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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-02 · Heft 1 (2.1.1920) · p. Seite 8

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 1 (2.1.1920)
Date
1920-01-02
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Verein bereits 1300 Mitglieder. Als dann auch mehrere Herren aus Berlin in den Vorstand eintraten, dachte man an eine Verlegung des Vereins und der Anstalt nach der Hauptstadt. Geheimrat Marcuse, Willibald Löwenthal und I. Blumenthal arbeiteten mit Reich an diesem Plane, und schon 1890 konnte die Anstalt in ihr eigenes Heim nach W e i ß e n s e e, Parkstraße 22, übersiedeln. Während bisher der Gründer der Anstalt nur mit seiner treuen Schwester Anna allein den Unterricht erteilte, mutzten mit der steigenden Zahl der Schüler neue Lehrer angestellt werden. Zurzeit sind an der Anstalt sechs Lehrkräfte und eine Erzieherin tätig. 40 Kinder leben in der Anstalt» und empfangen dort Unterricht. Während die nächste Entlassung erst Ostern 1921 stattsindet, ist die nächste Aufnahme, bei der acht bis zehn Kinder eintreten, schon Ostern 1920. Dann ist wieder die Zahl erreicht, die wir stets vor dem Kriege hatten. Und mm hinein in die „stille Welt" der Taubstummen! Still ist diese Welt aber nur für unsere Kinder, deren Ohren verschlossen sind; wir hören sie jauchzen und schreien gerade so wie andere. Früh gegen 7 Uhr (im Sommer vor lA7) werden die Kinder vom Erzieher und der Erzieherin geweckt. Um -%8 Uhr sitzen sie unten im Speisesaal, um nach kurzem Gebet in deutscher und hepräischer Sprache ihre Mehlsuppe und ein Stück Brot zu essen. Rach 8 Uhr gehl es in die Schule. Hier sitzen bis zu zehn Kinder vor dem Lehrer im Halbkreis, damit sie alle seinen Mund sehen können. Zuerst heißt es, die Stimme wecken und die Laute hervorbringen. Mit der Erzeugung der Laute, dem Einsprechen irnd Heben von Worten und ganz kurzen Sätzchen vergeht das erste Jahr. Das Schreibenlernen macht unseren Kindern kaum nennenswerte Schwierigkeiten; denn was gesprochen wird, wird jedesmal sofort geschrieben, so daß sie das Schreiben fast von selbst lernen. Das zweite und dritte Schuljahr soll den Kindern die Umgangssprache geben. Hier treiben wir Erlebnisunterricht. Wir spielen mit den Kindern, arbeiten mit den Kindern und besprechen alles, was geschieht. Wir besprechen die Erlebnisse im Speisesaal, im Park und im Schlafsaal. Das ganze Leben, das unsere Kinder begrifflich schon längst kennen, wird ihnen hier in die Form der Sprache gegossen. Auch Rechnen, biblische Geschichte und Zeichnen beginnen in diesen Jahren. Und so fügt sich ein Stein zum anderen, bis im siebenten und achten Schuljahr die Kinder in allen Fächern der Volksschule - selbstredend außer Gesang unterrichtet werden. Im vierten Schuljahre beginnt auch Hebräisch mit wöchentlich einer Stunde. Die Kinder lernen die Segenssprüche und wichtige Gebete lesen und übersetzen. So ist in allen Klassen der Vormittag völlig dem Unterricht gewidmet. Um 1 Uhr ist Schulschlnß, und nun geht Der Arbeitsraum. es nach kurzem Gebet zum Mittagessen. Ueberall soll gesprochen werden' also auch hier. Und damit jedes gesprochene Wort durch das Schriftbild dem Gedächtnis des Kindes fester eingeprägt wird, befinden sich in allen Zimmern Tafel und Kreide. Das Essen — so gut wie im Frieden, wo eine sehr reiche Dame der Anstalt etwas stiften wollte und dann nichts gab, „weil die Kinder nicht schlechter aßen als sie selbst", ifls leider nicht. Immerhin zeigt der Körperzustand der Kinder, daß das schlechteste Jahr, das Kohlrübenjahr, längst wieder wettgemacht ist und daß die Sorgen und die Mühen der Frauen im Hause den Kindern zum Segen gereichen. Seit Kriegsbeginn haben wir auch ein Stück Land gepachtet — leider nur gepachtet —, auf dem Kartoffeln und Gemüse gezogen werden. Hier arbeiteten auch die Kinder an den freien Nachmittagen fleißig, und als es Herbst war, da wurden auch einzelne Vormittagsstunden zur beschleunigten Erntearbeit sreigegeben. Aber auch im Winter sind die größeren Kinder am Nachmittage nicht untätig. Laubsägen, Schnitzen, Holzbildhauen, Tarso- und Papparbeiten, bei den Mädchen Näharbeiten, füllen neben dem Turnen einige Stunden aus. Für Spiele im Freien oder in der Stübe, für Schlittenfahren irnd Schlittschuhlaufen, für Kinobesuche und Ausflüge ist immer noch Zeit vorhanden. Kaffee und Brot gibUs um 4 Uhr und Abendbrot um 7 Uhr im Speisesaal, wo die Kinder dann bei Unterhaltung und Spiel beisammen sitzen. Nach kurzem Gebet in deutscher und In hebräischer Sprache geht es nach 8 Uhr in die Schlafräume. Stiefelputzen omli> Waschen halten eine ganze Weile auf, und erst um X10 Uhr liegen'auchdie größten Kinder, welche den kleineren als Helfer beigeordnet sind, im Bette. . Die Aufficht am Nachmittag führen die Lehrer abwechselnd. Und wer solch einen Tag hinter sich hat, fühlt, daß er etwas geleistet hat. Der Unterricht der Taubstummen ist ja für den Lehrer weit anstrengender als jeder andere Unterricht. Ein Kind ohne Sprache, ein Kind, das wegen Sprachmangels oft auch schlecht erzogen ist, wird uns gebracht. Wir bilden die Sprache, wir wecken 'den Geist und erziehen! das Menschlein zum Menschen. Nach acht bis neun Jahren treten die Schüler ins Leben. Wir bringen sie, wenn die Eltern es nicht können, zu einem Meister in die Lehre. Die Knaben ergreifen ein Handwerk, die geschickteren können Lithographen, Holzbildhauer, Zahntechniker und anderes werden. Die Mädchen gehen häufig ins Haus zurück, andere lernen Schneidern oder Putzmachen. Aber auch weiterhin verlieren wir unsere Schüler nicht aus den Augen. Zur Gründung einer eigenen Existenz besteht eine Stiftung, die unverzinslich Darlehen verleiht. Ferner besteht ein Verein ehemaliger Zöglinge, der alle Monate einmal in der Anstalt tagt, und

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