Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 2 (9.1.1920)
- Date
- 1920-01-09
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
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14 Es ist. sonach die Annahme auch berechtigt, daß in weiteren 80 Jahren die Zahl der Juden, von 12 000 000 auf mindestens 20 000 000 (trotz aller Taufen und Mischehen und trotz des Rückganges der Geburten in den vorgeschrittenen Gruppen) angewachsen sein wird-). Ebenso ist die Vermutung begründet, daß alle jetzt lebenden Juden nicht etwa die Nachkommen aller 600 000 find, die um das Jahr 1500 in der Welt existierten, sondern eines kleinen Bruchteiles derselben, vielleicht einer Minorität von hunderttausend Personen, treuer und frommer Bekenner, welche Ahnen wurden, während die übrigen teils durch die Verfolgungen umgekommen, teils durch physische oder moralische Unzulänglichkeit versickert und untergegangen sind. Das Volk erneuert und verjüngt sich immer wieder durch den k l e i n e n Rest, welcher unüberwindlich ist durch seine Anhänglichkeit an die geheiligte Tradition. Dabei bleibt aber diese Anhänglichkeit durchaus nicht mit dem Leben im Getto, mit Armut, äußerer Not, geringer Bildung und Entfernung von der allgemeinen Zivilisation verknüpft (wie Ruppin, Zollschan u. a. glauben, welchen die Macht des jüdisch-religiösen Lebens ein Buch mit sieben Siegeln ist). Sie ist vielmehr ebenso vorzufinden in einer Umgebung von Bildung und Wohlstand in den Ländern der Freiheit und innerhalb solcher Kreise, wo sie eine Zeitlang erloschen schien. Manchmal erhält sie gerade durch die , wissenschaftliche Bildung und die höhere soziale Stellung einen besonderen Impuls, und die auf bestimmter Höhe wie eine Fackel entfachte grundsätzliche Treue wirkt dann leuchtend und beispielgebend in die Ferne. So hat in Deutschland gerade nach der Emanzipation die Orthodoxie sich auf neuer Grundlage ideell und Praktisch gefestigt. Ebenso sind in liberalen Kreisen begeisterte Führer erstanden und hat die alte Anhänglichkeit neuerdings in Gestalt des Zionismus in solchen Kreisen ein Wiedererwachen gefunden, welche vom Getto bereits weit entfernt sind. Ein großer Irrtum unserer Statistiker ist es auch, die Taufen und Mischehen als hauptsächlichen Grund eines numerischen Rückganges hinzustellen. Der Einfluß dieser Bewegungen ist, wie wir gesehen haben, in Wirklichkeit nicht so ' groß und kommt statistisch kaum in Betracht gegenüber der Verringerung der Zahl der Eheschließungen überhaupt und dem Rückgänge der Geburten. Wenn von einer Familie mit drei bis vier Kindern im Laufe der Zeit eines durch Abfall und eines durch Mischehe ausscheidet, so verbleibt immer noch die Hälfte zur Erhaltung des Stammes. Wenn aber selbst konservative und in ihrer Gemeinde in führender Stellung sich befindende Juden überhaupt keine Ehe schließen und keine Familie gründen (die Erscheinung ist in Westeuropa bekanntlich verbreitet), so bilden sie persönlich den Schlußpunkt der Entwicklung und führen, soweit es an ihnen liegt, den Untergang des Stammes herbei. Aber diese Bewegung in der Richtung einer Verminderung der Bevölkerung hat mit dem Judentum an sich nichts zu tun, sondern ist eine Folge der Verbesserung der ökonomischen Lage. Die Erschütterung der Stammesethik, die Scheu vor der Verantwortung und vor den wirtschaftlichen Lasten einer Familiengründung sind bekannte Folgen der Angewöhnung an die Bequemlichkeiten des modernen Leidens in den Großstädten. Es ist daher auch unrichtig, die statistischen Zahlen der Geburten für die jüdische, zu einem wesentlichen Teile großstädtische Bevölkerung einfach den analogen Zählen bei der christlichen Bevölkerung gegenüberzustellen, die zum überwiegenden Teile auf dem Lande wohnt und bei der für die Eheschließungen zumeist ganz andere ') 1915 bereits auf 13 750 000 berechnet („Der Jude", II. Jahrgang. 1917, S. 144). Die Zahl von 20 Millionen wird daher wohl viel früher erreicht werden. und wirtschaftlich günstigere Gesichtspunkte in Betracht kommen. So bedauerlich aber in dieser- Beziehung die Konzentration der Juden in den Städten ist, so ist anderseits nicht zu verkennen, daß sie für die Gesamtheit auch gute Folgen gehabt hat. Die administrative. Autonomie ist durch diese Konzentration in ganz ungeahnter und bemerkenswerter Weise in Erscheinung getreten. So große und einflußreiche, sich selbst verwaltende jüdische Gemeinden wie Berlin mit zirka 150 000 Juden und einem -Budget von mehreren Millionen Mark jährlich, welche ausschließlich den Zwecken des Judentums gewidmet sind; wie Wien mit 175 000 Juden und ebenfalls mehrere Millionen Kronen betragendem autonomen Budget, hat es niemals vorher in der Welt gegeben. Diese Gemeinden und noch weit größere, wie in London und New Hort -- welches allein über eine Million Juden beherbergt -, wachsen von Jahr zu Jahr, und es fehlt nur an den weitschauenden führenden Persönlichkeiten, um diese Gemeinden zu wirklich mächtigen Festungen für das Judentum zu gestalten. Aber die innere Entwicklung ist erst im Beginn und die Männer müssen noch kommen. In der angestrebten nationalen Wiedergeburt liegt zweifellos etwas Großes und Herrliches. Eine bedeutende neue Kraft würde hinzukommen und das Judentum in seiner Weltstellung bereichern, wenn ein autonomer hebräischer Staat oder wenigstens ein hebräisches autonomes Kulturzentrum geschaffen werden könnte. Nicht nur weil Hunderttaufende Juden dort ihr Brot finden und ein natürliches Leben ohne seelische Bedrängnisse entfalten könnten, sondern weil der geistige Schatz der Gemeinschaft und das literarische Erbe der vergangenen Generationen dort am besten gesichert und ohne den ständigen Kampf gegen ungünstige äußere Umstände bewahrt werden konnte. Jeder Freund seines Volkes soll mit aller Kraft die Schaffung des palästinensischen Zentrums fördern, durch welches sich das Judentum im Universum zu seiner Ehre und zur Hebung seines Ansehens sein altes Erbe zurückerobert. Einzu großem Wohlstand gelangter Mann mit weitverzweigten Unternehmungen wird nicht unterlassen, das Stammhaus seiner Vorfahren selbst mit bedeutenden Opfern aus fremder Hand zurückzuerlangen und seinem Stande gemäß neu einzurichten, — nicht, weil seine Existenz davon abhängt, oder auch nur ein nennenswerter Teil seines Einkommens dort geschöpft werden kann, sondern weil seine höhere Position in der Welt ihm dies zur Pflicht macht - noblesse oblige - und weil es für ihn ein seelisches Bedürfnis ist. In einer ähnlichen Lage befindet sich das Judentum. Man muß aber mit Blindheit geschlagen sein, um nicht zu sehen, daß die größere Aktionskraft, der weitere Gesichtskreis, die festere historische Basis und die fruchtbarere wirtschaftliche, vielleicht sogar auch ethische Entfaltung mit Notwendigkeit immer auf dem ganzen Erdenrunde außerhalb des engbegrenzte n He i m a t s - zentrums bleiben wird. Tenn dort kann im günstigsten Falle nur ein kleines Volk, ähnlich vielen kleinen Völkern, sich entfalten, während in der weiten Welt das Judentum als etwas Einziges und Eigenartiges ohne Analogie in der Weltgeschichte dasteht, mit hohen Bestrebungen, welche für das Leben aller.Nationen wichtig sind, mit der Fähigkeit, sich an diesem vielgestaltigen Leben aktiv zu beteiligen, ohne dadurch als Volksindividualität zu verschwinden, und mit wertausgedehnten wirtschaftlichen Hilfsquellen, welche ihm diese exzeptionelle und für die Welt segensreiche Betätigung ermöglichen. Dieses große Meer kann nicht in einen engen Bach zurückgeleitet werden. Die Positionen in der Zerstreuung können und müfsen von Generation zu Generation mit den durch die historische Entwicklung bedingten Verschiebungen verstärkt werden. Dies sowohl auf dem alten Kontingent wie in allen Teilen Amerikas. Man muß sogar damit rechnen,