Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 84 (1920)
- Issue
- Heft 1 (2.1.1920)
- Date
- 1920-01-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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$4. Jahrgang. Nr. 1 ♦ r. Januac 1920 ums. Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonuements-Preis: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und Vororten durch nnfere vertnebsstellen) bezogen vierteljährlich 3 M. — Postscheckkonto 324. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Pbilippfon Verlag: Rudolf Mosse, Berlin, Jerusalemer Strasse 46-49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW, Jerusalemer Straße 46-49, zu richten. Verlag von Rudolf rNofse, Berlin. System und Weltstellung des Judentums. Von Dr. y lltjUll ♦ Armand Kamin ka. —Die Woche. — Die- Zukunst des ungarischen Judentums. Von J. K. — Die Israelitische Taubstummenanstalt in Werßensee (Schute und Internat). — Von Dr. F. R e i ch. — Stefan Zweigs „Jeremias". Von I. B. Münz. — Feuilleton: i Benjamins Liebeslied. Roman von S a> m u e l M e i s e l s. — Lite- I rarische Mitteilung e n. — Druckfeh l erberichtigun g. j . Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums"): Berlin, Posen, Breslau, Leipzig, Elberfeld, Würzburg, Frcmkfurt a. M., Budapest. — Von N a b un d F e r n. System und Weltltellung des Judentums. V-on Dr. A r m a n d K a m i n f n. Vorbemerkung. Die hier dem wesentlichen Inhalte nach wiedergegebenen Aussätze sind im Jahre 1912 in hebräischer Sprache erschienen, der erste im Jubiläumshefte des „Haschiloach" als Widerlegung der pessimistischen Theorien von Ruppin, Theilhaber und Zollschan, die folgenden im vierten Bande des „Heathid" in- Berlin in einer Serie von Abhandlungen über das Wesen des Judentums. Tie Aufsätze haben damals -einige Aufmerksamkeit gefunden. Der erste wurde in -einer russischen Zeitschrift in Odessaübevsetzt, die folgendenwurden in italienischer Sprache im „Eorriere Jsraelitico" in Trieft wiodergegeben. Durch die gegenwärtigen heftigen Kontroversen über die Frage der nationallen Konzentration und eines Weltkongresses hat das Thema besondere Aktualität erlangt. I. Ist das Judentum im Aufschwünge oder im Niedergange? in Jammervuf zieht durch die Länder, wo die jüdische Assimilation am meisten vorgeschritten ist: Das Judentum ist im Sterben! Junge Forscher, welche das Judentum niemals von innen -heraus, seine Wurzel -und Bestrebungen begriffen haben-, sammeln fleißig statistische Datenaller Art, trockene Zahlen über äußere Erscheinungen von verschiedenem Werte, und -schreiben Bücher, um -die nach ihrer Ansicht sonnenklare Wahrheit nachzuweisen: daß die Juden nur im Schmelztie-gel der Not, in Finsternis und Elend sich erhalten können, im Lichte der Freiheit aber dem Untergänge geweiht sind. Wer dies nicht -glaubt, sehe sich die melancholischen, von Todesschatten durchwehten Zahlen -an und rechne einfach nach. Die Taufen vermehren sich von Jahr zu Jahr um soundsoviel; die Zahl der Mischehen ist aus ein Drittel, aus die Hälfte, in manchem Lande (Dänemark) aus drei Viertel aller jüdischen Ehen -gestiegen. Die stockjüdisch gesinnten Mafien in Rußland und -in Galizien steigen nach einem Naturgesetz von Stufe zu Stufe herab, indem -sie sozial hin-aufsteigen. Aus der ärmsten Schicht der Orthodoxen -gehen die bessersituierten aufgeklärten Juden hervor. In der folgenden Generation sind es -die -assimilierten Reichen, deren Kinder wieder bald die Abtrünnigen und gänzlich Untergehenden sind. Dieser Wandel vollzieht sich in vier Generationen/ manchmal auch in kürzester Frist, und erscheine als unabänderliches Gesetz. Der erste, der dieses angebliche Gesetz entdeckt hat, ist RuPPin in seinem Buche über die Inden der Gegenwart. Von den vier Schichten, in welche er die Judenheit der ganzen Welt zerlegt, rechnet er beiläufig sieben Millionen auf die von der modernen Kultur noch ganz entfernten orthodoxen Massen; eineinhalbe Million ans den von der Tradition bereits ein wenig abrückenden und sich durch Aneignung der Landessprache modernisierenden Mittelstand, mit Einschluß der nach den -westlichen Ländern Europas und nach Amerika ausgewanderten sowie der unteren Schicht der in Holland und in Oesterreich-Ungarn wohnenden Inden; einzweifünftel Million auf das wohlhabende westeuropäische großstädtische jüdische Bürgertum, das nur noch an den hohen Feiertagen einer -gewissen Pietät für seine Abstammung Ausdruck gibt, -und eine halbe bis -dreiviertel Million auf die oberste plutokratische, bereits mit der Umgebung stark verschwägerte Schicht. Die Gruppen fließen nach dieser Darstellung aufeinanderfolgend unaufhaltsam dem sicheren Abgrunde zu. Es gebe daher kein anderes Mittel, fügen die jungen politisierenden Statistiker hinzu, als — den Zionismus und die nationale Abgeschlossenheit. Die Schlußfolgerung -klingt immer -ganz ähnlich wie das mechanische Trostwort, mit dem die altjüdi-sche Derascha unabhängig von ihrem Inhalte zu enden pflegte: „Und so wird für Zion ein Erlöser kommen." Denn es muß doch wohl, genau genommen, selbst -den begeistertsten Zionisten vollkommen klar -geworden sein, daß die Frtr-ge des nationalen Wiederauflebens im Lande der Väter, selbst wenn die Kolonisation Palästinas durch ein Wunder sich -ganz bedeutend vergrößern -würde, in keinem Falle mit der Frage der Erhaltung der Millionen Juden auf dem ganzen Erdenrunde vermengt werden -darf, mit der Frage des Bestandes -der großen Gemeinden in Europa -und Amerika, welche -schon jetzt i-m kulturellen und wirtschaftlichen Leben der großen Nationen eine ganz bedeutende Position einnehmen und deren Einfluß auf das ökonomische Leben der Völker nach Tombari sichtbar im Steigen ist. In Berlin sollen die Juden, -welche 5 Prozent der Bevölkerung ausmachen, 10^ Millionen Mark Steuern von -ihrem Einkommen zahlen, welches sonach wohl auf mehr -als zweihundert Millionen Mark jährlich geschätzt werden muß. In Frankfurt zahlen 23 000 Juden Steuern von 96 Millionen Mark Einkommen. Aehnlich dürfte die ökonomische Lage der Juden in England, Holland, Wien, Prag, New Dort und Chicago sein, überall, wo jüdische Gemeinden in freien Ländern bestehen. Aber nicht -viel anders ist es selbst in Odessa, Kiew, Warschau und Lodz. Ueberflüssig ist es, auf den hohen Kultnrstand der Juden in der zivilisierten Welt hinzuweisen, auf die Positionen, welche sie sich im geistigen Leben der Völker errungen haben. Selbst der Nationaljude. der noch so sehr für einen selbständigen jüdischen Staat schwärmt, wird Wohl