Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1920)
- Date
- 1920-01-09
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
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1R daß selbst aus einem autonomen hebräischen Nationalstaat, wie zur Zeit des zweiten Tempels, wenn er stark bevölkert sein wird, Auswanderer sich nach fernen Ländern begeben werden, wo ein weiterer Horizont ist, ein höherer Arbeitslohn erreicht werden kann undfür Talente eine größere Möglichkeit der Entfaltung gegeben ist. Eine derartige Bewegung kennen selbst die anderen kleinen Nationalstaaten, und wie sollte sie sich nicht in einem Lande geltend machen, dessen Bewohner reiche und mächtige Verwandte in so großer Anzahl in allen Ländern der Welt besitzen würden? Es widerspricht jedenfalls den Tatsachen, wenn versucht wird, die ganze Zukunft des Judentums als von der Wiedererlangung eines eigenen Territoriums und einer nationalen Konzentration abhängig darzustellen. Niemand, der die beschichte des israelitischen Volkes und seine seit den prophetischen Zeiten unverkennbare und unaufhaltsame Neigung kennt, sich in allen Ländern der Welt auszubreiten, .alle Sprachen -zu reden und sich allen Lebensverhültnissen anzupassen, wird ernstlich behaupten können, daß gerade gegenwärtig, in der Zeit der weltumspannenden Handelsbeziehungen und der größten Erweiterung des geistigen Horizontes der Menschheit, das Judentum in Gefahr sei zu verschwinden lind daß. der Zionismus den Verzweiftungskampf gegen den drohenden Untergang darstelle (wie Rupvin am Ende seines Buches, II. Auflage, S. *302, meint). Die Verzweifelten - das sind Individuen, welche sich aus der traditionellen jüdischen Religionsgemeinschaft geflüchtet haben oder sich aus derselben herausgedrüngt fühlen und für ihre suchende Seele keinen anderen Ruhepunkt finden als das angestrebte nationale Gebiet, welchem ja auch ein Wiederaufleben und eine Zukunft beschieden sein mögen. Diese Individuen bilden für sich eine geschlossene Gruppe und begehen den Fehler, sich für den Mittelpunkt und den Kern des jüdischen Volkes, alle übrigen für die „Toten der Wüste", verdorrte Gebeine und einen Misthaufen zu hatten. Es ist jedoch möglich, daß in einem Beth Hamidrasch oder in einer Ieschibah im Osten mehr fruchtbarer Boden ist und bedeutendere Kräfte für die Erhaltung der Weltstellung des Judentums hervorwachsen können als in mancher Kolonie Palästinas. Es ist auch möglich, daß manche gottesdienstliche Versammlung selbst der angeblich absterbenden Westjnden urd manche Religionsschule, in welcher die Kinder mit den wichtigsten Teilen der Bibel vertrant gemacht werden, eine größere Bürgschaft für den Bestand des Judentums in der Zukunft bilden, als sie durch irgendeine Versammlung religiös indifferenter nationalistischer jüdischer Arbeiter geboten werden famt. Ich will das nicht als unanfechtbare Tatsache hinstellen, aber es genügt, daß diese Möglichkeit in Erwägung gezogen wird. Agatharchides ans Kanidos schrieb in seinem historischen Werke: „Es gibt ein Volk, das Juden genannt wird. Dieses Volk ließ seine große und befestigte Hauptstadt Jerusalem durch Ptolemäus Lagi (Soter) erobern, weil es am Sabbat nicht kämpfen wollte. Wegen eines unzeitgemäßen Aberglaubens ist dieses Volk unter fremde Herrschaft gelangt." Gegenwärtig kann es wohl kein Mensch bezweifeln, daß, wenn die Juden damals den Sabbat preisgegeben itnb wie alle anderen Völker gekämpft Hütten, wenn sie auch Ptolomäus besiegt hätten, sie doch nicht für lange Zeit ihren- Bestand als freies Volk gesichert hätten. Sie wären zum Schlüsse doch entweder in. Ermangelung der ihnen eigentümljKen^religiösen Macht von der hellenistischen Welt absorbiert worden , oder sie wären von den Römern später unterworfen worden, jedenfalls wären , sie gleich den anderen morgenländischen Nationalitäten verschwunden. Aber gerade jene von dem griechischen Schriftsteller als Aberglauben verspotteten Ideale haben sich als eine stärkere -Festung erwiesen als die Stadt Jerusalem, und der Sabbat, als ein Zeichen für die Ewigkeit eingesetzt, hat den Bestand des Volkes mehr gesichert, als es bewaffnete Legionen tun konnten. Die Zeiten haben sich allerdings seitdem sehr geändert, und es liegt nahe, daß in unserer Gegenwart auch andersgeartete Mittel der Verteidigung sich als erfolgreich erweisen könnten, daß namentlich ein nationales Zentrum und eine profane hebräische Kultur sich für den Be-- stand des Volkes als nützlich erweisen würden. Aber mit den bewährten traditionellen Waffen sollte doch vorsichtiger 11111 gegangen werden. Sie sind vielleicht nicht so verrostet, wie man glaubt. Eine wirksame Organisation in der Diaspora für dje Verbreitung tieferer Kenntnis des hebräischen Schrifttums, der biblisch-talmudischen Tradition, unter den gebildeten Juden, und für die Heranbildung eines auf der Höhe der Zeit stehenden Nachwuchses für die Führung der großen Gemeinden und Institutionen wäre vielleicht dringender als manches von rein nationalistischem Gesichtspunkte mit souveräner Verachtung der Tradition geleitete Erziehungswerk. Jedenfalls wäre eine gründliche Erforschung der geistigen Schätze unb der inneren Lebenskraft des Judentums, um daran seine volle Freude zu finden, ein besserer Weg für die Renaissance als Oie Verbreitung unbegründeter, entmutigender Betrachtungen über den angeblich drohenden Untergang. Bit öAochr. B e r l i n, *~>. Januar 1920. i n M itglied d e r f r a u zösi s ch e n M ilitär - k 0 m m i s s i v n in Berlin, Ambroise G 0 t, hat das dringende Bedürfnis empflinden, einen Teil der im zweiten Vierteljahr 1910 in Deutschland empfangenen Eindrücke in einem Schriftchen niederzulegen, das den Titel „L’Alleinague apren w debaele" führt. In dieser Schrift läßt der Autor, offenbar ein wütender Antisemit, seinen Groll an den Inden ans. Er ergeht sich in längerer Betrachtung über die auffällige Tatsache, daß in Frankreich, England, Italien nsw. die Inden meist eine Patriotische Rolle im Rahmen ihrer Wirtsvölker spielen, während man in Deutschland sagen könne, daß Jüdisch hier immer ein Gegensatz zu Deutsch gewesen sei. Weiter stellt der Franzose das Eindringen der Juden und „Iudengenoffen" (acolytes de juifs) in die Aemter fest und will zeigen, wie Bethmann Hollweg, der nach der Ueberzengnng des Verfassers selbst jüdisches Blut in seinen Adern hat,, von Leuten dieses Schlages, Riezler, Delbrück, Freund, Lewald, umgeben war. Hierauf beschreibt Kot das Zusammenarbeiten der russischbolschewistischen Juden mit den unabhängigen deutschen Inden. Der Leser erfährt, wie das Judentum in München, in Frankfurt, im Rheinland usw. die Revolution gemacht hat und wie es dann sofort die Regierungsstellen an. sich reißt. Es wird ans den ungeheueren Einfluß hingewiesen, den die vollständig verjubele linksstehende Berliner und Provinzpresse ansübt, und die Frage aufgeworfen, um sich die von den Juden revolutionierten Länder Rußland, Oesterreich, Ungarn ilnd Deutschland von der Iudenherrschaft wieder befreien sollen. Als Romane kann sich der Verfasser keine andere Lösung denken als eine große erbarmungslose Abschlachtung der Juden, die er für Rußland als nahe bevorstehend, für Deutschland als ebenfalls sehr wahrscheinlich bezeichnet. Man sieht, daß der imperialistische.Franzose sich seine Informationen bei einem imperialistischen Alldeutschen geholt hat. Die wildesten Schreier des Nationalismus finden sich immer - wenn es gegen die Inden geht. - * Die Zeitschrift „Eichenlaub", das offizielle Nachrichtenblatt der Reichswehrbrigade TU (Freikorps Sülsen), veröffentlicht in