Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1920)
- Date
- 1920-01-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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6 ersuchte nach genauer Durch studierung des Planes, eine spezielle Delegation in dieser Angelegenheit nach London zu entsenden. * Die Londoner „Jewifh Chronicle" veröffentlicht ein Interview mit dem bekannten russisch-jüdischen Politiker Dr. D. Nochelmann, in welchem eine erschütternde Darstellung der Situation der russischen Familien gegeben wird, deren männliche Mitglieder zur Erfüllung der Militärpflicht nach Rußland gegangen waren. Die englische Regierung gestattet ihnen nicht, nach England zurückzukehren, was nach Ansicht Dr. Uochelmanns der seinerzeit geschlossenen russisch-englischen Konvention widerspricht, die es den Engländern in Rußland und den Russen in England völlig freigestellt habe, den Ort ihrer Militärpflicht zu wählen. Von den 800 Familien, die auf öffentliche Unterstützung angelniesen sind, leiden 260 Frauen und 700 Kinder an Lungen- und Herzkrankheiten. Die Gleichgültigkeit der jüdischen Gemeinden gegenüber diesem Elend 'hat eine derartige verzweifelte Stimmung hervorgerufen, daß in einer Versammlung des Jüdischen Arbeiterfonds der Antrag gestellt wurde, die Frauen vor den Häusern der jüdischen Gemeindeführer demonstrieren zu lassen. * Die in Kopenhagen tagende Hilfskonferenz, die vom Skandinavischen jüdischen Zentralhilfskomitee einberufen und von Juden aus allen drei skandinavischen Ländern beschickt war, wendet sich nach Kenntnisnahme der schauerlichen Berichte über die fortgesetzten Judenpogrome in der Ukraine, die drei Millionen Juden mit vollständiger Vernichtung bedrohen, in einem dringenden Aufruf an die zivilisierte Welt, für Unterdrückung weiterer Pogrome Sorge zu tragen. Die Konferenz betrachtet es als dringendste Pflicht, alle Kräfte anzuspannen und das Aeußerste zu tun, um das ukrainische Judentum zu retten. Die Konferenz fordert deshalb die schleunige Einberufung der geplanten jüdischen Hilfskonferenz. Es wurde auch die Durchführung einer Trauerwoche m Skandinavien als Protest gegen die Pogrome in der Ukraine beschlossen. * Tie Anglo Palestine Company, die Jüdische Bank Tn Palästina, entfaltet eine segensreiche Tätigkeit zur Förderung des jüdischen Kolonisationswesens. Den großen Geschäftshäusern sowohl wie zahlreichen kleineren Kaufleuten hat es die Bank durch Gewährung von Krediten ermöglicht, ihre kommerziellen Verbindungen mit Aegypten wieder aufzuuehuwn. Auf diese Weise konnten die Märkte von Jaffa und Jerusalem mit zahlreichen Waren aus Aegypten versehen werden. Auch die Kolonien erhielten verschiedene Kredite zur Beschaffung der notwendigen Materialien, und die „Organisation der jüdischen Kolonien" war auf diese Weise in der Lage, einen besonderen Einkäufer nach Aegypten zu entsenden. Durch Kredite, die die A. P. C. gewährte, hatten viele Besitzer von Orangenpslauzungen die Möglichkeit, sich die notwendigen Ouanten von Petroleum, Oel und Kohle zu verschaffen, die von der britischen Regierung zur Verfügung gestellt wurden. Die Bank half auch den übrigen Pflanzern und Kolonisten bei der Beschaffung der Materialien zum Pflanzen und Säen und hat auch, wenn auch in beschränktem Umfang, langfristige Kredite für ländliche und städtische Unternehmungen bereitgestellt. Die Depositen der A. P. C. in ihren acht Filialen in Palästina sind vom 3.1. Dezember 1918 bis zum 30. Juni 1919 von ägyptischen 425 147 Pfund Sterling auf 650 774 Pfund Sterling gestiegen. K. Z. B. * Tie englische Zeitung „Palestine" veröffentlicht an leitender Stelle einen Artikel mit der Ueberschrist „Der//britische Handel und ein jüdisches Palästina", in dem es wie folgt heißt: „Nur ein jüdisches Palästina kann ein großer Markt kür die britischen Produkte werden, weil nur jüdischer Unternehmungsgeist, Hingabe, Arbeit und materielle Mittel Palästina zu einem großen produzierenden Lande und damit auch zu einem großen konsumierenden und Handelsland machen können. Eine Bez völkerung von einigen Millionen Inden mit einem hohen Standard of Life, die sich die größtmögliche Ausnutzung der agrikulturellen und industriellen Mittel Palästinas angelegen sein läßt, wird Bedarf an britischen Fabrikaten haben und den britischen Markt mit aller Art Waren in einem ungleich höheren Maß versehen, als man es bisher erlebt hat. Und nur ein jüdisches Palästina kann dies tun. Ein jüdisches Palästina kann dem britischen Handel den Weg durch den ganzen Osten bahnen. Jüdische Handelsverbindungen erstrecken sich vom Mittelmeer bis zum Chinesischen Meer. In Bagdad, Persien, in Indien, Hinterindien, Hongkong, Schanghai, Jokohama gibt es bedeutende jüdische Handelshäuser - mit alten und weitreichenden Verbindungen. Wenn in dem jüdischen Palästina die große Basis eines jüdischen Handelslebens existieren wird, so wird diese Kette jüdischer Handelsunternehmnngen sich vervielfachen, und der jüdische Anteil an der Entwicklung des Ostens wird auf diese Weise eine unvergleichliche Bedeutung erreichen. Die Juden werden über eine meisterhafte Kenntnis der Sprachen des Ostens verfügen, sie werden die Psychologie der Völker des Ostens verstehen und mit ihren Bedürfnissen und Wünschen wie kein anderes Volk vertraut sein. Diese große Maschinerie kommerzieller Durchdringung kann im Interesse des britischen Handels verwandt werden und wird die Interessen des britischen Handels unter zwei Bedingungen fördern. Die erste ist, daß Großbritannien das Mandat für Palästina übernimmt: die zweite ist, daß es ein jüdisches Palästina sein wird, das innerhalb seiner Grenzen das Gebiet und die Hilfsquellen umfaßt, die für seinen ökonomischen Fortschritt unerläßlich sind." Die Lukunkt des ungarischen Judentums. richtiger Erkenntnis der Zukunft, die des ungarischer'. \ Judentums harrt, falls die Gerüchte über die Verstümmelung Ungarns durch die Friedens-Verhandlungen sich bewahrheiten sollten, hat die Landeshilfskommission der ungarischen Juden beschlossen, mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln für die territoriale Integrität Ungarns einzutreten. Dieser Beschluß ist nur ein natürlicher Ausfluß der patriotischen Haltung, die das Judentum Ungarns seit jeher bekundet hat. Es ist ja nur selbstverständlich, daß jeder Ungar und die Juden Ungarns fühlen sich trotz aller Zurückweisungen unentwegt als solche mit aller Kraft feiner Ueberzeugung dafür Eintritt, daß dieses tausendjährige Reich auch für die Zukunft unverändert aufrechterhalten bleibe, da es seiner historischen Aufgabe nur so -auch weiterhin entsprechen kann, daß wir Ungarn bis zum letzten Atemzuge unser Vaterland vor dem Schicksale bewahren wollen, zu einem Balkanstaate, zu einem Brandherd ununterbrochener Unruhen und die friedliche Entwicklung hintanhaltender Kämpfe zu werden —- ein Schicksal, das jedem Kenner unserer Verhältnisse unansweichbar erscheint, wenn diesem tausendjährigen, in Gedeih und Verderb vereinten Lande zu seiner Entwicklung unentbehrliche Güter abgeschnürt werden. Die ungarische Judenschaft erfüllt, mithin in erster Reihe eine patriotische Pflicht, wenn sie die Aufmerksamkeit ihrer Glaubensbrüder im Auslände auf diese Verhältnisse lenkt und sie auffordert, im Vereine mit ihr dafür einzutreten, daß die Pariser Friedenskonferenz den Boden ihres heißgeliebten Vaterlandes unberührt lasse.' Sie erfüllt aber auch eine heilige Pflicht für sich selbst und für ihre mit 'der Lostvennung