Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1920)
- Date
- 1920-01-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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2 iligcben, das;, wenn trotz aller großen Hindernisse Plötzlich innerhalb kurzer Zeit eine territoriale Konzentration möglich, werden und in Palästina sich eine Million oder sogar zwei Millionen Juden ansiedeln könnten, um einen Staat wie etwa Griechenland zu bilden — auch dann die übrigen 10 Millionen oder mehr Juden in den Ländern der Zerstreuung mit ihrer Bildung, mit ihrem Wohlstand und mit ihrem Einfluß in der Welt nicht als „tzunntitv negliable" betrachtet werden könnten, welche keine Daseinsberechtigung hätten, oder deren Untergang (wenn die Statistik wahr wäre) nunmehr als gleichgültig angesehen werden könnte. Man muß offenbar die beiden Fragen auseinandrrhalten, und aus dem Streben nach einer staatlichen Existenz darf nicht die souveräne Verachtung der Diaspora abgeleitet werden, welche trotz aller Theorien sich zusehends befestigt. Dies hat nun auch Zollschan empfunden, der ebenfalls, ohne eine richtige Vorstellung von der inneren Kraft und den Lebensbedingungen des Judentums, in seinem Buche über das Rassenproblem allerlei Zahlen zum Beweise des unheilvollen Niedergangs des Stammes zusammengetragen hat. Das Buch enthält die verschiedenartigsten Zitate, Ergebnisse anthropologischer Untersuchungen neben Gedanken aus den prophetischen Schriften und homiletischen Betrachtungen, Zeitschriftenexzerpte und statistische Tabellen von sehr verschiedenem Werte. Der Verfasser bemüht sich zwar, in Uebereinstimmung mit Ruppin, nachzuweisen, daß die Juden westlich von der Weichsel innerhalb kurzer Zeit bis auf verschwindende Reste untergehen müssen, und er findet ebenfalls die einzige Hilfe für „das Judentum" (ganz allgemein, mit völliger Nichtbeachtung der Diaspora) in einer Konzentration in Palästina. Daß diese Lösung von einer praktischen Durchführbarkeit noch so ungeheuer weit entfernt ist, bringt ihn fast zur Verzweiflung, so daß er seine Schlußfolgerungen selbst nur als eine Art Grabschrift für den in der Zerstreuung sicher untergehenden Stamm betrachten möchte. Aber der Hauptzweck seines Buches ist dabei zugleich, die ganze Welt davon zu überzeugen, daß die Erhaltung des jüdischen Stammes etwas Gutes und Nützliches sei, selbst wenn es sich erweisen sollte, daß er nicht schöpferisch tätig ist, sondern nur verbreiten kann, was andere geschaffen haben. Er bemüht sich, apologetisch nachzuweisen, daß die Juden kein niedriger, verachtungswürdiger Stamm seien und daß sie auch (!) Idealismus besitzen („Rasfenproblein", S. 368). Als Beweis dafür weiß der Verfasser besonders die Geschichte von der BilugruPPe zu erzählen, von jüdischen Studenten, welche vor 30 Jahren aus Rußland nach Palästina gewandert sind (ein Bethamidrasch hat der Verfasser in seinem Leben nie kennengelernt und von dem Ozean von Idealismus im Leben jedes einfachen Juden im Osten hat er keine Vorstellung), so daß unwillkürlich ein großer Teil seines Buches doch wieder zll einer Verteidigungsschrift für die Inden in der Zerstreuung geivorden ist. Endlich ist vor einigen Monaten ein anderer junger Arzt, tief bekümmert um das Wohl seines untergehenden Volkes, mit einem Breche hervorgetreten, das wirklich wie eine Grabschrift ist: „D e r U n t e r g a n g d e r d e u t s ch e n I u d e n" — . nicht mehr und nicht weniger. Arrch diese Schrift ist 'mit Seelenqualen aus Grund jener pessimistischen Theorie verfaßt, welche in gewissen Kreisen bereits als wissenschaftlich unansechtbar gilt. Wieder marschieren die Zahlenreihen über die Taufen, die Mischehen, den Rückgang der Geburten usw. vorüber: man rechne nun nach und überzeuge sich, die Situation ist hoffnungslos. Und wieder eine Menge Zitate ohne System. Neben Forschungsergebnissen, welche als wissenschaftlich gelten sollen, die aus einer Predigt zitierte stilistische Uebung, in welcher die Welt beschworen wird, doch Großmut an uns zu üben. „Selbst wenn wir untergehen(könnten, müßten wir uns fragen: Gchicmt sich das für uns, das Volk der Psalmisten und Propheten, das Volk der Bibel? Soll das das Ende seinffürchie Geringschätzung und die Not, die wjr ertragen haben? Glaubt ihr, daß ihr der Welt dadurch nützen werdet? Wisset ihr das nicht, daß, wer ein ganzes Volk zu freiem Leben erhöht, im höchsten Sinne des Wortes Gottverehrung übt?" — Der Verfasser merkt es nicht, daß er mit solchen Zitaten sich von der wissenschaftlichen Methode los sagt und sich auf den geweihten Boden der doch für unsere Wissenschaftler bereits überwundenen Kanzlerberedsamkeit begibt. Es fällt ihm auch nicht ein, daß der freiwillig sich lossagende und freudig in der Umgebung untertauchende Stammes- oder Religionsgenosse die Dinge mit ganz anderen Augen sieht und gar keine Tragödie findet in dem Untergänge einer Sache, welche er für unhaltbar hält, während er mit Liebe und Begeisterung sich den Idealen hingibt, welche in der Wirklichkeit ihm ein bürgerliches und gesellschaftliches angenehmes Leben ermöglichen. Ich fürchte nicht, daß diese Forschungen einen dauernden Eindruck ans das Judentum machen werden, das vor unseren Angen in einer Weise blüht und sich entfaltet, wie man es in früheren Zeitaltern kauur jemals sich hat vorstellen können. Nicht nur der einfache Jude, der in seinem Glauben fest ist, sondern selbst der höher gebildete Angehörige unserer Gemeinschaft, der auf sein Judentum Wert legt und bestrebt ist, cs in seiner Familie und in seiner Gemeinde zu befestigen, empfindet es wohl, wenn er auch die in den statistischen Berechnungen steckenden Fehler nicht sofort merkt, daß hier keine in der Wirklichkeit fundierten Weissagungen vorliegen und daß trotz aller vorgeführten traurigen Erscheinungen die Gefahr für unseren Bestand nicht übermäßig groß sein kann. Vielleicht wird es uns aber gelingen, den Gegenstand etwas besser zu beleuchten und denen, die ratlos und bekümmert den statistischen Berechnungen gegenüberstehen, einen erfreulichen Ausblick zrr gewähren. Die statistischen Berechnungen! Man hat die Statistik mit einer feilen Magd verglichen. Wenn man aber arrch nicht so rveit geht, ihr jede Achtung zu versagen, so steht folgendes fest. Ueber wichtige Fragen kann man sich nur ein Urteil bilden, wenn man vorliegendes Zahlenmaterial auf seineinnere Bedeutung prüft, die Gegenstände und die Erscheinrrngen, aus die sie sich beziehen, sich nach ihrer Eigenart genau ansieht und , sich nicht mit mechanischen Additionen und Gegenüberstellirnj gen unter Voraussetzung der Gleichartigkeit der Objekte zufrieden gibt. Es' kann zum Beispiel einer berechnen, daß in einer Provinz die Sterblichkeit 20 von tausend Personen oder 2 Prozent der Bevölkerung ausmacht. - Er wird dann in einer Stadt in einem bestimmten Hause konstatieren, daß von hundert Einwohnern 20 durchschnittlich in einem Jahre sterben. Es wird nämlich in diesem Falle ein nur von Greisen bewohntes Versorgungshaus gewesen sein. Demgegenüber wird in einem anderen Hause derselben Straße konstatiert werden, daß die Sterblichkeit auch nicht 1 Prozent beträgt. Das Haus ist nämlich ein Kinderheim, das nach allen Anforderungen «der Hygiene geleitet wird. So können auch unter 1000 Juden in einer Stadt 500 und noch mehr Untergehende sein, deren Verhältnis zum jüdischen Stamm eigentlich nur das von Nachkommen ist. ES genügt aber, daß unter den tausend nur hundert oder nur zehn sind, welche prinzipiell, mit Begeisterung, mit Liebe und grenzenloser Anhänglichkeit ih r er » G emeins ch a ft angehören, mit jugendlichem Mut, mit Vertrauen und Opferfreudigkeit seine Zukunft sichern wollen — diese wenigen sind Vorfahren und Stammeshäupter. Es ist natürlich töricht, beide Gruppen in einer Statistik zusammenzufassen.