Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1920)
- Date
- 1920-01-02
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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7 bedrohten Glaubensbrüder. Die Judenschaft ganz Ungarns ist seit Jahrhunderten eng- und untrennbar miteinander vermachen; ste bildet eine große Gemeinschaft, die eben wegen ihrer Einheitlichkeit und durch ihre Einheitlichkeit ein Hort und Pfleger jüdischen Wissens-und jüdischer-Kultur, jüdischer Humanität und jüdischer Ethik sein konnte. Wird von diesem organischen Körper auch nur ein Glied ainputiert, sind beide Teile zum Vegetieren, wenn nicht zum Tode verdammt. Die seit Jahrzehnten für ganz Europa vorbildlichen jüdischen und humanitären Institutionen müssen unwiderruflich verdorren, wenn ihnen die wichtigsten Säfte: die Mitwirkung' der slowakischen, der Banater und der Siebenbürger Juden, entzogen werden. Ja, sogar die Pflege der heiligen Lehre selbst müßte darunter für unabsehbare Zeiten zu leiden haben, und es ist zumindest fraglich, ob sie sich von dem Schlage jemals werden erholen können, den die Abtrennung von ungefähr einer halben Million Juden, die zu den gläubigsten des Landes zählten und aus deren Reservoire unser jüdisch-wissenschaftliches Leben immer wieder zu neuen Forschungen befähigt wurde, auf dieses Judentum heraufbeschwören würde. Und was unserer jüdischen Glaubensbrüder harrt, die von ihrem Vaterlande jetzt äbgetrennt werden sollen, beweisen zur Genüge auch schon die bisherigen Ereignisse in den von den Tschechen und von den Rumänen besetzten Landesteilen, beweisen die Drangsalierungen und Verfolgungen, denen die slowakischen, Banater und Siebenbürger Juden trotz des von der Pariser Friedenskonferenz gewährleisteten Minoritätenschutzes heute schon ausgesetzt sind. Diese unsere Brüder haben heute bereits doppelt zu leiden. Zu leiden, weil sie Juden sind, zu leiden, weil sie sich nicht leichten Herzen von den Traditionen ihrer Väter lossagen können und wollen, die ihnen ihren Platz an der Seite ihrer ungarischen Brüder anweisen. In letzter Stunde ergeht nochmals der Ruf all dieser Juden an ihre Glaubensbrüder im Auslande, sie mögen auch ihrerseits dafür eintreten, daß Ungarn das einheitliche, in seiner Struktur unveränderte Bollwerk europäischer Kultur, europäischer Zivilisation gegen den vom Balkan ausgehenden Brand bleibe, der früher oder später ganz Europa ergreifen muß, wenn ihm nicht ein kräftiges, im Vollbesitze seiner Kräfte befindliches Hemmnis entgegengestellt wird. Ungarn hat Europa vor dem Byzantinismus, vor den Horden der Tataren, vor der Ueberflukung durch die Türken, geschützt, und es wird, auch weiterhin ein Schutzwerk der Kultur bleiben wenn es nicht zerstückelt und dadurch zur Ohnmacht verurteilt wird. Und das ungarische Judentum wird auch fernerhin das mächtige Reservoir bleiben, aus dem jüdische Kultur und jüdisches Wissen, jüdische Humanität und jüdischer Geist schöpfen können und werden - wenn es nicht in Teile gerisieu wird, deren jeder für sich ohnmächtig ist und unwiderruflich dem Niedergange entgegengehen muß. X. Die Uraelitilchk Tsubltummrnsnltsll in Wrihknlre (Schule und Internst). Bon Dr. F. R eich.. ohl selten ist eine Anstalt aus so kleinen Anfängen hervorgegangen wie die Israelitische Taubstummenanstalt in Weißensee. Stets findet sich bei Neugründungen, ein Stifter oder gar mehrere, die der neuen Anstalt schon bei der Gründung ein solides Fundament geben. Anders war es hier. Ein armer jüdischer Jnuge hatte mit 1.1 Jahren einen Taubstummen gesehen und ihn sprechen gehört. Das war sein Schicksal; denn nun hatte er nur ein Ziel: „Taubstumme entstummen!" Und er erreichte sein Ziel trotz Not und Entbehrung. Markus Reich wurde Lehrer und dann Taubstummenlehrer. Aber noch einmal griff das Schicksal ein. Er mußte sehen, daß bei Neuanmeldungen von taubstummen Kindern die Zahl der Anstalten zu klein war und daher viele Kinder und besonders jüdische zurückgewiesen wurden. So gründete er im Jahre 1873 die erste und noch jetzt einzige israelitische Oie Israelitische Taubstummenanstalt in weißensee. Taubstummenanstalt in Deutschland. Er eröfsnete sie in Fürstenwaldc mit vier Kindern. Während aber deren Zahl schnell wuchs, blieben seine Mittel nur gering. Für Wittwen und Waisen, für Kranke und Arme fanden j sich stets wohlhabende Glaubensgenossen. Für Taubstumme je- * doch wollte man nichts geben, vor allem nicht einem armen unbekannten Lehrer. Der einzige, der eine größere Summe! ' (30 000 Taler) stiften wollte, der Vater des taubstummen j Adolf Ginsberg, starb kurz vor Festlegung dieser Schenkung, j So ging es mehrere Male, und auch jetzt noch haben lvir; keine große Stiftung. Aber Markus Reich verzweifelte nicht.! Und ließ er doch einmal den Mut sinken, so ermutigte ihn i sein Weib, das an ihn und seine Arbeit glaubte. Ja, er hatte sich verheiratet trotz aller Unsicherheit und trotz mancher Warnung. Sein Lebensmut und sein Optimismus bezwangen selbst die größten Schwierigkeiten.! Aber auch seine Freunde in Fürstenwalde vertrauten ihm.! Als die Zahl, der taubstummen Kinder wuchs und die Mittel | immer geringer wurden und er den Plan entwarf, einen Verein „Freunde der Taubstummen, Jedide! I l m i m" zu gründen, da hatte er in ihnen begeisterte Helfer. \ Vor allem war es Gustav Köhler, der vom ersten Tage! des Bestehens dieses Vereins an (16. Januar 1884) diesem! seine ganze freie Zeit widmete. Nach drei Jahren zählte der .XCJ-L