Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1919)
- Date
- 1919-12-26
- Page
- Seite 4 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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- Kursk 1× ep/1044963
- Odesa 1× ep/1000834
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k an die Konsolidierung wie für welchen christlichen Bürger immer. Ich rechne auf die Einsicht, auf die Weisheit, auf die Mäßigung und den Patriotismus der ungarischen Judenschaft, die wohl ihren ganzen Einfluß darauf wenden wird, daß wir das Land aus der Krise heransreißen können. Es ist ein großer Uebelstand, daß die Menschen sowohl rechts als auch links gleichmäßig verallgemeinern. Ich bin ein gläubiger Christ und bleibe es auch als Ministerpräsident. Dies kann dem anständigere Judentum die beste Gewähr dafür bieten, daß ich gerecht fein werde, denn ich wäre kein Christ, wenn ich es nicht wäre. Ich kann auch vor der Tatsache die Augen nicht verschließen, daß sich unter den Führern des Bolschewismus sehr viele Juden befanden. Diese Juden haben sicherlich nicht nur ihr Vaterland, sondern auch ihrerr alten Glauben verlassen. Ihre schonungslose Brutalität urrd ihre der christlichen Gesellschaft gegenüber bekundete Agressivität haben jetzt eine unangenehme Stimmung bei den Massen aissgelöst. Ich weiß, daß auch Juden vom Bolschewismus gelitten haben, weiß aber auch, daß das Judentum sich in seiner Gesamtheit einer solchen Strömung gegenüber nicht als genügend widerstandsfähig bekundet hat." Redakteur Szabvlcsi bemerkte auf den letzteren Vorwurf. daß keine einzige Klasse oder Schicht des Landes einen solchen Widerstand bekundet habe, der übrigens auch angesichts des fürchterlichen bolschewistischen Terrors eine Unmöglichkeit war. Er fragte dann den Ministerpräsidenten, ob die von gewissenlosen Faktoren gegen die Juden entfachte Agitation sich für die Dauer der bevorstehenden Wahlen nicht noch steigern werde. Ministerpräsident Huszär erwiderte darauf: „Ich bin davon überzeugt, daß der Wahlkampf ruhig verlaufen wird, .und ich werde alles aufbieten, um Aufregungen hin-tanzuhalten, die schädliche Folgen haben könnten. In vstlen Beziehungen hängt es vom Judentum selbst ab, wie beschaffen und wie groß die im Laude wahrnehmbare antisemitische Strömung sein wird. Wenn das Judentum nicht bestrebt sein wird, der freien Entwickelung der christlich-nationalen Politik Hemmnisse in den Weg zu legen, dann wird alles glatt ablaufen. Dies bedeutet nicht, daß nicht auch die Juden ganz frei von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen dürften. Ich denke bloß daran, daß sie nicht mit unerlaubten Mitteln einen Einfluß auf die Wahlen ansüben mögen." Redakteur Szabolcsi erwiderte hierauf, daß das Judentum die Wahlen niemals mit unerlaubten Mitteln beinslußt habe und dies sicherlich auch jetzt nicht tun werde. Wohl aber müsse das Judentum den maßlosen Plakaten- und Broschürenkampf, der gegen uns entfacht wird und uns in unserer Menschenwürde, in unserer staatsbürgerlichen Ehre und in unseren patriotischen Gefühlen aufs tiefste verletzt, als unerlaubtes Mittel, als gegen Gesetz und Ordnung verstoßendes Gravamen betrachten. Von Koh und Fern. Die vom B e r b a n d e d e r d e u t s ch e n Jude n seit Jahren unternommenen Bemühungen um die Bewilligung staatlicher Mittel für die Unterstützung leistungsschwacher Knltusgemeinden haben nunmehr zu einem Erfolge geführt. Auf eine neuerdings vom Verbände mit Bezug hierauf an die Preußische gesetzgebende Landesversammlung gerichtete Eingabe, welche im .Haushaltsausschuß bei der Beratung des Kultusetats von dem Geheimen Justizrat Cassel als Mitglied des Ausschusses warm vertreten wurde, hat dieser beschlossen, der Landesversammlung zu empfehlen, die Eingabe der Regierung zur Berücksichtigung zu überweisen. Dieser Antrag ist mm von der Landesversammlung in der Plenarsitzung vom 12. d. M. mit allen Stimmen gegen die der Unabhängigen Sozialdemokratie angenoinmen worden. — Das deutsche Kriegsministerstnm hat eine Registrierung aller m Deutschland sich befindenden jüdischen Kriegsgefangenen ans Rußland angeordnet, die nach Palästina auszuwandevn wünschen. Eine Zwangsdeportation jüdischer Gefangener nach Rußland soll nicht erfolgen. Sie dürfen vorläufig im Lande bleiben, und die Frage ihrer Befreiung wird später behandelt werden. - Für das Fach der germanischen Philologie habilitierte sich an der hamburMchen Universität Fräulein Dr. phil. Agathe Lasch, wissenschaftlich'? Hilfsarbeiterin am Deutschen' Seminar, mit einer Antrittsvorlesung: „Der Anteil des Plattdeutschen am niederelbischen Geistesleben im 17. Jahrhundert." - Der frühere Kult ns beamte Lewin I tz i g , der 48 Jahre in Rosenberg (Westpreutzen) amtierte, und seine Ehefrau Rosa, geborene Go r s e l a n c z y k, feierten hier am 21. d. M. das Fest der diamantenen Hochzeit. - Auf dem jüdischen Friedhof in Weißen,see fand am 19. d. M. unter großer Beteiligung die Beerdigung des Herrn 4 ——— . ' Jakob Rotholz statt, der das selten hohe Alter von 101 Jahren und 8 Monateni erreicht hat. — Aus Thorn wird uns geschrieben: Herr Caspar Danzig er, im 85. Lebensjahre stehend, begeht am 1. Januar 1920 sein 50jähriges Jubiläum als Vorsteher der hiesigen jüdischen Gemeinde. Trotz seines hohen Alters ist es ihm vergönnt, stets rege an den Sitzungen und Beratungen, wo es sich um das Wohl - der Gemeinde handelt, teilzunehmen. Er ist einer von den wenigen Aelteren der Gemeinde, der den Gemeindeort trotz mannigfaltiger Einflüsse nicht verlassen und stets mit Ehrfurcht und Liebe sein Amt versehen hat. — Zum Rabbiner der Synagogengemeinde Ratibor wurde Dr. Johann Krenzel gewählt. Er ist Mitglied der Prüfungskommission des Liberalen Rabbinerverbandes Deutschlands und arbeitet im Aufträge der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Berlin an einer kritischen Ausgabe der Tosefta. — In der Synagoge zu Burgkundstadt wurde eine Gedenktafel mit den Namen der im Feldzug 1914/18 gefallenen Krieger aus dem hiesigen Rabbinatsdistrikt enthüllt. Nachdem im vollbesetzten geschmückten Gotteshause die Stadtvertretung und der Kriegerverein Aufstellung genommen hatten, hielt der Distriktsrabbinatsvecweser Herr Dr. Salomon (Bayreuth eine zu Herzen gehende Gedächtnisrede. -- Tue Budapester Israelitische Religivnsgemeinde hat den Beschluß gefaßt, ihre beiden Bürgerschulen für Knaben und Mädchen in Gymnasien umzuwandetn. Die Vorarbeiten für diese Umwandlung sind bereits so weit gediehen, daß mit Beginn dieses Schuljahres an den beiden jüdischen Gymnasien die unterste Klasse eröffnet werden konnte. Der bekannte amerikanische Professor Richard G o t t - h e i l wurde von der französischen Regierung in Anerkennung der Verdienste, die er sich während des Krieges um die Sache der Entente erworben hatte, zum Offizier der Ehrenlegion ernannt. Aus Riga wird uns geschrieben: Judenpogromevervollständigen das traurige Bild der heutigen Zustände Rigas. Es herrscht eine ausgesprochene antisemitische Hetzstimmung. Das Börsenviertel, das von vielen Inden bewohnt ist, ist, wie mehrfach zur Bolschewistenzeit, militärisch umstellt worden. Die dort befindlichen Juden wurden verhaftet und all ihr Geld wurde ihnen abgenouunen. Jüdische Kaufläden werden täglich beraubt und die Inhaber oft ermordet. An einem Tage allein sind (bei einer mir einige tausend Köpfe betragenden jüdischen Bevölkerung!) 38 jüdische Beerdigungen sestgestellt worden. Es handelte sich zum größten Teil um Opfer der pogromlustigen Soldateska. — Der Rechtskonsulent der Wilnaer Jüdischen Gemeinde wies auf den Text der den Juden bei Gericht vorgelegten Eidesformel hin, der keineswegs der fe)re des jüdischen Volkes entspreche. Das Präsidium der Jüdischen Gemeinde bevollmächtigte Rabbiner Rubi nst e i n, einen entsprechenden Wortlaut der Eidesformel zu entwerfen. --- Nach einer Depesche des „Temps" ans Odessa sollen die Bolschewisten fast die gesamte jüdische Bevölkerung, der Stadt Kursk, die sie besetzt halten, ermordet haben. Die jüdischen antibolschewistischen Intellektuellen sowie die begüterten Bürgersleute seien vor ein revolutionäres Gericht gestellt und nach -einem kurzen Verhör füsiliert worden. — Das Jüdische Arbeitsbureau in Jerusalem hat im Monate Chefchwan 190 Arbeitern Arbeitsmöglichkeit verschafft. Das Bureau beschränkt sich nicht nur auf Arbeitsvermittlung, sondern gründet auch Unternehmungen, um sie einzelnen Arbeit er gruppen zu übergeben. So fanden im Monate Cheschwan 40 jüdische Steinmetze in einem Unternehmen dieses Arbeitsbureaus Beschäftigung, wo sie pro Tag 30 bis 40 ägyptische Groschen verdienen. — Laut „American Jsraelite" vom 20. November hatte die orthodoxe jüdische Kongregation Amerikas eine Wiederaufbauversammlung für den 29. November bis 2. Dezember in New-Uork einberufen, zu der mindestens 500 Delegierte erwartet wurden. Das Programm steht eine gründliche Organisation der orthodoxen Kräfte und die Entwicklung der Orthodoxie zu einen: starken Faktor des jüdischen Lebens in Amerika vor. — Die jüdischen Schneider Kanadas haben beschlossen, das Einkommen von fünf Arbeitsstunden zugunsten der unter den Pogromen leidenden Juden der Ukraine und anderer ' Länder zu spenden. Die jüdischen Schneider von Montreal waren die ersten, die diesen Beschluß gefaßt hatten und die an dessen Ausführung mit großer Hingeblmg gingen. Interessant ist, daß auch die italienischen nichtjüdischen Schneider beschlossen haben, den Lohn dieser fünf Arbeitsstunden zusammen mit den jüdischen Kollegen den Pogromopfern zu widmen. Verantwortlicher Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastraße 58. Verantwortlich für den Anzeigenteil: Max Junge, Berlin-Friedenau. Druck nnd Verlag von Rudolf Müsse. t