Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1920)
- Date
- 1920-01-02
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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5 NollvendigkeiL oder aus Furcht vor dauernden Presseangriffen die arbeitswilligen Fremden zwingt, auf illegale Weise ihr Leben zu fristen. * Dem Berliner „Vorwärts" vom 21, d. M. entnehmen wir folgende Notiz: Das neue Ungarn. In Kecskemet organisi-erte ein weißer Offizier namens Hejjas eine bewaffnete Antisemitenbande und machte dann. Jagd auf die Juden. Sie verschleppten aus dem Gefängnis die dort gefangen gehaltenen 31 Kommunisten, von denen 23 Juden waren, dann noch weitere 28 Juden aus der Stadt. Von diesen Personen sind bisher 22 ermordet aufgesunden worden, die anderen sind spurlos verschwunden und wahrscheinlich and) ermordet. Die Ermordeten wurden vollkommen ausgeraubt. Einige Tage später griff die Pogrombande den nach Budapest fahrenden Zug an und zwang alle jüdischen Passagiere auszusteigen. Sie wurden erschossen und ausgeraubt. Diese vor vier Wochen geschehenen Morde sind in Budapest erst vor wenigen Tagen bekannt geworden, da die Behörden ängstlich bemüht waren, die Angelegenheit zu vertuschen, bis das sozialdemokratische Blatt „N-epsziaiva" -die Pogrome enthüllt' hatte. ' Tie Behörden wollten anfangs den Anschein erwecken, daß es sich um eine gewöhnliche Räuberbande handelte, doch ist es erwiesen, daß die Morde die Folge einer ausgesprochenen Pogromagitation waren. Bei einem Bankett, an dem der Ministerpräsident teilnahm, wurde der Oberbandit stürmisch gefeiert. Aufgehängt werden aber jetzt die Mörder von der anderen Fraktion! Der politische Beauftragte der bolschewistischen Revolutionsgerichtshöfe, Dr. Eugen Laszlo, und der Chef der politischen Nätepolizei (!), Otto Korwin-Klein, wurden zum Tode verurteilt. Sie haben Gesuche um Begnadigung eingereicht. Den Größenwahn der seinen Regierung zeigt eine Regierungs- Verfügung aus Einberufung der Jahrgänge 1895 bis 1898 zur Ablösung der sich iaiti Dienst befindenden älteren. Jahrestlasseu. „Tie Angehörigen Kroatiens, Slawoniens -und Fi-nmes werden nicht als fremde Staatsangehör-ige «angesehen und müssen ebenfalls eiNDücken." Tie Südslawen werden 'ihnen was blasen! * Zur rumänischen Juvenfruge. In letzter Zeit sind in der Presse einander widersprechende Meldungen über die Behandlung der Judeufrage im Vertrage der Alliierten mit Rumänien aufaetaucht. Einige Blätter wußten zu berichten, daß die Behandlung der Judenfrage auf dringende Vorstellung der rumänischen Regierung hin aus dem Vertrage ausgeschaltet worden sei; andere Meldungen besagten, daß Rumänien sich weigere, auch den allgemeinen Vertrag über den Minoritätenschutz in Rumänien zu unterschreiben, und daß die Mächte sich hiermit einverstanden erklärt hätten. Wieder andere Berichte behaupteten, der Btinoritütenvertrag sei von Rumänien „mit den bekannten Aenderungen" unterschrieben worden. Demgegenüber können wir aus Grund sicherer Informationen seststellen, daß der Vertrag mit Rumänien bezüglich der Rechte der Minoritäten dieselben Bestimmungen -enthält wir der Vertrag mit Tschechoslowakien und Jugoslawien, jedoch unter Hinzufügung eines Paragraphen, der ausdrücklich besagt, alle in Rumänien lebenden Juden werben, automatisch rumänische Bürger. Wie es zurzeit mit der Lage der Juden in Rumänien aussieht, zeigt folgender authentischer Bericht, den das „Komitee der jüdischen Delegationen" in Paris verbreitet: Die Pogrompropaganda, die von der -früheren Regierung des Generäls Baitojano unter der Flagge des Kampfes gegen den Bolschewismus betrieben wurde, hat jetzt begonnen, ihre Früchte zu tragen. Tie Regierung des Generals Baitojano hat -in allen Ortern Rumäniens große Plakate mit der Aufschrift „Die roten Bestien" anschlagen lassen, in denen erklärt wird, daß nur die Juden Bolschelvisteu seien, und daß man daher einen Kampf bis zum äußersten gegen sie führen müsse. Eine Broschüre gleichen Inhalts, die in der Staatsdruckerei in Bukarest gedruckt wurde, ist in Tausenden von Exemplaren über das ganze Land verbreitet worden. Alle Vorstellungen der rumänischen Juden bei der Regierung, die auf eine Einstellung dieser gefährlichen Hetzpropaganda abzielten, sind erfolglos geblieben, dagegen ist es in einem Falle bereits zu einem regelrechten Pogrom gekommen: In Adjud, einer kleinen moldauischen Ortschaft mit einer verhältnismäßig starken jüdischen Bevölkerung, haben die von der Regierung verbreiteten Hetzplakate mit der Aufschrift „Die roten Bestien" ben Leutnant Constantinesco, militärischen Bahnhofskommandanten, veranlaßt, eines Tages die jüdische Bevölkerung mit Hilfe seiner Leute zu überfallen. Viele Juden wurden grausam geschlagen, andere wurden gemartert, wieder andere verhaftet, und mehrere jüdische Lüden geplündert und verwüstet. Unter den Gemarterten befindet sich auch der Präsident der dortigen jüdischen Gemeinde Hermann Marcooie! Sechs Juden wurden schwer verletzt, und zwar Arthur Rosenberg. Eretzu, Mayer, eine alte Dame Frau Mina Goldenberg und ihre Leiden Schwiegersöhne. Infolge dieses Ueberfalls flüchtete die ganze jüdische Bevölkerung von Adjud nach der Bezirkshauptstadt Focsani. Die jüdische Bevölkerung Rumäniens befindet sich infolge dieser Exzeße in größter Aufregung und Besorgnis, da man befürchte:, daß die Vorfälle in Adjud das Signal zu einem allgemeinen Pogrom werden können, zu dem die Partei des Herrn Bratianu und die übrigen anusemitischen Gruppen schon längst systematisch hetzen. Die Zustände in Polen. Infolge des frühen Winters macht sich tut ganzen Lande die schwierige Approvisationskrists (Bersorgungskrists) fühlbar. Mit dieser ist auch die Krisis in der Regierung und bem Ministerkabinett verbunden. Das Ministerium hat bis zuletzt' auf dem Standpunkte der unbegrenzten Beschlagnahme gestanden und ist wiederholt auf den Widerstand der Verpslegungskommission gestoßen, welche beschlossen hat, den freien Handel wieder einzusühren. Das Ministerium hat die Frage der unbegrenzten Beschlagnahme geradezu zu einer Kabinettsfrage gemacht und auf diese Weise ihren Standpunkt auch im Parlament durchgesetzt. Der Hunger und die Kälte, die mit sich Epidemien und große Sterblichkeit bringen, verbreiten sich über das ganze Land. In den großen Städten wie Warschau, Lodz, Lublin ufw. wird schon seit Wochen kein Brot auf Karten ausgegeben. Zucker bekommt man schon seit zwei Monaten nicht; die Kohlenversorgllng ist infolge der Verkehrsschwierigkeiten außerordentlich mangelhaft, und es werden in der Hauptsache mit Kohlen nur öffentliche Institutionen versorgt. Die Straßenbeleuchtung ist begrenzt. Infolge der großen Demonstration, durch die das Volk seinen Zorn gegen die schlechte Wirtschaft zum "Ausdruck brachte, hat die Regierung beschlossen, auch den Bahnverkehr zu begrenzen, um den Kohlen- und Lebensmitteltransport zu heben. Viele Früchte, Zuckerrüben, Kartoffeln zu 75 Prozent, sind eingefroren. Die Bevölkerung sieht' mit Angst jedem kommendem Tag entgegen, der die Endkatastrophe bringen kann. Der Bahntransport wird nunmehr vom Militär besorgt. Alle Produkte sind vielfach im Preise gestiegen. Die Mark füllt' infolge der Erklärung der deutschen Regierung, daß sie nunmehr keine Verpflichtungen wegen der während der Okkupationszeit herausgegebenen Marken anerkennt. Ter Beschluß des Sejms, alle Gold- und Silbermünzerr zu requirieren, hat in der Händlerwelt eine große Aufregung heroorgerusen. In letzter Zeit ist in London ein Polnischer Handelsverein begründet worden, der die Ausgabe hat, für Polen Waren einzukaufeu. Die Devisenzentrale wird dieser Tage geschlossen werden. K. f. d. 0. Vor seiner Abreise aus Warschau hat Stuart S a m u e l bei einer Konferenz den Vertretern -des Zentralvereins jüdischer Kaufleute betreffs Wiederaufbaus des jüdischen Wirtschaftslebens einen Man unterbreitet, der die Errichtung drei großer Fabriken für Galoschen und andere Gummiartikel, Möbelwaren und elektrotechnische Artikel in Polen vorsieht. Es soll sich um Fabriken größeren Umfanges handeln, in denen etwa 10 000 Arbeiter Beschäftigung finden können. Das nötige Kapital will Samuel mit Hilfe seiner Freunde in englischen Finanzkreisen -aufbringen. Samuel versprach auch, für Entsendung der nötigen Ingenieure, Instruktoren und Fachleute wie auch für die Beschaffung der Rohmaterialien zu sorgen, mifc