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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-02 · Heft 1 (2.1.1920) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 1 (2.1.1920)
Date
1920-01-02
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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4.. - Republik seien „jüdisch", dg deren Leitung Inden niltersteht. Im Kolleg und in Studentenversammlungen wurde ausgiebig gehetzt, und die Flugblätter wurden sogar an: „Schwarzen Brett", der Stelle der amtlichen Kundgebungen der Universität, angeschlagen. Der Landesrabbiner wandte sich schließlich mit einer Beschwerde an das Staatsministerium und erhielt daraus folgenden Bescheid: „Rektor und Konzil der Universität Rostock haben alsbald, nachdem sie von den bedauerlichen Vorfällen Kenntnis erhalten hatten, ein strenges Verbot jeder Politischen Agitation in den Gebäuden der Universität erlassen." Allch die Marburger Kliniker betätigen sich kräftig in antiseuutischerrr Sinne. Dort erklärte auf einer Versammlung, in der für die Statuten der Vorschlag gemacht wurde, Ausländer sollten nur mit % Stimmenmehrheit ausgenommen werden, ein Herr Berlin unter anderem folgendes: „Nicht nur alle Ausländer, sondern allch die Hebräer müßten vollständig ausgeschlossen werden. Die Juden bekommen bei uns die Oberhand. Marburg war stets die Hochburg des Antisemitismus und wird es auch bleiben." Mit lebhaftem Beifallstrampeln wurde der Vorschlag ohne Diskussion mit großer Mehrheit angenommen. Ans dem Hochschultag in Würzburg wurden Satzungen angenommen. deren Absatz 1 besagt, daß zur deutschen Studentenschaft alle Studenten „deutscher Abstammung und deutscher Muttersprache" gehören. In Hamburg, der Wiege der Deutsch-völkischen Studenten- Vereinigung, versuchten nun einige Gruppen, Klarheit über die Be- | dentung die;?* Satzes herbeiznführen, dadurch, daß sie vom. Ausschuß j eine Erklärung verlangten, wie er sich zu diesem Paragraphen stellt. Der Ausschuß verweigerte eine Stellungnahme, und beschloß, mn Anfang des nächsten Semesters eine allgemeine Abstimmung herbeizufü-hren, ob die jüdischen Studenten zur deutschen Studentenschaft gehören. Trotzdem mehr als ein Zehntel der Studentenschaft mit ihrer Nanlcnsllnterschrist sofortige Entscheidung der Frage forderte, lehnte der Ausschuß, obgleich er satzungsgemäß zur Einberufung einer Vollversannnlung verpflichtet gewesen wäre, eine solche ab lind verkroch sich hinter den Vorwand, der Semesterschluß sei zu nahe. Im wohltuenden Gegensatz zu diesem Verhalten hat der Ausschuß an der Universität Göttingen aus eine ähnliche Anfrage hin entschieden, daß unter Deutschen selbstverständlich alle Studenten ohne Unterschied des Glaubensbekenntnisses zu verstehen sind. Daß der V. d. St. nicht zurückbleiben kann, wenn die jeuncsse doree sich zur fröhlichen Judenhaß anschickt, ist selbstverständlich. Gr spielt nicht nur eine Hauptrolle im Berliner „Hvchschulring" und der Jenenser ,INativnalpolitlsch-akademischen Vereinigung", die angeblich alle Studenten zusammenfassen will, deren Politische Ueberzengnng sie rechts von der D. D. P. stellt, sondern sein jüngster Sproß, der Harnburger V. d. St., hatte für seinen ersten Werbeabend als Referentenüber „Gehemle Fäden des Weltk-vieges" ausgerechnet Herrn Alsr. Roth vom D. H. V., Generalsekretär des Deutschen Schutz- und Trutzbundes, Vorstandslnitglied des Alldeutschen Verbandes und früheren antisemitischen Reichstagskandidat-en, ausersehen. Auch der Kyffhäuserverband, die Gesamtorganisation der B. d. St., erklärte einheiitlich ans seiner jüngsten Tagung als „besondere Aufgabe": „Die Bekämpfung der iymte überwuchernden rassefremden und undeutschen Einflüsse." Um so erfreulicher ist folgende Meldung aus dem Lager der von der rnrti semitischen Pest nicht angekrä-nke!ton Studentenschast: „Die seit mehreren Jahrzehnten an m-cikn deutschen Universitäten bestehenden paritätischen Korporationen Haben sich zu einem Verbände zusaulmengeschlossell, der den- Namen Burschoubunds-Eonvent (B. C.) führt. Diese Bnrschen-bünde unterscheiden sich von den anderen schlagenden Verbindungen, die Farben tragen, dadurch, daß sie ihre Mitglieder ohne Rücksicht auf deren religiöse und politische Zugehörigkeit aufnehmen. Hierdurch ist die Zahl der großen studentischen Verbände mn einenneuen vermehrt. Dem, B. E. -gehören anin Berlin: Brandenburgia, Ghibellinia und Neo-Silesia, in Breslau: Alemanm, in Frankfurt: Bavaria, in Hamburg: Markvmannia, in Heidelberg: Saxvnia, in Leipzig: Alsatia, in München: Thuringia und in Würzburg: Wircebnrgia." Man sieht, es gibt also Gott sei Dank auch noch Schichten unter den deutschen Studenten, die in der universitas literarum auch noch die Gemeinsamkeit aller Studenten zu lvahren willens sind. * Dem „Berliner Tagehtatt" (Ausgabe Ü, Nr. 281) eutnehmen wir folgenden Artikel: Die Zuwanvehrrntz <rus dem Osten. D i e R us sen i n B e r l i n. Wir erhaltenvonunterrichteter Seite folgende Zuschrift: „In den deutschen Zeitungen wird seit einigen Wochen eine ungewöhnlich heftige Preßkanrpagne gegen die hier wohnenden -Ostjuden getrieben, die meist den Zweck hat, -der Regierung eine angeblich allzu freundliche Haltung den Ostj-uden, gegenüber vorzuwerfen. Das Material, das hierbei, vorgebracht wird, entspricht keineswegs den gegebenen Tatsachen, und selbst -aus. den ha-lboffiziösen Tarstellu-n-gen mancher deutschen Arbeitsstellen spricht eine nicht zu verkennende Tendenz, die zu einer ganz falschen Beurteilung der wirklichen Lage führt.. Zu den Vorstellungen, die so im deutschen Volke künstlich verbreitet werden, gehört erstens die Zahl der einwandernden Ostjuden, die nach manchen Darstellungen viele Zehnta-usende betragen soll. In Wahrheit sind seit Ende des Krieges höchstens 10 000 bis 15 000 Ostjuden nach Deutschland gekommen. Dagegen gab es bereits vor dem Kriege kleine Kolonien jüdischer Eingewanderter, so in Berlin die galizischen Juden in der Dragoner- und Grenadierstraße, und während des Krieges sind ans Veranlassung der alten deutschen Regierung Tausende von jüdischen Arbeitern zwangsweise nach Deutschland deportiert worden, die den Hauptteil der hiesigen Ostjuden bilden. In der Presse wird vielfach durch die Angabe, es seien zum Beispiel 70 000 Russen allein in Berlin, ein sehr falsches Bild erweckt. ' Diese 70 000 Russen sind nämlich im wesentlichsten deutschstänunige Russen, Wolgarussen, Balten und Lodzer und andere, die durch die veränderten Verhältnisse in Rußland und Polen zur Auswanderung gezwungen sind und jetzt in großen Scharen die deutschen Großstädte überfluten. Für die Stellungnahme der Negierung gegenüber diesen ausländischen Juden gibt es, wie es scheint, nur zwei Möglichkeiten. Erstens die Ausweisung der trotz des bestehenden Grenzschlusses nach Deutschland gekommenen Flüchtlinge. Diese Ni aß nähme war aus menschlichen und auch außenpolitischen Gründen nicht weiter durchführbar. Ter zweite Weg mußte dahin führen, in irgendeiner Weise mit der gegebenen Tatsache der vorhandenen Ostjuden sich abzusinden und nun Mittel und Wege zu suchen, diese nutzbringend zu beschäftigen. Durch die bei Kriegsende erfolgten Anordnungen waren Tausende jüdischer Zwangsarbeiter meist plötzlich von ihren Arbeitsstellen entlassen worden, ohne daß sie irgendeine Möglichkeit hatten, neue Arbeit annehmen zu dürfen. Daß auf diesem Wege brotlos gewordene Arbeiter gezwungen wurden, auf alle mögliche Weife, auch mitunter nicht zum Nutzen der deutschen BoWwi.rt-schast, sich eine Existenz zu verschaffen, war die notwendige Folge der behördlicherseits erfolgten Maßnahmen. Durch das in diesem Jahr begründete Jüdische Arbeitsamt in Berlin hat man mit viel Erfolg Tausende ostjüvischer Arbeiter in der Landwirtschaft, in der Industrie und insbesondere im Bergwerk vermittelt und sich dauernd bemüht, die Arbeitslosen aus den Großstädten zu produktiver Arbeit zu führen. Außer den recht allgemein gehaltenen Richtlinien des Ministers des Innern vom 1. November sind bisher jedoch keine durchgreifenden Anordnungen von feiten der Regierung getroffen worden, um wirklich all den- Arbeitsuchenden, die ihre heimatliche Eristenz meist durch Schuld der deutschen Okkupationsbehörde verloren haben, Arbeit zu verschaffen. Die ostjüdifchen Arbeiter haben sich, wie durch viele Belege nachzuweifen« i st, fa ll i n all en Fällen, auch bei schwerster Arbeit, bewährt. Sie sind imstande, im deutschen Wirtschaftsleben vorhandene Lücken als Handwerker, als Landarbeiter, als Bergwerksarbeiter auch da auszufüllen, wo deutsche Arbeiter aus bekannten Gründen kaum zu erhalten sind. Da die jüdischen Arbeiter zum größten Teil gewerkschaftlich organisiert sind und auch sonst in ihren kulturellen Ansprüchen und Bedürfnissen durchaus nicht hinter den deutschen Arbeitern zurückstehen, ist Lohndrückerei nicht zu befürchten. Auch bolschewistische Agitation, dürste von diesen, den heimatlichen Pogromen entronnenen Flüchtlingen nicht erfolgen. Die Mehrzahl dieser Einwanderer hat nicht die Absicht, in Deutschland, wo die Aussicht auf ein Vorwärtskommen nur sehr gering ist, zu 'bleiben-, sondern.bemüht sich mit Erfolg, .ins Ausland weiterzuwandern. Durch das Entgegenkommen einiger Staaten ist auch hier schon eine ganze Reihe bestimmter Arbeitskategorien ins Allsland vermittelt worden. ' Eiine Gefahr -für die Rutsche Volkswirtschaft kcm.ni -aber von. diesen immerhin nur wenige Tausend zählenden Ostjuden nur dann ausgehen, wenn eine Regierung in völliger Verkennung der gegebenen

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