Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1919)
- Date
- 1919-12-26
- Page
- Seite 2 (sequence 16)
- Language
- German
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2 Wir wollen dieses Gemeinschaftsgefühl auch mit denjenigen Juden pflegen, die eine andere Auffassung vom Judentum haben. Es wäre aber unklug, bei der Betonung des Gemeinsamen über die Gegensätze hinwegzusehen, die unzweifelhaft vorhanden sind. Die Gegensätze sind so stark, daß zwischen Zionisten und Nichtzionisten als einzige Verständigungsmöglichkeit nur die A r b e i t s g e m e i n s ch a f t bleibt. Dem Eintritt in diese Arbeitsgemeinschaft muß jedoch bei jedem einzelnen eine klare Stellungnahme zu den jüdischen Problemen vorangehen. Der neutrale Verband wird dieselbe Entwicklung durchwachen müssen wie der Zentralverband deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, auch er wird sich entscheiden müssen. Heute läßt sich eine erfolgreiche jüdische Jugenderziehung ohne klare Stellungnahme zu den jüdischen Gegenwartsproblemen nicht mehr durchführen. Die einzige mögliche Neutralität muß darin bestehen, daß unter Wahrung der vorhandenen Gegensätze der Grundsatz wahrhafter Solidarität gepflegt wird. — Die angeregte Debatte, die sich an die beiden Vorträge anschloß, wurde von Ingenieur Herzfeld, einem Führer der „Kameraden", eröffnet. Stud. .Woy da vom Jüdisch^-liberalen Jugendverein Berlin kritisiert die unentschiedene Stellungnahme des neutralen Jugendverbandes zu den vaterländischen Problemen. Es sei eine Ueberspannung des Neutralikätsbegrisses, wenn die Berliner Ortsgruppe des Verbandes der Arbeitsgemeinschaft der antinationalen Jugendverbände nicht beitreten wolle, weil diese mtf deutschvölkischem Boden stehe. Lehrer Stein (Berlin) glaubt, daß Tendenzvereine nur in größeren Städten, aber nicht in kleinen Gemeinden lebeusberechtigt und lebensfähig sind. In den kleinen Gemeinden ist eine gesunde Jugendbewegung nur möglich, wenn eine Organisation die gesamte jüdische Jugend des Ortes umfaßt, nicht aber, wenn sich eine Anzahl von Zweigvereinen gegenseitig bekämpft. Fräulein Dr. Berliner weist in ihren Schlußausführungen die von dem Vertreter der „Kameraden" gegen den neutralen Jugendverband erhobenen Vorwürfe zurück. Gerade die „Kameraden", die sich religiös-neutral nennen, haben kein Recht, die religiöse linö politische Neutralität des Jugendverbandes anzugreifen. Geheimrat Dr. Fuchs fordert für die Zukunftsarbeit der jüdischen Jugend die feste Stellungnahme des einzelnen und den Zusammenschluß aller Richtungen in einer Arbeitsgemeinschaft. Der neutrale Verband müsse die vaterländische Gesinnung in Zukunft stärker betonen, als es in seinen jetzigen Tendenzparagraphen geschieht. Der Zentralverein und die ihm nahestehenden Jugendvereine können in dieser Beziehung keine Konzessionen machen. Sie führen den Kamps gegen das Nationaljudentum nicht des Deutschtums, sondern des Judentums wegen. Völkisch deutsch bleiben und auf dem Boden jüdisch-religiöser Entwicklung über den Völkern zu stehen, sei die Zukunstsmission der deutschen Juden. T. A. Berlin, 22. Dezember. Am Dienstag, den 16. d. Nt., sprach im „Jüdisch-liberalen Jugendverein Berlin" Herr Tr. Salom v n s t i über „Die Problemstellung des jüdischen Liberalismus". Er erörterte in seinen! Vortrage die Frage der Pvogrammbitdung prinzipiell, ohne auf einzelne Fragen genauer einzugehen. Seine Forderungen liefen auf drei Thesen hinaus. Tie erste entstammt der Denksphäre. Unsere religiöse Ueberzeugung soll auch der schärfsten Kritik standhalten: sie muß mit unserer Vernunft voll übereinstimmen. Daher lautet die erste Programmforderung: „Ter jüdische Liberalismus muß ein Judentum vertreten, dem wir mit Ueberzeugung angehören." Tie zweite Forderung will unseren! Gefühl gerecht werden. Alle Gefühle sind subjektiv und momentan: die Formen hingegen, in die das Gefühl sich ergießt, sind bleibend, so auch die Form, die das religiöse Gefühl sich sucht, das ist der Ritus. Als liberale Juden müssen wir aber fordern, daß der Gottesdienst nicht den Gefühlen vergangener Geschlechter, sondern unseren eigenen gemäß ist. Darum lautet die zweite These: „Die Religionsübung muß anziehend sein." Die dritte Forderung schließlich stammt aus der Welt des Wollen«. Sie befaßt sich mit der Frage: Wie habe ich mich mit meinem Wollen zur Außenwelt zu verhalten? Haben wir die Fähigkeit zur Evolution? Herr Tr. Salomonski bejaht dies und fordert deshalb: „Das liberale Judentum muß Anhänger gewinnen." Dem anregenden Vorträge folgte eine bewegte Diskussion, die sich, besonders um die Frage der Propaganda und um die Stellung des Rabbiners in der Gemeinde drehte. LL Posen, im Dezember. Für den verstorbenen stellvertretenden Vorsitzenden der Synagoge 6., Stadtrat Hermann Elkeles, fand kürzlich eine Gedächtnisfeier statt. Nach einleitendem Ehorgesange und Solvvortrage des deutsch komponierten „Herr, was ist der Mensch" durch Oberkantor Lilienthal entrollte Herr Gemeinderabbiner Professor Tr. Bloch ein scharf umgrenztes Lebensbild des Verstorbenen, dessen Pflichtgefühl, Herzensgüte und Friedensliebe vorbildlich waren. Nachdem Oberkantor Lilienthal das Gebet für das Seelenheil des Dahingeschiedenen verrichtet, vollendete Frau Berggruen'-Kristeller durch die klangschön und mit Inbrunst vorgetragene „Litanei" von Schubert die würdige Feier. — In der Versammlung des Vereins junger Kaufleute gedachte der Vorsitzende, Herr Kommerzienrat Hamburger, der jahrzehntelangen segensreichen Wirksamkeit der verstorbenen Vorstandsmitglieder Schleyer und Elkeles für die Interessen des Vereins. An Stelle dieser verstorbenen Herren wurden die Herren Bankdirektor G o l d s ch m i d t und Fabrikbesitzer Siegfried L e s s e r zu Vorstandsmitgliedern gewählt. — Eine Schenkung von 1009 Mark des Sanitätsrats Tr. P e y s e r für die Armen hiesiger Stadt ohne Unterschied der Nationalität und Konfession wurde von der Stadtverordnetenversammlung dankend angenommen. . Zum Vorstandsmitglied der Stadtrat-Jaffä-Stiftung wurde in derselben Sitzung Stadtverordneter O e l s ner gewählt. — Am 31. Januar 1920 wird der Magistrat hier von den Zinsen des Fonds der Cduarid-und-Amalie-Ephraim- Stiftung Unterstützungen gewähren: 1. an zwei Handwerker zu je 100 Mark; an vier Witwen zu je 50 Mark als Beihilfe zur Wohnungsmiete. Diese Unterstützungen werden materiell verarmten, aber ehrbaren Personen der Stadt Posen ohne Unterschied der Nationalität und Konfession gewährt, die bis jetzt keine öffentlichen Unterstützungen bezogen Haben. H. Rogaserr, im Dezember. Hierselbst fand die Wahl der Repräsentanten der Synngogengemeinde statt. Kaufmann A. L e s z y u s k i IH wurde wieder gewählt sowie Glaserineister E. Katz und die Händler M. S t e n s ch e w s k i, H. L e f k o w i tz und. Kaufinann Philipp 9( ufre ch t neu gewählt. Die Wah len fanden unter starker Beteiligung statt. Von 106 Wählen übten 59 ihr Wahlrecht ans. Für die jüdische Volksschule wurden zu Schulvorstehern gewählt die Herrn Julius Nosenthal, Mar Ta nach er, Philipp Link und Benno Gc'rrski: als Schulreprüsentanten die Herren Rabbiner Dr. D ü n n e r , W. Badt, Abraham L e s z y n s k i IH, Louis W a ch s und Hermann R v s e n t h a l; zu Stellvertretern für diesekben die Herren I. Rumelsbnrg, Paul Leszhuski und L. Rn sch-in. £r. Breslau, 19. Dezember. Auch bei ums in Breslau vereinigten sich Juden der verschiedensten Parteirichtnngen zur Veranstaltung einer P a l ä st i n a a u f b a u -Woche, die am Sonntag feierlich eröffnet wurde. Dem religiösen Einweihungsakte folgte zunächst die Eröffnung der jüdischen Kunstausstellung, die in den Räumen des Hauses Ecke Karlstraße und Schweidn tzer Straße einen Ueberblick bietet über die großen Leistungen jüdischer Meister auf dem Gebiete der Kunst und des Kunstgewerbes. Sie ist, wie sowohl Assessor Dr. Markus und Rechtsainvalt L i p p m a n n in chren Begrüßungsansprachen als auch Professor L a n d s b e r g e r in seiner feindurchdachten Eröffnungsrede hervorhoben, nur ein leiser Anfang, ein Versuch, der auf Vollendung noch keinen Anspruch machen kann, zugleich aber eine Verheißung, daß der Tag kommen wird, da es nicht nur jüdische Künstler, sondern auch jüdische Kunst geben wird, als echten Ausdruck der innersten Seele des jüdischen Volkes, und dieser Tag wird Freude bedeuten, n'cht nur den Inden, sondern allen Menschen, die das Schöne in seiner bunten Vielseitigkeit lieben und darin eine Vermehrung der Kultur erblicken. Die Ausstellung, die viel Sehenswertes bietet, bleibt die ganze Woche hindurch geöffnet: sie fügt sich in eine Reihe von Veranstaltungen, deren Auftakt die große Versammlung bildete, die am Abend im dicht gefüllten Börsensaal unter Leitung des Assessors Dr. Markus stattfand. Eingeteitet durch Gesang des Oberkantors Cerini, erbrachte sie in den Begrüßungsansprachen der Vertreter zahlreicher jüd'scher Vereine den Beweis, daß der große Gedanke des Wiederaufbaus des Heiligen Landes in der Tat alle — ob Zionisten oder nicht, ob gesetzestreu oder freigesinnt — auf dergleichen Grundlage geeint hat, und dieser Gedanke fand seine Verherrlichung in den schönen Worten des Hauptredners dcs Abends. Professor Dr. Heinrich Löwe (Perlin) wußte in tief ergreifender Weise die Leiden der Ostjuden und ihre Sehnsucht nach dem Lande der Freiheit und Gerechtigkeit zu schildern, das einst das Erbe ihrer Väter war und das jetzt von neuem ihr Besitz werden soll. In