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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1920-01-02 · Heft 1 (2.1.1920) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
84 (1920)
Issue
Heft 1 (2.1.1920)
Date
1920-01-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Eine solche Addition der Personenzahlen hätte.nur ein Recht, soweit sie sich auf Anforderungen des Augenblicks bezieht: Zum Beispiel wenn es gilt, die Frage zu beantworten, wieviel Laibe Brot für die Ernährung dieser tausend Personen an einem bestimmten Tage nötig sind. In dieser Beziehung könnten die betreffenden Personen allenfalls als gleichartige Individuen ohne Rücksicht auf ihre Lebenstendenz und ihren Z u k u n f t s w i I l e n betrachtet werden. Sobald es sich aber um Berechnungen über die Z uku n f t e i n e r G e m e i nschaft handelt, dazu noch einer Gemeinschaft, welche seit Taufenden , von Jahren in der Welt besteht und eine unvergleichliche Lebenskraft aus der Tradition der Vergangenheit imd aus Ideen schöpft, welche innig verwebt sind mit den tiefsten Würzeln des menschlichen Lebens, ist die allerwichtigste Vorfrage die nach der d y n a in i s ch e n (nicht st a t i s ch e n) Bedeutung der gezählten Individuen, nach den Quellen der Seelenkrast und der entsprechenden Daseinsmöglichkeit jener einzelnen, wenn sie noch so gering an Zahl wäre. für welche ihre Zukunft etwas absolut Gesichertes ist, da ihr Daseinswille alles in ihrer Umgebung an Kraft und Bestandfähigkeit übertrifft. Die numerische Stärke dürfte in solchem Falle mit der moralischen Stärke zu multiplizieren sein. Eine kleine Anzahl von Familien, welche die uralte Tradition mit Vollbewußtsein trägt, kann da vielleicht jederzeit das Leben einer Gemeinde erneuern und den einzigartigen historischen Faden fortspinnen. Diese Erscheinung ist vielleicht gar nicht neu und unserer Zeit oder irgendeinem Zeitalter eigentümlich, sondern zeigt sich ganz ähnlich immer wieder seit Tausenden von Jahren. Darin lag vielleicht seit Abrahams Zeiten das G-chennws der Erhaltung des für die Ewigkeit bestimmten Stammes, daß das geistige israelitische Erbe als eine Art Ftdeikvnuniß von jeder Generation nicht allen Nachkommen, sondern nur den erstgeborenen oder moralisch besonders qualifizierten Söhnen und Enkeln ü b e r g e b e n w u r d e, während die übrigen Kinder sich in der Welt zerstreuen und nrit ihrer Mittelmäßigkeit oder Minderwertigkeit gleich allen anderen Menschen allein auf ihre individuellen Kräfte angewiesen und ohne die Ressourcen der fürstlichen Erbschaft im Völkerchaos untergehen durften. Es liegt darin vielleicht gar nichts Tragisches vor, sondern nur der Einzelsall des Naturgesetzes von der Selektion der Wesen. Es ist dann eben vielleicht ein Trugschluß und eine potitio prmeipii, wenn der Maßstab irgendeines Stammes oder einer Nationalität an das Judentum ghlegt wird, das von jeher eine Gemeinschaft mit einer ganz bestimmten philosophischen Anschauung war, die s i ch auf die Ewigkeit'e in gerichtet und nach einem b e st i m m t c.n P l a n e in die fernsten Länder hinausgezogen i st, um als Minorität unter allen Völkern - durch ihre ethische Ueberlegenheit zu wirken. Sehen wir jedoch Hier von der Geschichtsphilosophie ab und prüfen wir ein wenig die statistischen Zahlen. (Fortsetzung Wflt.) Sie Woche. Berlin, 29. Dezember. er Antisemitismus hat unter den öffentlich erörterten Problemen in dem nun verflossenen Jahre die größte Rolle gespielt. In allen Teilen des Deutschen Reiches, besonders aber in Preußen, erhob er mutig sein Haupt, es wurde und wird gegen die Juden gehetzt, und es ist kaum zu erwarten, daß der immer mehr um sich greifende Antisemitismus im kommenden Jahre abnehmen wird, obgleich die Regierung sich ernstlich bemüht, seinem verbrecherischell Treiben Einhalt zu tun. Eine besondere Note erhielt der Streit der Meinungen bei nns in Preußen aber noch dadurch, daß der neue Oberpräsident der Provinz Ostpreußen, Herr Winnig, in einem Aussatz in der sozialdemokratischen Zeitschrift „Die Glocke" sich gehässig über freu starken Anteil jüdischer Kreise an der Agitation der äußerstell Linken aussprach. Daraufhin annektierte einerseits die „Deutsche Tageszeitung" den gegenwärtigen obersten Beamten der „preußischsten Provinz Preußens" als Gesinnungsgenossen, während die sozialistische Presse ihn als Apostaten „brandmarkt". Auf der kürzlich stattgesundenen Tagung des ostpreußischen Provinziallandtages hat Winnig noch einmal zll seinem Artikel Stellling genommen und in der Eröffnungsrede folgendes ausgeführt: „Wohl kann man nicht verkennen, daß sich unter den zersetzend wirkenden Elementen, die unsere Not um so vieles vergrößerten' verhältnismäßig viele Personen jüdischer Abstammung befinden. Aber die nicht weniger erweisbare Tatsache, daß eine weit größere Anzahl jüdischer Mitbürger durch ihre wissenschaftliche und kommerzielle Arbeit dem Staate und der Provinz wertvolle Dienste geleistet hat und weiter leistet, verbietet es jedem gerecht denkenden Menschen, an dieser Propaganda teilzunehmen." Um die Bedeutung dieser Worte an der Stelle, an der sie gesprochen wurden, ganz zu würdigen, muß man noch wissen, daß der Provinziallandtag Ostpreußens trotz aller Demokratisierllng des Wahlrechts immer noch über zwei Drittel Majorität der Rechtsparteien verfügt, unter deren aktiver Förderung oder mindestens passiver Dllldung die antisemitische BeweglNlg in Ostpreußen ihre Kreise zieht. * Antisemitismus in der Studentenschaft. Seit Langem ist die Studentenschaft eine der festesten Stützen der „Feudalität" gewesen. Tie hauptsächlichsten Korporationen: Burschenschaften, Korps, teilweise auch Landsmannschaften, bildeten eine von der misera plebs streng geschiedene Kaste, die den Geist Nationalist! schen loie jeden anderen Hochmuts in Reinkultur pflegten. Wie zärtlich namentlich der Antisemitismus in diesen Kreisen gepflegt wurde, ist allgemein bekannt; stand doch der „Verein deutscher Studenten" überall in der ersten judenhetzerischen Phalanx, unbeschadet einer Reihe hervorragender Männer, die im späteren Leben aus ihm ihren Weg zur Vorurteilslosigkeit und in die Reihen der volkssreundlichen. freiheitlichen Parteien fanden. Nach der Revolution flackerte auch mit am zeitigsten bei den Studenten das Feuer des Rassenhasses wieder auf, und heute droht der Antisemitismus in der Studentenschaft zu einer ernstlichen Gefahr zu werden. Schon wurde in Breslau in einer Versammlung der Studentenschaft mit „überwältigender Mehrheit" beschlossen, einen „Antisemitischen Studentenbund" ins Leben zu rufen, imd eine „allgemeine Stndentenversanunlung" verstieg sich sogar zu dem „fast einstimmigen" („Deutsche Zeitung", 15. Oktober) Beschluß: „Die Breslauer Studentenschaft wünscht und begrüßt die Gründung einer antisemitischen Bereinigung au der hiesigen Universität." In Berlin und an anderen Universitäten erfolgte der Zusammenschluß von Korporationen und Einzelstudenten zu einem „Hochschulring deutscher Art", der ans entschieden völkischem Boden steht und in einem Aufruf den „Kampf gegen die zerstörenden Kräfte des Internationalismus jeder Färbung" propagiert. Sonst spricht man in den Kreisen, denen der „Ring" nahesteht, auch von „schwarz-rot-goldener Internationale", von „Sozialisten, Juden und Jesuiten", oder wie dir Phrasen alle heißen. Neben den Korporationen hat man sich zum Fang der Nichtinkorporierten eine Fichte-Hochschulgemeinde geschaffen, wohl als Ersatz für den während des Krieges wegen seiner schamlosen Hetztätigkeit verbotenen „Deutsch-Völkischen Studentenverband". In lebhafter Erinnerung sind noch die antisemitischen Exzesse an der Universität Rostock, die großes Aussehen und Aergernis erregten. In den Auditorien wurden antisemitische Hetzflugblätter verteilt, in denen nach bekanntem Muster die Juden für den. Krieg, den Niederbrnch Deutschlands, die Revolution und alles, was damit zusammenhängt, verantwortlich gemacht werden, und ihre Austreibung ans Deutschland gefordert wird. Die D. D. P., die S. P. D. und die sozialistiscl)e

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