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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-02 · Heft 1 (2.1.1920) · p. Seite 12

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 1 (2.1.1920)
Date
1920-01-02
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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— 12 Der Mensch, sei er ein Jahr alt oder habe er hundert Jahre gelebt, welchen Vorzug hat er? Er ift. wie nie gewesen Gelobt sei der gerechte Mchter, der tötet und belebt! — — Wir wissen, o Gott, daß dein Urteil gerecht ist, du bist gerecht im deinem Ausspruch, du bist unfehlbar in deinem Urteil, und niemand darf nachforschen deinem Richlterspruch. Gerecht bist du und gerechtlich ist dein Strafgericht. Wahrhaftiger Mchter, der nach Recht und Wahrheit urteilt und dessen Urteile alle gerecht und wahrhaft sind. Die Seelen aller Lebenden sind in deiner Hand, und von Gerechtigkeit voll ist deine Rechte. Habe Erbarmen mit dem Ueberreste der Herde, die von deiner Hand geleitet wird, und sprich zum Todesengel: Ziehe ab deine Hand!" Als das Gebet beendet war, trat ein alter Jnde — derselbe, der an der Unglücksstelle die blutgetränkte Erde in ein Sacktuch gesammelt hatte — vor das offene Grab und sprach das Kaddisch. Darauf kollerten dumpf die Erdschollen auf den einfachen Holzsarg. Wären nicht die tragischen Umstände gewesen, die jedermann die Beteiligung am Leichenbegängnis geradezu zur Pflicht machten denn der Mensch fiHt für gewöhnlich in solchem Opfer eine Tat twam asi und empfindet Mitleid aus Furcht , so hätte man schon an der außerordentlichen Teilnahme am Leichenbegängnis ermessen können, welch hohen Ansehens sich Chajim Glück in der Gemeinde erfreute. So aber merkte man es erst, als man Chajim Glück eine Art von Ehrengrab zuwies. Er wurde nämlich in der nächsten Nachbarschaft von Elje Krummholz bestattet. Selbst Benjamin, der für solche Dinge nicht gerade das rechte Berständnis besaß, empfand eine Genugtuung darüber. Beim Verlassen des Friedhofes schloß sich Benjamin der Gruppe an, die um den Hügel-Rabbi sich scharte. Aul einer Straßenecke, unweit vom Begräbnisplatz, befand sich eine Zisterne; dorthin begaben sich der Rabbi und seine Gefolgschaft und wuschen sich die Hände und murmelten dabei eine Art von Schlußgebet, in dem sie Gott den Herrn baten, daß er die Tränen von jeglichem Angesichte trocknen möge. Auf dem Heimweg wandte sich Jankel Krummholz an den Rabbi: „Eine Frage, Rabbi, eine schwerwiegende Frage, eigentlich eine Frage nach oben ... Chajim Glück war ein rechtschaffener Mann, einer der Auserwählten, die ihr Lebtag keinen Fingerbreit vom Gotteswege abwichen. Von ihm kann man wirklich sagen: er wandelte mit Gott. Und nun mußte dieser Mann so sterben! Sv begraben werden! Warum, Rabbi, warum ist Chajim Glück, dieser Ehrliche, nicht so gestorben, wie ein ehrlicher Jud stirbt, nicht so begraben worden, wie ein ehrlicher Jud begraben ivird? . . . Eine schwerwiegende Frage!" . Eine große Aufregung bemächtigte sich bei diesen Worten aller Begleiter des Rabbi. Wie vermochte Jankel Krummholz nur solche Sprache zu führen? War das nicht Lästerung, was er sagte? Was war es denn? Sie fühlten sich beklommen, in ihrem Gewissen beunruhigt durch die merkwürdige Rede Jänkels. Und doch war es ihnen, als hätte er ihre eigenen Gedanken vorweggenommen, als hätte er verwegen das ausgesprochen, was sie selber dachten und doch nicht zu denken wagten. Sie erwarteten das „scharfe Wort" aus dem Munde des Rabbi, jenes Wort, das eine Zurechtweisung in allen Tonarten enthielt. Doch dieses Wort kam nicht. Der Rabbi sah bloß Jankel Krummholz forschend an, ohne ihm jn zürnen. Jankel fuhr fort: „Ich Hab' ihn gekannt, Rabbis eine ehrliche 'Harlt ist er gewesen, ehrlich in seinem Handel mit Menschen, ehrlich in seinem Wandel mit Gott. Er hat in Ehrlichkeit und in Ehren gelebt und ist lvie ein welkes Blatt gefallen, das der Sturmwind hinwegweht. Er, der sein Lebtag gewissenhaft gerechnet hat. gerechnet und geprüft und nachgeprüst und nachgerechnet hat, um nur alles in Ordnung, ins reine zu bringen; er ist dahingegangen, ohne Zeit gesunden zu haben.-mit dem Himmel ins reine zu kommen .. . Vieles bleibt dunkel, Rabbi, wir wissen nichts, wir können nichts wissen, und zuweilen drängt sich einem die Frage auf die Lippen: Warum?" Der Rabbi seufzte und sagte: „So das Verderben die Befugnis, zu verderben, erhalten hat, unterscheidet es nicht zwischen Gerechte und Ungerechte." Bei diesen Worten erhellten sich die Gesichter der um den Rabbi Gescharten. Nun halten sie eine befriedigende Antwort aus die quälende Frage, die ihr seelisches Gleichgewicht störte, und sie waren wieder mit der weisen Weltordnung versöhnt. Nur Kalman war nicht ganz befriedigt. Er schwieg. Des Rabbi Antwort schob allem weiteren Fragen einen Riegel vor. Und im Grunde — der Tod Chajim Glücks ging ihm nicht gar so nahe, war ihm sogar ziemlich gleichgültig, nur sein eigenes Leid sprach aus ihm, nur dem eigenen Schmerz ivollte er Luft machen, denn — finster war um ihn die Welt geworden, seit Feiwisch, sein einziger Sohn, in dev Schlacht bei Grodek das Augenlicht verlor. Benjamin aber empfand eine gewisse Genugtuung darüber, daß Onkel Chajim neben dem Grabe Elje Krummholzens seine letzte Ruhestätte gesunden hat. d Zwölftes Kapitel. Bon dem „bißchen Invasion", das man (nach der Ansicht Dr. Rieglers) zu all den Verheißungen und Erfüllungen des Krieges mit in Kauf nehmen müßte, ist auch die Stadt, in der Benjamin lebte, nicht verschont geblieben. Die österreichischungarischen Truppen hatten sich aus säst ganz Ostgalizien und einem Teil Mittelgaliziens zurückgezogen, und — der Feind marschierte in die Stadt. Mit fliegenden Fahnen und klingendem Spiel zog der Feind in die Stadt ein. Wie eine schwarze Flut ergossen sich die feindlichen Heeresmassen über die verlassenen Straßen. (Fvrtsctzunn solnt.t Litrrsrilchr Mitteilungen. — B a r k v ch b a. Blätter für die Heranwachsende jüdische Jugend. Hcransgegehen von C. I. Klötzel. 1. Jahrgang, Nr. 1 bis 7. Diese sieben Nummern der obigen Jngendzeitschrifl, Vvn der mehrere ich nicht erhalten habe, geben einen günstigen Anfang einer Jugendzeitschrift für die jüdische Jugend. Denn „Jüdisches" möchte diese Zeilschrist den Kimbern. znteiLwerden lassen; jüdisches Leben, soll ans allem, was diese Zeitschrift bringt, den Kindern entgegenblicken, und das hat der Redakteur bis jetzt zur Genüge getan. Wenn er auch die Zeitschrift „neutral" nennt, so ist eben all das „Jüdische" doch nur national gedacht und besonders für die zionistische Jugend gedacht; denn von religiösen Werten hat nian in diesen Nummern. noch nicht viel empfunden. Tie Lektionen in der hebräischen Sprache sind nicht immer leicht, «ad sichert,ich übersetzen sie die Jamgens und Mä dcheni mit viel Freude, aber auch mit gewisser Anstrengung; eine Uebersetzung dürste immer in der darauffolgenden Nummer gegeben werde». Die Bilder sind im allgemeinen, gut, die Rätsel gut gewählt. Im allgemeinen dürfte diese Jugendzeitschrift der jüdischen Jugend Jüdisches geben, nur darf das „religiöse Moment" nicht vergessen werden. . Tr. F. S t r a tz b n r g e r (Ulms.. Druckkchlerbrrichtigung. In den Schlußartikel über Leopold Zimz in Nr. 51 (1919) hüben sich einige Druckfehler eingeschtichen, die ei-ner Berechtigung bedürfen:. S.. 583, 1. 'SP>al'te, AnfEg des Ka-Pitels, muH es Israels gottesdienstliche „P y-esi e", nicht Bvrtrcige heißen. S. - 584, 1. Spülte,. 32. Zeile von untenlies: Kurze- "Antworten- ,/a u s" statt und Kultursragen. S. 585, 1. Spalte, H. .Zeile von - unten muß es heißen: gegen „s i e", nicht gegen mich gepredigt,-werden.

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