Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1920)
- Date
- 1920-01-09
- Page
- Seite 16 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3229443-3229445--75453-3287961- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
-16 ihrer soeben -erschienenen Nummer 22 einen ganz im alldeutschen Sinne geschriebenen Artikel gegen den parlamentarischen Untersuchungsausschuß, der auch starke antisemitische Tendenzen ausweist. In dem Artikel wird behauptet, der Untersuchungsausschuß habe zweifellos zur Stärkung des Antisemitismus beigetragen. Das genannte Blatt fragt: „Wie kommt das?" und beantwortet diese Frage folgendermaßen: Wir brauchen nicht daran zu erinnern, daß sich die Regierung selbst zu einem starken Prozentsatz zusammensetzt aus jüdischen oder judenfreundlichen Kräften; das würde nur einen Teil der Antipathie gegen die Regierung selbst erklären, nein, wir wollen hier nur den „unparteiischen" Untersuchungsausschuß ins Auge fassen. Wie liegen die Verhältnisse hier? — Die Durchsicht der Akten des Auswärtigen Anlts hat, bevor der Untersuchungsausschuß ins Leben trat, in den Händen des tschechischen Sozialisten Kautsky, seiner Gattin und zahlreicher, fast ausschließlich jüdischer Hilfskräfte gelegen! Der Referent des Ausschusses ist jüdischer Rasse; im engsten ausschlaggebenden Ausschußzirkel liegt das Verhältnis der jüdischen und der germanischen Rasse so wie drei zu zwei zugunsten der ersteren. Das Blatt behauptet, den Artikel einer holländischen Zeitung entnommen zu haben — welcher, wird nicht gesagt —, und zur Rückendeckung dient eine kleine redaktionelle Anmerkung, daß es nicht mit allen Einzelheiten des Artikels einverstanden sei. Der offensichtliche Zweck aber kann nur sein, die Reichswchrangehörigen im Sinne des Artikels zu beeinflussen, da nicht einmal gesagt wird, welche Einzelheiten der Meinung der Schriftleitung widersprechen. Denn wenn der Artikel der Auffassung der Schriftleitung nicht entsprach, so bestand für sie keinerlei Anlaß, ihn abzudrucken. Die Bemerkung ist offenbar nur vorangesetzt, um sich „nach obenhin" bei etwaigen Rügen zu sichern. # P r o fes s o r A l b er t E i n st e i n, der geniale Schöpfer der modernen Relativitätstheorie, hat sich, wie schon mitgeteilt, bereit erklärt, an den Besprechungen zur Gründung einer jüdischen Universität in I e r u s a l e m teilzunehmen. In der englischen Presse war diese Nachricht mit der Absicht des Gelehrten, nach Palästina überzusiedeln, motiviert worden. Professor Einstein dementiert die Meldungen der englischen Blätter von seiner Uebersiedelung an die zu begründende Universität in Jerusalem. Er sagt hierüber: „Nichts liegt mir ferner. Ich fühle mich hier in Berlin außerordentlich wohl. Das sonderbare Gerücht kann nur dadurch entstanden sein, daß ich als Jude selbstverständlich lebhaften Anteil an derartigen Bestrebungen nehme. Ein Lehrauftrag für die Universität Jerusalem ist für mich schon deswegen eine Unmöglichkeit, weil ich gar nicht der hebräischen Sprache mächtig bin. Und dann wäre wohl theoretische Physik ein Lehrgegenstand, an den man wohl erst in allerletzter Linie bei der neuen Hochschule in Jerusalem denken wird. Man fängt doch bei dem Bau eines Hauses nicht mit dem Dache an. Ich habe diesem Gerücht nicht widersprochen, weil ich viel zu tun hätte, wenn ich alle die über mich umlaufenden Gerüchte widerlegen sollte. Da werde ich in einigen Blättern als ausgesprochener Kommunist und Anarchist geschildert, offenbar infolge einer Verwechslung mit einem Namensvetter. Nichts liegt mir ferner als anarchistische Ideen. Wohl trete ich für eine Planwirtschaft ein, die sich aber nicht für alle Betriebe durchführen läßt, und hx diesem Sinne bin ich Sozialist. Aber ich bin durchaus auf kein festes politisches Programm eingestellt." * Judentyrn und Bolschewismus. Unter dieser Ueberschrist veröffentlichte die „Kölnische Volkszeitung" in Nummer 970 (1919) .einen Artikel, der die allgemeine antisemitische Auffassung wiedergibt, daß das Judentum den Bolschewismus fördere. Diesen Artikel, der in vornehmem Tone gehalten ist, unterzieht im genannten Blatte in der Ausgabe vom - 31. Dezember Rabbiner S ch e f t e i o w i tz (Köln) einer sachlichen Prüfung, in. der er diesen Vorwurs widerlegt und die Wahrheit klärzulegen versucht. Dr. ^cheftelowitz schreibt: Die Tatsache, daß viele russische und polnische Bolschewistenführer von jüdischer Herkunft sind, begründet der Verfasser jenes Artikels damit, daß die Begeisterung vieler russischen und polnischen Juden für den bolschewistischen Zukunstsstaat nur eine. Fortsetzung. der Begeisterung ihrer Jugend für den MeMamsmus,• d.- -h. „den Glauben «an die Weltherrschaft des jüdischen.Volkessei". „Es ist das jüdischer Imperialismus, dem Bolschewismus, Diktatur des Proletariats und derlei. Mittel zum Zwecke sind." Findet hex Bolschewismus, wie im Artikel angenommen wird, wirklich in den Lehren des Judentums einen Nährboden? Die jüdische Religion steht dem Bolschewismus feindlich gegenüber wie das Wasser dem Jener. Sie 'gebietet die Wertschätzung und Heiltahaltuna eines Menschenlebens: „Wer nur ein einziges Menschenleben vernichtet, hat gleichsam die ganze von Gott erschaffene Menichenwelt vernichtet; wer aber nur ein einziges Menschenleben rettet, hat gleichsam die'ganze Menschenwelt gerettet" (Milchna Sianh. 4, 5). Sie bekämpft die Unsittlichkeit und betont fa-V Heiligkeit der Ehe: sie verbietet jeden unrechtmäßigen Einari-ff in 'fremdes Eigentum. Nur wegen der rl'mficha reifenden Sitte nlosigkeit und Raubsucht bat Go-tt nach jüdischer Anfs^-lluna die Sintflut bereinbretl'en lallen (Talmud Sanh. 57). Als' Ebenbild Gotteslall der Mensch Gott, dem Jnbeerilfs den Sittlichkeit: ähnlich bandeln: ebenso wie Go*t barmberzia und liebevoll gegen alle Geschöpfe ist, soll auch der Mensch barmherzig und liebevoll sein. Daher wird das Gebot: „Liebe deinen Nächsten wie -dich selbst" «als die vornehmste Grundlehre der Bibel angesehen. Die Schwalchen sollen gestützt und gestärkt werden. Darauf beruhen vor allein die sozialen Gesetze der Bibel, die den Besitzenden zu uneigennütziger Hilfsbereitschaft gegen einen Hilfsbedürttiaen in weitgehend ein Sinne verpflichten. Eines de^ sieben Gebote, die Gott gemäß der jüdischen Lehre durch Noah der Menschheit verkündet hat, legt den Menschen die Pflicht aus. eine aus Recht und Gesetz sich stützende Obrigkeit ein zu setzen und an anerkennen (Sanh. 56a). „Bete für das Wohl der Obrigkeit, dennbestünde keine Achtung vor derselben, so würde ja der eine den anderen lebendig verschlingen" (Abo-t 3. 2). „Wie unter -den Fischen im Meere die größeren die kleineren verschlingen, io würde es auch UlNter den Menschen der Fall sein, wäre keine Obrigkeit vorhanden (Aboda zara 4). Der Jude ist somit relia-ionsgesetzlich verpflichtet, einer ans Reckt und Gesetz sich stützenden Regierung, mag sie monarchistisch oder sozialistisch sein, Gehorsam, Treue -und Ehrfurcht zu 'erweisen. Wie steht es nun mit den messianischen Zukunstshossnungen des Judentums, die den Bolschewismus .gefördert -haben sollen? Das Judentum erwartet an: Weltenende das Erscheinen des Messias. Gott wird dann die Bösen endgültig. vernichten, woraus die Zeit der restlosen, sittlichen Glückseligkeit anbrechen wird, die frei ist von sinnlichen Leidenschaften und Begierden. Das Reich Gottes wird die ganze Menschheit brüderlich , einen. Die -wesentlichen Züge des Messianismus sind: Die -allgemein vorherrschende reinste Erkenntnis des einzigen Gottes, die Betätigung der aeläu-teritsten Sittlichkeit durch -den Wandel -in sein-en Wegen undder ewige, im Gefühle der brüderlichen Z usam mengehöriakeit aller Menschen begründete Weltensriede, „denn voll wird die .ganze Erde der Erkenntnis Gottes sein, gleichwie das Wasser den Meeresgrund deckt" (Jesaias 11. 9). Die Lehren des Judentums sind daher mit den Theorien des Bolschewismus unvereinbar. Woher kommt es aber, daß eine Anzahl russischer und polnischer Bolschewisten von jüdischer Herkunst ift? Atheismus, harte Knechtung und soziales Elend sind die Urquellen des Bolschewismus. Im ehemaligen russischen Zarenreiche war die moderne Bildung die schlimmste Feindin der Religion. Es gab dort kaum einen Gebildeten^ der noch gläubig war. Die Gymnasien waren die Brutstätten des Atheismus. Jeder. Gymnasiast der oberen Klassen war vertraut mit den Lehren. Nietzsches!. Darwins' und Haeckels.er sprach von der Verkehrtheit der Moralbegr-is-se un-d der notwendigen Umwertung der Moralwerte. Die Theorien über die Entwicklung der Menschheit, über den Ass-enmenscheu usw. hielt er für unumstößliche Wahrheiten. Jüdische Abiturienten, die, von solch materialistischer Weltanschaiuing erfüllt, die Religion verspotten gelernt