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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-26 · Heft 52 (26.12.1919) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 52 (26.12.1919)
Date
1919-12-26
Page
Seite 3 (sequence 17)
Language
German
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3 Scharen werden sie Hinströmen, sobald die Tore offen sind, und es gilt die Einwanderung so zu regeln, daß jeder — auch der ungelernte Arbeiter — sofort seine Tätigkeit findet. Palästina aber bietet reiche Arbeitsmöglichkeiten. Eisenbahnen, Straßen, Kanäle müssen angelegt, Sümpfe getrocknet, Wohnungen gebaut, Krankenhäuser, wissenschaftliche Anstalten aller Art usw. errichtet werden. Vor allem jedoch müssen die Juden zurückgeführt werden zu dem Hauptberuf ihrer Vorfahren: der Landwirtschaft. Palästina, das keine Parteisache sein darf, sondern die gemeinsame Angelegenheit aller Juden, wird, durch gemeinsame Tat wieder aufgerichtet, die Wissenschaft blühen sehen in einer großen Jerusalemer Universität, für die jetzt schon die vorbereitenden Schritte getan sind, und so wird es zur Eingangspforte europäischer Kultur in den weiten Orient werden, sein neu erstehendes Volk zu einen: echten Kulturvolle entwickeln, das sich würdig und gleichberechtigt einreiht den anderen Völkern der Erde. — Leipzig, 19. Dezember. Vor kurzem fand hier eine vom Zentraliverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Ortsgruppe Leipzig, und vom Verein zur Abwehr des Antisemitismus einberufene Versammlung statt, in der sich Dr. Ludwig Holländer aus Berlin über die Judenfrage verbreitete. Der Redner bemühte sich sichtlich, sachlich und leidenschaftsfrei zu sprechen. Zunächst legte er an Hand der Geschichte dar, daß zu allen Zeiten und bei allen Völkern in Tagen des Unglücks nach Minderheiten gesucht wurde, um sie als Sündenböcke für das Ungemach verantwortlich zu machen. Heute glaube man in gewissen Kreisen, den Sündenbock im Judentum gefunden zu haben. Redner kam dann aus die einzelnen Vorwürfe zu sprechen, die dem Judentum als Hort des Internationalismus und als Nährboden einer angeblichen zersetzenden Tätigkeit in: Volkskörper gemacht werden, Er warnte vor übereMen Angriffen auf das Judentum, denn oft geschehe cs, daß die Persönlichkeiten, auf die man sich bei solchen Angriffen stütze, gar keine Juden seien und mit dem Judentum nicht das geringste zu tun hätten. Eine Reihe von Namen, besonders aus den Zeiten der letzten Revolution, führt Redner als Beweis an. Die Juden seien schuld an dem Bolschewismus, rufe man, aber die russischen Juden hätten selbst am meisten unter dem Bolschewismus zu leiden. Der Vorwurf der Drückebergerei im Kriege sei hinfällig. Von 525 000 deutschen Juden hätten 100 000 dem Heere angehört, 10 000 seien gefallen. Der Anteil der Juden an den Kriegsgesellschaften betrage, was die höher bezahlten Stellen hierbei anbelange, nur acht bis zehn Prozent. Man solle aber*nicht nur mit Vorwürfen kommen, sondern auch anerkennen, was die Juden auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens geleistet hätten. In der anschließenden Aussprache wurde von antisemitischer Seite nur leichtes Geschütz ausgesahren, trotzdem aber versetzten einige Ausfälle der beiden Vertreter der Antisemiten den bis aus den letzten Platz gefüllten Sackt des Zentraltheaters in heftige Erregung. Rechtisanwalt Dr. Ziel, der für die Demokratische Partei sprach, glättete mit versöhnlichen Worten die Wogen. Miau müsse auf das energischste abrücken von all den Bestrebungen, die mit ihrer Tendenz die Leidenschaften der urteilslosen Masse aufzuwühlen versuchten. Nachdem Rabbiner Dr. Gold nt ann einige Angriffe auf angebliche jüdische Ritualgeheimmssc zurückgewiesen hatte, erklärte noch ein Vertreter der organisierten Arbeiter, daß es für die Arbeiterschaft eine Judensrage überhaupt nicht -gebe. — Magdeburg, 19. Dezember. Mit antisemitischen Hetzzetteln werden jetzt, besonders während der Nachtzeit, Schaufenster, Türen, Plakatsäulen u-nd Wände des öfteren beklebt. Der Polizei gelang es jetzt wiederum, einen der Täter auf frischer Tat festzustellen. Es handelt sich wieder um einen jugendlichen Menschen, und zwar um den Banklehrling Alfred Zöhrens, der in der Nacht zum 8. Dezember mit einem Pack solcher Zettel angetrossen worden ist. Seine Bestrafung wird demnächst erfolgen. Um der Unsitte des Deklebens von Wänden, Türen und Fenstern zu steuern, wird das Publikum von der PvljzeiverwMung gebeten, auch seinerseits darauf zu achten und Personen, die sich solcher Uebertretungen schuldig ntachen, der Polizei zur Anzeige zu bringen. — Hattingen (Ruhr), 19. Dezember. Hier besteht ein I u g e n b b u n d, der offiziell jede politische Betätigung und Tendenz ablehnt, aber nur Mitglieder nufnimmt, die deutschen Stammes sind. Unlängst meldeten sich zwei jüdische Schüler zur Aufnahme in den Jugendbund, deren Gesuch jedoch abgelehnt wurde. Bis dahin hatte der Verein in den Räumen des Realghntnasiums getagt. Diese Berechtigung wurde dem Verein entzogen, weil der Vater der jüdischen Schüler gegen den Ausschluß seines Sohnes protestiert hatte. Der Verein „Jugendbund" protestiert gegen diese Maßnahme und demaskiert seine unpolitischen Tendenzen, wobei die Vormachtstellung dds Judentums zu scharfen antisemitischen Angriffen, herhalten muß. Der Hattinger Jugendbund scheint ebenso unpolitisch zu sein wie der Deutschnationale Schülerbund. — Spangenberg, 19. Dezember. Hier fand vor kurzem der erste Judentag der jüdischen Jugendvereine Niederhessens statt, der sich trotz der schlechten Verkehrsverhältnisse eines guten Besuches zu erfreuen hatte. Dr. Alexander (Berlin) sprach über die Bedeutung und Ziele des Verbandes der jüdischen Jugendvereine Deutschlands. Der Vorsitzende des hessischen Landesverbandes, Schwarzschild (Frankfurt a. M.), erstattete das Korreferat. Die Versammlung nahm dann noch folgende Kundgebung einstimmig an: Die in Spangenberg versammelten Vertreter der jüdischen Jugendvereine N'ederhessens erneuern das Bekenntnis zur großen Sache der Jugendbewegung. Sie erblicken ihre Aufgabe darin, bei der Jugend das Verantwortungsgefühl für die Erhalttung des Judentums zu wecken, sie zu aufrechten, charaktervollen, gesunden Menschen, wertvollen Staatsbürgern, würdigen Vertretern und Verteidigern der Ideen und Ideale der Menschheit heranzubilden. er. Frankfurt a^ M., 19. Dezember. Der Akademische Verein für jüdische Geschichte u n d Literatur an der Universität Berlin, der seit 37 Jahren besteht, hat hier einen Verein mit den gleichen Tendenzen begründet und dadurch das Jüdisch- Wissenschaftliche' Kartell (I. W. K.) geschaffen. Damit ist eine Lücke in dem jüdisch-studentischen Vereinswesen ausgffüllt, die zw scheu dem K. I. V., dem K. C. und dem B. I. A. bestand. Das I. W. K. soll alle akademischen Vereine mit jüdisch-neutraler Tendenz an den deutschen Hochschulen umfassen, die, ohne irgendeine jüdisch-relig öse oder jüdisch-politische Richtung anszuschließen. sich der Pflege der jüdischen Wissenschaft widmen wollen. Der A. I. G. V. ist 1882 an der Un'versitnt Bcrlin gegründet worden, um durch Pflege der jüdischen Geschichte und Literatur innerhalb der jüdischen Studentenschaft der jüdischen Jugend das Rüstzeug für den geistigen Kampf gegen den Antisemitismus zu liefern, ohne eine jüdisch-reügiöse oder jüdisch-politische Richtung attszuschlicßen. Er war der erste Verein auf deutschem Boden, der für das geistige Gut des Judentums e ntrat. Die reinjüdische Tendenz wurde im drittelt Semester dahin abgeändert, daß die wissenschaftliche Arbeit des Vereins mehr betont und d'e Pflege der jüdischen Geschichte und Literatur als Endziel bezeichnet wurde. Gleichzeitig wurde auch N'chtjuden die Möglichkeit gegeben, sich an düsem objektiven Studium zu beteiligen. Erst zu Beginn des Krieges ist der A. I. G. B. ein rein jüd'scher Verein geworden. Auf dieser Grundlage aufgebaut, gelang es dem Verein, eine stattliche Zahl jüdischer Studenten zu sammeln. Pflege der jüdischen Geschichte und Literatur, Abwehr des Antisem'tismus, Stellungnahme zu allen Fragen des jüdischen Lebens auf Grund vorurteilslosen eingehenden Studiums aller in Betracht kommenden Faktoren, Erziehung Zum selbstbewußten Judentum ist Zweck und Ziel des A. I. G. V. Männer, wie David Cassel, He'nrich G r a e tz, Moritz L a z a r u s, Gustav K a r p e l e s , Martin P h i l i P p s o n , Hermann C o h e n mtd viele andere hervorragende Gelehrte, haben als Ehrenmitglieder ihre Tatkraft in den Dienst des Vereins gestellt. Als d'e Revolution auch den Frauen in der Studentenschaft größere Rechte brachte, traten auch zahlreiche jüdische Studentinnen ettt, die sich zu einer Frauengruppe zusammengeschlossen haben. Seinen Grundsätzen getreu, hat der A. I. G. V. nahezu vier Jahrzehnte d'e strengste Unparteilichkeit in allen jüdischen Fragen bewahrt. Er weiß, daß ein Ausgleich zwischen den Anschattungen innerhalb der jüdischen Studentenschaft unmöglich ist. Er will bei allen Fragen, d'e ein taktisches Zusammengehen aller jüdischen Studenten erfordern, mit den anderen Organisationen eine gemeinsame Phalanx bilden, um die Gefahren abzuwenden, welche die gesantte jüd'sche Studentenschaft bedrohen. Aiiysrn. z. Budapest, im Dezember. Der Redakteur der jüdischen Wochenschrift „Eghenlöseg" Dr. Ludwig Szabolscsi hatte jüngst Gelegenheit, den neuen Ministerpräsidenten Karl Huszär zu interviewen. Der Ministerpräsident erklärte dem Redakteur: „Ich glaube, daß auch das ungarische Judentum das Konzentrationskabinett mit großer Beruhigung begrüßt. Für den gläubigen Juden knüpfen sich ebenso heilige Interessen

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