienen. Die Ausweisungsbefehle wurden sogar an Juden gerichtet, die schon seit mehreren Jahren tot sind. Die Ausgewiesenen befinden sich in einer ungemein schwierigen Lage, denn kein Land öffnet ihnen seine Grenzen. Diese brutale Maßnahme hat unter den Juden Jugoslawiens eine wahre Panik hervorgerufen, da sich alle in ihrer Sicherheit bedroht sehen, um so mehr, als sie in Anbetracht der liberalen Traditionen Serbiens auf eine solche Behandlung seitens des neuen Staates keineswegs gefaßt waren. Das Komitee der Jüdischen Delegationen hat, gestützt auf feststehende Tatsachen, der Delegation des S. H. S.-Staates an der Friedenskonferenz ein Memorandum überreicht und weitere diesbezügliche Schritte bei politischen Persönlichkeiten unternommen. * Die Juden in Serbien. Seit kurzer Zeit macht sich -in S e r b i e n eine antisemitische Agitation bemerkbar, gegen welche die serbische Regierung wiederholt Stellung genommen hat. In einem die jugoslawischen Verhältnisse gut charakterisierenden Artikel schreibt die Belgrader Zeitung „Epocha": „Die Gefühle für Toleranz in bezug auf Glauben und Nationalität sind in Serbien traditionell. Es ist sehr zu bedauern, daß vor einiger Zeit eine antijüdische Agitation unter der Führung einzelner Elenrente propagiert wurde, die aus dem ehemals österreichischen Territorium stammten. Ohne Zweifel verdient das Verhalten mancher Juden schweren Tadel, aber können die Serben etwa behaupten, daß in ihrer eigenen Nation alles untadlig ist? Ist es eine gute Politik, eine ganze Nation, deren Mitglieder für Serbien geblutet haben und die immer gute Bürger waren, wegen des Vergehens von zehn oder hundert Einzelnen zu hassen? Es ist ein Grundsatz jedes zivilisierten Staates, daß zwischen all seinen Mitgliedern gute Beziehungen obwalten, und schon'deshalb ist es uns eine erfreuliche Pflicht, der Jüdischen Gemeinde zur Eröffnung des jüdischnationalen Heims Glück zu wünschen, einer Schöpfung, die geeignet erscheint, zwischen Serben, Kroaten und Slowenen einerseits und Juden anderseits gute Beziehungen zu schassen. Wenn die Juden die freundschaftliche Hand bieten, müssen die Serben sie annehmen. Würde man die dargebotene Hand nicht ergreifen, so würde uns das die jüdischen Bürger entfremden, deren Intelligenz und Fleiß eine wichtige Stütze für Jugoslawien bedeuten." Diese Sprache des serbischen Regierungsblattes würde mancher westeuropäischen Großmacht zur Ehre gereichen. * Me Lage dev Inden in Rußland. Resolution der K a d e t te n p a r t e i. Der Pariser k.-Gewährsmann der „Jüdischen Preßzeutrale Zürich" teilt mit: Da die russische Frage n-icht so bald vor die Friedenskonferenz kommen wird, so kann auch keine Rede davon sein, die russisch-jüdische Frage irgendwie vor dieses Forum zu bringen. Und -wenn England und Frankreich wirklich sich entscheiden werden, nicht mehr in den Angelegenheiten Rußlands zu intervenieren, dann wird es überhaupt sehr schwer werden, von hier ans die russischjüdische Frage zu beeinflussen. Das heißt aber nicht, daß inan im Denikinschen Gebiet nicht mit der öffentlichen- Meinung Europas rechnet. Im Gegenteil. Die Pariser Repräsentantender Denikinschen Regierung sind sehr darum besorgt, sich von der Beschuldigung. Judenpogrome hervorgerufen, begünstigt oder -geduldet zu haben, reinzuwaschen-. Auf. eine Anfrage aus Rußland antwortete der Minister Neratow ungefähr folgendes: Gegen Pogrome werden alle möglichen Maßregeln ergriffen. Die volle Gleichberechtigung der Juden ist selbstverständlich. Trotzdem sind im Denikinschen Gebiet furchtbare Judenpogrome vorgekommen-: Tausende ermordet, Zehnlausende geplündert- und ausgeraubt, Hunderttalrsende von Juden im Zustande des ünbeschreiblichen Elends. Die Sachlage ist . folgende: Denikin und die Regierung besitzen keine Macht, -den Offizieren, Beamten und Soldaten Gehorsam zu -gebieten. Ein Teil der Jntelligeniz mit dem einflußreichen Schulgin, dem Redakteur des

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