Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1920)
- Date
- 1920-01-02
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
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9 mit Freude vernehmen wir vvn den guten Leistungen und dem Wohlergehen unserer ehemaligen Schüler. Es ist eine schwere Arbeit, aber der Erfolg ist der Mühe wert und bringt reiche innere Befriedigung. Nur so läßt es sich erklären, daß wir im Taubstummenlehrsach oft ganze Familien durch Generationen hindurch antreffen. Die Befriedigung. die eine Arbeit durch sich selbst erzeugt, ist für den geistig hochstehenden Menschen ja der höchste Lohn — nicht die Bezahlung. Und doch soll diese so sein, daß uns die tüchtigen Lehrer erhalten bleiben. In dieser schweren Zeit ist die Besoldung von sieben Lehrpersonen keine Kleinigkeit. Schwer hat der Verein „Freunde der Taubstummen, Jedide Jlmim" zu kämpfen. Schwere Sorgen drücken den Vorstand, wie die Anstalt ihre erhabenen Ziele weiter erfüllen kann. Ein freudiges Gefühl war es, als im Jahre 1909 Herr Provinzialschulrat Ullmann dem Gründer der Anstalt und dem ganzen Vorstand des Vereins sagen konnte: „Was der Staat erst im Jahre 1907 beschlossen hat. das haben Sie in Ihrer jüdischen Gemeinschaft durch diese Anstalt bereits seit langer Zeit durchgeführt. die Beschulung sämtlicher taubstummen Kinder." Wird es so bleiben? Das liegt an euch, die ihr geben könnt! Ihr gebt den Waisen- und Krankenhäusern. ihr gebt den Altersheimen große Stiftungen. Verschließt euer Herz nicht vor den Toren der Tau-bstununenanstalt zu Weißensee, die aus den unglücklichen und unbeholfenen taubstummen Kindern sprechende Menschen macht, die sich selbst ernähren können und der Wohltätigkeit ihrer Rebenmenschen dann nicht niehr zur Last fallen. Otekan Lweigs „Jeremias". ie Saat des Krieges geht auf. Nach Unruhs „Geschlecht", nach Hasenclevers „Antigone" kam nun auch Stefan Zweig mit seinem „Jeremias" im Wiener Deutschen Volkstheater zu Wort, der Oesterreicher in diesem Dreibund von Dichtern, die, jeder in seiner Art, dem Krieg in ihren Werken den Prozeß machen. Die Tragödie „Jeremias" ist indes bereits vor mehr als zwei Jahren als Dichtung in die Welt getreten und sie gehört zu jenen seltenen Stricken, die auch als Buch einen ungewöhnlichen Erfolg aufzuweisen haben, unb noch vor der Aufführung. Eine solche war, zum mindesten bis zürn Vorjahre, schon aus Gründen der Tendenz nicht möglich. Wer die Wahrheit sagte und zur Umkehr mahnte, galt ja unseren weisen Staatenlenkern als Pessimist und Verräter unb wurde nach Möglichkeit mundtot gemacht. Die Wahl des Stoffes ist eine äußerst glückliche; strahlen uns doch die unergründliche Tiefe und die unüberwindliche Macht eines unvergleichlichen menschlichen Gemütes aus dem Bedingung und den Zweck des Menschen, der Gesellschaft, des Staates, jeder Gesamtheit erblickt, sondern auch die Anwendung seiner ethischen Lebensauffassung auf die praktische Politik fordert. Nicht Macht, Größe, Herrschaft ist ihm das erste oder das eigentliche Ziel einer Nation, sondern Gerechtigkeit und Sittlichkeit, nicht Macht nach außen, sondern Gerechtigkeit und Milde im Innern. Folgerichtig verlangt der Prophet vor allem Befolgung ethischer Gesetze bei den eigentlichen politischen Transaktionen. Was er fordert, ist nicht politische Moral, sondern moralische Politik, Moral als Politik. Und weil er eine solche Forderung aufstellt, ist er der größte tragische Charakter, den die Weltgeschichte aufzuweisen hat. In dieses überwältigende ethische Genie, dieses ethische Uxvhänomen vertiefte sich Zweig in den schmerzreichen Jahren des Weltkrieges, und es ward ihm Erlebnis. In der riesenhaften und chaotischen Bedrängnis der Gegenwart erschlossen sich ihm biblische Zeiten, die flammend waren gleich der unseren, und in deren Weh sich eigenes Weh spiegelt, doch sanfter, durch die Entrücktheit gemildert, und trostbringend, wie Leid im Mitleid. So schuf er, Allzunahes im erhabenen Gewände der Ewigkeit bindend, die wuchtige dramatische Dichtung „Jeremias" (Leipzig, Insel-Verlag, 1917) und führt uns inmitten einer Fülle dramatischen Geschehens die seelische Entwicklung der überlebensgroßen Gestalt des Propheten vor. Dieser leidet übermenschlich an der Not der Zeit, wendet sich, -ans sich allein gestellt, mit dem Aufgebote seiner tiefen und' markerschütternden Beredsamkeit gegen die rohe Gewalt, verdammt den Krieg und flucht seinen Lockvögeln, den völksverMhrerischen Kriegshetzern und den falschen liebedienerischen Priestern und Propheten, die augendreherisch den Namen Gottes mißbrauchen und im Namen der Freiheit unnatürliche Bündnisse empfehlen. Er ist ein Held, denn er kämpft, einer gegen.die vielen, allzuvielen, unentwegt mit seinem Herzblute und mit dem Emsatze seines Lebens für die Sache des Friedens, die ihm als eine Sache Gottes und des über alles geliebten Jerusalem erscheint, dessen lebendiges Gewissen er ist. Um des Friedens willen duldet er ein Martyrium. Ins volle Leben greifend, läßt der Dichter ihn in der tief ergreifenden Szene mit dem seine Untat innig bereuenden Baruch, einem Kabinettsstück von Seelenmalerei, sagen: „Meinst du,- der Frieden sei eine Tat nicht und aller Taten Tat? Tag um Tag mußt du ihn reißen aus dem Maule der Lügner und aus dem Herzen der Menschen; als einer mußt du stehen gegen sie alle, denn immer ist das Lärmen bei den vielen und die Worte bei der Lüge. Stark müssen die Sanftmütigen sein, unb die den Frieden wollen-, stehen im ewigen Streit." . In feinsinniger Weise wirst der Dichter Streiflichter des Der^Gpeisesaal. m* Propheten Jeremias entgegen. Er hat einen gewaltigen Vorsprung vor der modernen Kultur itnb Zivilisation, indem er nicht nur in der Sittlichkeit den Grund -und das Ziel, die Schicksals des Propheten voraus. Er läßt un§ einen Blick in die Werkstätte desselben tun, indem er den: inmitten des tiefsten Friedens von schreckhaften..Träumen und Gesichten .geängsteten Propheten durch den Nt und der durch die Wandlung,