Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1920)
- Date
- 1920-01-02
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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10 die mit ihm vor sich gegangen, verstörten und verzweifelten Mutter das Geheimnis seines Ursprungs kündet. Zehn Jahre war chr Schoß unfruchtbar, ehe sie ihn gehbar. Da gelobte sie. so ihr ein Sohn geschenkt würde, ihn dem Herrn zu weihen. Sie gelobte auch, zu schweigen und kein Wort vom Munde zu tun in ihrer schweren Zeit, auf daß dem Sohne dereinst der Rede Fülle werde, Gott zu lobpreisen. Aber diese Gabe bringt ihm Oual ohne Ende. Er fülflt sich nur zu sehr als seiner Mutter Sohn, denn auch er ist ein Unfruchtbarer gewesen und hat sich Gott gelobt. Doch nicht des Opferers Dienst hat er auf sich genommen, er selbst will sich zum Opfer darbringen. Unbekümmert um der Mutter Fluch, folgt er der Stimme Gottes in seiner Brust, und dem Gehege seiner Zähne entschlüpft die entsetzliche Wahrheit, die er vor den anderen zu schauen vermag, auf die Las wahnbetörte Volk, dessen Seele tiefgründig erfaßt ist, aber nicht hören will. Und in dem Maße, wie es sich an seinen Siegeshofsnungen berauscht, seine kühnsten Wünsche in ekstatischer Trunkenheit als Wirklichkeiten ausgibt, und sich in der Verspottung des Propheten nicht genug tun kann, türmt er mit zerrissenem Herzen unbestechlich und unerbittlich neue Drohungen auf die alten und hält der Menge das Beispiel Sodoms und Gomorras vor Augen. Wohltätig sticht von der Masse einer der beiden -Krieger ab, die auf der Mauer die Wache auf und ab schreiten. Er macht sich seine Gedanken über den Krieg. Er. kann ihn nicht in die siittliche Weltordnung einfügen, denn Gott hat das Leben gegeben um des Lebens willen. Sein gesunder Menschenverstand kann den Krieg nicht fassen, da doch so viel Raum unter dem Himmel ist, daß einer den anderen nicht störte. Er kann es auch nicht begreifen, daß die Völker ihn begehren sollten. Wer sind denn die Völker? „Haben wir Dieses Krieges begehrt? Hier stehe ich und halte einen Speer; nicht weiß ich, wider wen ich ihn wende. Dort unten im Dunkel wartet unwissend der, dem er zugeschliffen ward; ich kenne ihn nicht, nie habe ich sein Antlitz gesehen ... Und ein anderer wärmt dort unten vielleicht jetzt am Lagerfeuer die -Hand, die meinen Kindern den Vater stößt, und hat mich nie geschaut und nie Kränkung gehabt von meinem Leben. Fremd sind wir einander wie die Bäume des Waldes, doch die wachsen still und blühen aus sich, wir aber wüten wider einander mit der Axt und dem Speer, bis das Herz unseres Blutes aus den Leibern quillt ... Und was begehren die Chaldäer von uns? Wenn ich einen fragte von ihnen, er wüßte wohl nur zu sagen, daß ein Weib seiner wartet zu -Hause und Kinder auf der Streu, wie in meinem. Ich glaube, wenn ich redete mit einem, wir verstünden uns." Als sich der Fall Nebukadnezars als Phantasiegebilde entpuppt und es sich hÄxausstellt, daß Jeremias' Gesicht wach geworden, graut dem Propheten vor seiner Seherkrast. Er geht , demütig in das Heiligtum und kniet vor dem Altar, daß Gott zerschlage das Wort in seinem Munde und er als Lügner befunden werde an Jerusalem. Und den schwachen König Zedekia, der, wie so mancher Herrscher der Jetztzeit, nicht darauf geachtet, daß das Friedenswort ein Gotteswort ist, mahnt er, sich vor ihn hinwerfend, das Blut sei ein Graben zwischen den Völkern, je tiefer er -ihn: ziehe, desto schwerer werde er ihn dämmen; er solle daher die Worte vor dem Schwert sprechen lassen, seine durch den säbelrasselnden Abimelech und dessen blindwütigen Anhang genährte Eigenliebe überwinden, „denn besser du beugest dich, denn daß Israel gebeugt werde", und an den „König der Könige", wie Nebukadnezar sich nennt, eine Botschaft senden, um noch in letzter Stunde die dem Volke und der heiligen Stadt drohende Gefahr abzuwenden. Da er jedoch tauben Ohrenpredigt, int er in heiligem Zorn den Würger Zions in Acht und Bann, und das Unheil nimmt seinen Laust' indes.' er, ein tragischer -Held, sich zur Untätigkeit verdammt sieht und von unsäglichem Weh über seine Ohnmacht verzehrt wird. Ohnmacht ist seine Macht, und wissen kann er,, aber nicht vermag er zu wenden. Zermartert stöhnt er: „Wehe den Ohnmächtigen!" „Gott . . . Gott . . .. es ist hart,.dein Bote zu sein!" Kann er es doch nicht einmal über sich bringen, der Mutter, die ihren Fluch tausendmal selber verfluchte, durch die milde Lüge, daß kein Feind ihr die letzte Ruhe stört, das Sterben zu erleichtern. Den Höhepunkt des Dramas bildet die erschütternde Szene, in der Jeremias vor dem König, der ihn aus der Grube, in die er den unbequemen Warner hatte sperren lassen, holen ließ, um ihn zu versuchen und seinen Zuspruch zu erschleichen, schluchzend ein furchtbares Bild entrollt,'das das Blut in seinen Adern erstarren macht. Er sieht i-m Geiste die heißgeliebte, die heilige Stadt geschändet, die drei Söhne des Königs gemordet und ihn selbst -geblendet, nachdem er all-r diese Greuel geschaut. Zedekias Trotz ist gebrochen; spät, zu spät besinnt er sich zum Glauben an Jeremias, und er gibt dein Wunsche Ausdruck, es. möge kein Streit mehr zwischen ihnen im Schatten des Todes sein: „Tod ist über m-ir, un-d ich sehe dich zum letztenmal. Du hast mir geflucht, Jeremias ~ ~ nun segne mich auch, ehe wir scheiden." Und Jeremias segnet den König, Der seinem Verhängnis entgegenschreitet: „Ich werde bei dir sein, mein Bruder Zedekia!" Während Zweig sich bisher in Den Bahnen der Bibel bewegt, biegt er zum Schlüsse des siebenten Bildes von ihnen ab. In feinen schrecklichen Nöten verwünscht das ratlose Volk die Priester und Propheten, denen es früher zugejubelt, erinnert sich der Weissagung des vielverlästerten und gehöhnten Jeremias, die Stück für Stück so entsetzlich, in Erfüllung ging, und meint, von ihm müsse Hilfe kommen. Es zerrt ihn aus seinem unterirdischen Verließ in die Freiheit, buhlt um seine Gunst, preist ihn als einen Heiligen und bittet ihn flehentlich um Rettung. Da faßt den gigantisch in die Höhe sich reckenden Gottesmann- Ekel und Abscheu vor der fahrigen, wankelmütigen, feilen Menge, und er ruft ihr grimmig zu, sie solle auf kein erlösendes Wunder warten, sondern den Gott in sich erlösen und sich in se-morr unabänderlichen Ratschluß fügen. Zu dieser Höhe vermag sie sich jedoch nicht zu erheben, sie schäumt gegen Jeremias auf, der trotz seines Hymnus auf die Köstlichkeit des Daseins den- Kelch der Leiden bis zur Neige leeren und in Demut Gottes Werkzeug, den „König von Mitternacht", segnen will, und aufreizende Stimmen werden laut: „Ans Kreuz mit ihm!", worauf er i-r» die flammenden, aber dem Geist der Bibel ganz und gar widersprechenden Worte ausbricht: „Oh, wie durstig bin ich der Martern und Qualen, denn ich weiß, der am Kreuze -hinstirbt in irdischer' Pein, wird der selige Mittler und Fürbitter sein. Seine Arme, die brechend am Kreuzholz hangen, werden liebend die Seele der Welt einst umfangen, seine Lippen, die schmachtend verlöschen und brechen, das erlösende Wort des Friedens aussprechen. Seine Seufzer werden zu Wohllaut werden, seine Oual die ewige Liebe auf Erden." Fremd ist der Heiligen Schrift die Idee des Mittlers, der die Sünden der Menschen durch seinen Opfertod sühnt. In der Tat ist in der Dichtung der lebende Jeremias der Erlöser und Erneuerer seines Volkes und Jerusalems. Es vollzieht sich nämlich eine gründliche Umkehr und Läuterung in ihm, nachdem sich buchstäblich erfüllt hat, was, er geschaut. Ein Fanatiker war er, er hatte für sein Volk nur Oual und Hohn, nur harte, bittere, sturmgepeitschte Reden; er fühlte die Brüder, deren Seele ihn suchte, und doch verschloß er sich ihnen und fluchte; ob auch sein Herz sich bäumte und aufschrie, bezwang er es und züchtigte sie. Gott glaubte er zu dienen wider die Menschen, aber nun er in ihrem Leid die Schuld