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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-02 · Heft 1 (2.1.1920) · p. Seite 11

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 1 (2.1.1920)
Date
1920-01-02
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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11 begreift, die auf seinen Schulternlastete/ nun ihm die Einsicht" kommt, daß -nur der ein Prophet ist, dessen Hand die ewige Liebe aüssät, bittet er die Brüder kniefällig um Verzeihung und empört sich kurzsichtig gegen die Gottheit, die ihn außerhalb jeder Gemeinschaft gestellt habe. Vollends kommt ihm seine Schuld zum Bewußtsein, als Nebukadnezar die Botschaft ergehen läßt, daß alle, die das Schwert verschonte, die heimatliche Scholle zu verlassen haben, daß er ihn aber vor allen anderen zu erhöhen gedenke, weil er von Anbeginn seine Macht verkündet und dem Untergang Jerusalems das Wort geredet habe. Dies ,trifft Jeremias wie ein Peitschenhieb. Höchlichst entrüstet weist er die ihm zugedachte Auszeichnung zurück und erklärt, daß sein Platz an der Seite der Beladenen'sei, daß er selig das bittere Brot der Knechtschaft mit ihnen brechen wolle. Zugleich läßt er ihm sagen, seine Stunde werde bald schlagen, schon sei der Rächer für Israel erstanden, ewig währe Jerusalem. Damit ist der Schleier, der über seine Augen gebreitet war, zerflattert, aber auch die Rückkehr zu Gott, zum Gott der Liebe und des Erbarmens, der nicht ewig zürnt, sondern seiner Stadt und seines erstgeborenen Sohnes Israel eingedenk bleibt, vollzogene Der Geist des allgütigen Gottes hat sich auf ihn gesenkt, daß er des Leidens tiefen ethischen Sinn sehe, es als Prüfung und Erhebung erkenne, wie es uns nur gottesnah macht. Voll dieser Erkenntnis huldigt er dem armen, geblendeten König Zedekia als dem Schmerzgekrönten und richtet die gebeugten Brüder auf, indem er in ihren Herzen das ewige Jerusalem ausbaut, ihre Seelen durch die Erhebung zu Gott zur seligen Stadt umschafst. Es ist ein echt jüdisches Motiv, daß für Israel „das Leid seine Kraft und der Sturz seine Stufe" ist, sein Exil „eine wunderbare Heimkehr durch die Welt in die Ewigkeit"'. Die Idee, der Geist ist unbesiegbar: „Man kann Menschen töten, aber nicht den Gott, der in ihnen lebt. Man kann ein Volk bezwingen, doch nie seinen Geist." I. B. Münz. vrojomins Lirbrslird. (26. Forts.) Roman von S n m u e l Weisel s. enjamin half den Männern, den Erschlagenen auf die Tragbahre zu legen, und wies sie an, ihn nach seiner Wohnung in die Kasimirgasse zu tragen. Er ergriff selbst eine der Tragstangen und bewegte sich mit den Trägern durch die Spalier bildenden Menschenmafsen langsam vorwärts. Als die Männer mit der Tragbahre sich entfernt hatten, schlich ein alter Mann an den Unglücksort heran, bückte sich tief auf die blutgetränkte Stelle nieder, breitete ein Stück Sacktuch aus und sammelte darein die blutbespritzte Erde. Man müsse dem Toten all sein Blut mit ins Grab geben, erklärte er den Umstehenden. Die rwei Männer und Benjamin trugen den Leichnam tri seine Wohnung und legten ihn, mit den Füßen gegen die Tür zu, auf den Boden des Zimmers. Tante Mrl. die von dem großen Unglück erfahren hatte, noch bevor der Leichnam ihres Gatten ins Haus gebracht wurde, lag auf dem Sofa lang hingestreckt und wand und krümmte sich vor Schmerz und Verzweiflung. Dann wälzte sie sich auf 'dem Boden, dicht neben ihrem toten Chajim, und stieß in rascher Aufeinanderfolge schrille Töne hervor, die wie Vogelgekreische durch die Lust sägten. Nachbarsfrauen kamen herein, wehklagend und jammernd, und während die dicken Tränen ihnen stromweise die Wangen Hinunterliesen, bemühten sie sich um Tante Mirl, hoben sie aus und führten sie, unter Wehklagen und.Jammern, aus dem Zimmer. . V Benjamin näherte sich dem Leichnam und blickte in das tote Antlitz Onkel Chajims. Er stellte fest', daß das Antlitz wenig verändert war. Es zeigte nur jene ernste Btiene, wie sie Onkel Chajim bei besonders wichtigen Ankässen aufzusetzen pflegte. , Die Oberlippe hing ihm schlaff herunter, dennoch schien es Benjamin, als sei sie ein wenig gewölbt, gerade so, wie sie Onkel Chajim beim lauten Galopprechnen zu wölben pflegte. Auch über den Kaftan, in dem der Tote dalag, stellte Benjamin Betrachtungen an. Diesen Kaftan hatte Onkel Chajim sich zu jener Zeit machen lassen, als er den Besuch Jankel Krummholzens und Esriel Lamdans erwartete. Die Ausgabe >var damals umsonst' gewesen, dachte Benjamin, denn die „ehrenwerten" Gäste kamen nicht, und der Rock hing lange im Schrank, ohne daß er seine Mission, getragen zu werden, erfüllt hätte; dann war er mählich zum Alltagsrock herabgesunken, war schäbig, grünlich schimmernd geworden. Und jetzt war er Onkel Chajims Totenkleid. Es kamen die Männer vom „Heiligen, Verein". Sic breiteten ein schwarzes Tuch über den Leichnam, stellten ein Licht ihm zu Kopfe und murmelten verschiedene Psalmen und Gebete. Die vorgeschriebenen Totengebräuche wurden diesmal nicht beobachtet; weder wurde der Körper gewaschen, noch wurde ihm das weiße Sterbehemd angezogen — denn bei einem Erschlagenen! verbietet das jüdische Religionsgesetz derlei Prozeduren. In einen einfachen Holzsarg legten sie Onkel Chajim mitsamt seinem Kaftan und seinen Stiefeln und seinem Hüt und dem Sacktuch blutbespritzter Erde — denn er war ein Erschlagener . . . Als Tante Mirl sah, daß man ihren Chajim in Kaftan und Stieseln in den Sarg legte, verfiel sie neuerdings - in einen Weinkrampf und rang verzweifelt die Hände. „Seht", jammerte sie, „der fromme Chajim Glück wird ohne Sterbekleid bestattet!" Sie empfand diese Art von Bestattung als eine Beleidigung des Toten. Sie haderte mit Gott, daß er . ihren frommgläubigen Chajim eines solchen Todes sterben ließ, daß ihr frommgläubiger Chajim ohne Stcrbekleid in die bessere Welt hinübergehen mußte. Und den, Nachbarsfrauen, die neben Tante Mirl standen, rollten die dicken Tränen die Wangen hinunter; sie jammerten und wehklagten um die Wette und beweinten aufrichtig den armen Chajim, der sein Lebenlang mit unerschütterlicher Treue seinem Gott gedient und dem der liebe Gott trotzdem das Sterbekleid nicht gönnte. Unübersehbar war das Leichengefolge, das hinter dem Sarge mit den irdischen Resten Chajim Glücks einherging. Der Sarg wurde von Männern getragen, und die Bahre wanderte von einer Schulter auf die andere, denn fast kein einziges Gemeindemitglied ließ es sich Ehmen, dem toten Chajim Glück den letzten Dienst zu erweisen und ihn auf seinem letzten Gange ein Stück Weges zu tragen!. Benjamin aber schob seine Schulter unter eine der Tragstangen und ließ sie nicht los auf dem ganzen langen Wege, von dem Trauerhause bis zum neuen jüdischen Friedhof. An den Rand der frisch geschaufelten Grube setzten sie die Bahre nieder. Der Sarg wurde in die Gruft versenkt. Währenddessen verrichteten die Leich,enbegleiter das Gebet. Mit gedämpften Stimmen, in denen mehr Beklemmung als Trauer lag, sprachen sie: „Er ist der Fels, untadelig in seinem Wirken, und alle seine Wege sind gerecht; ein Gott der Treue und olhne Arg, gerecht und gerade ist er. Er ist der Fels, untadelig in jedem Werke, wer »tag zu ihm sagen: Was machest du? — -. Er ist der Fels, untadelig in jeder Tat, wer mag zu ihm sprechen: Was-tust du? — — .

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