Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1919)
- Date
- 1919-12-26
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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SS. Zakrgsng. Nr. 52 Berlin, 26 Dezember 1919 Beilage zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums. ■ fiorrrfpontirn?rn und Kachrichtrn. üDriitfrfriantL Berlin, 22. Dezember. Es ist erfreulich, feststellen zu können, daß auch, christliche Frauen die durch den Antisemitismus Deutschland zugefügte Schmach erkennen und öffentlich Stellung gegen sein hetzerisches Treiben nehmen. Das bekunden folgende Ausführungen, die die Korrespondenz „Deutsche Frauen in schwerer Zeit" in ihrer Nummer vom 12. d. M. unter dev Ueberschrift „Der Antisemitismus" veröffentlicht: Ter Zusammenbruch des Vaterlandes hätte, so sollte man annehmen, zn einer Zusammenfassung aller Kräfte, die gewillt sind, am Wiederaufbau mitzuarbeiten, und dadurch zu einer Milderung der inneren Gegensätze führen sollen. Le.'der ist das nicht der Fall. Wir erleben im Gegenteil einen inneren Krieg von einer unerhörten Heftigkeit. Eine der häßlichsten Erscheinungen auf diesem Gebiete ist die antisemitische Hetzwelle, die Deutschland zurzeit durchtobt. Nicht den Juden zub'ebe, sondern um ihrer eigenen Würde und um der Gerechtigkeit willen sollten sich die Frauen von diesem gehässigen Treiben fernhalten. Sind denn, die Juden keine deutschen Volksgenossen? Es sei einmal darauf hingewiesen, daß im Jahre 321 n. Ehr. die erste jüdische Gemeinde in Köln a. Rh. bestätigt wurde. Seit dieser Zeit also 'wohnen Juden auf deutschem Boden. Sie haben te'lgenommen an allen Zweigen unserer Kultur. Namen wie Moses Mendelssohn, Nahel Varnhagen, Heinrich Heine, Stahl, Marx, Lassalle, Ballin, Liebermann, Ehrlich, Haber beweisen ihren Anteil an allen Zweigen unseres Geistes- und Wirtschaftslebens. Gew'ß besteht zwischen Juden und Christen nicht nur ein Unterschied des Glaubens, sondern ein vielleicht stärkerer der Rasse. Aber begründet die Rasse ein Volkstum? Haben nicht in diesem Kriege Völker, die rassemäßig auf das engste verwandt sind, in einem Kampf aus Leben und Tod miteinander gestanden? Es gibt eine arische, ein? germanische, aber es gibt keine deutsche Rasse! Deutschtum ist begründet in gemeinsamer Geschichte, Sprache und Kultur und vor allen Dingen im gemeinsamen nationalen Wollen, Die, überwiegende Mehrzahl der deutschen Juden fühlt sich als Deutsche. Es erscheint uns verbrecherisch, sie zurückzustoßen. Aber, so heißt es weiter, die Inden denken nicht national, sie denken international! Wer wird bei diesem Vorwurf nicht an die Zeit erinnert, da die Arbeiter die „vaterlandslosen Gesellen" hießen, weil sie sich im Kampf um ihre soziale Befreiung mit den Klassengenossen anderer Länder solidarisch fühlten? Lieben sie darum ihre He'mat weniger, nahmen sie weniger Anteil an dem Leben ihres Volkes? Dasselbe gilt für die Juden. Es ist die Gemeinschaft des Leidens, die sie mit den Juden anderer Länder, besonders denen des Ostens, die in unerhörter Bedrückung leben, verbindet. Aber sie sollen uns n'cht beherrschen! Ja, ist es denn denkbar, daß eine Minderheit, die noch nicht ein Prozent der Gesamtbevölkcrung ausmacht, die Gesamtheit beherrscht? Von einem wlchen Eingeständnis der Schwäche und der eigenen Unzulänalichkeit sollten sich doch zum mindesten alle demokratisch Gesinnten fernhnlten. Gewiß', die Revolution hat auch e'ne Reihe von jüdischen Kräften in die Höhe gebracht. Demgegenüber aber darf nicht vergessen werden, daß der frühere Staat die Juden grundsätzlich vom Anteil an Regierung und Verwaltung ausschloß. Juden, die sich für den öffentlichen Dienst geeignet fühlten, wurden dadurch systematisch zur Opposition gedrängt. Soll der Volksstaat, dessen oberstes Gesetz die Auswahl seiner Beamten lediglich nach ihrer persönlichen Tüchtigkeit sein muß, diese Männer jetzt wieder Zu-rncksto-ßen? Ve-n besonderer Gehässigkeit aber zeugen die Vorwürfe, daß die Juden die Drückeberger, die Kriegs- und RevD l u tio nsgewi n n er u n d d ie Schie be v sei e n. Meh r a ls,100 000 den ts-che Juden — bei einer Gesamtzahl von 500 000 Juden in Deutschland — Haben unter den . Waffen gestanden, 17 000 jüdische Soldaten das Eiserne Kreuz 2. Klasse, 900 das Eiserne Kreuz 1. Klasse erworben. Da es vor dem Kriege keine jüdischen Offiziere gab, konnten diese Auszeichnungen nur im unmittelbaren Kampf vor dem Fe'nde erworben werden. Verdient haben im Kriege alle Kreise, die an der Herstellung und dem Verkauf von Heeresgut und von Artikeln des täglichen Bedarfes beteiligt waren. Die Kriegsgewinnler tragen nicht einmal die Verantwortung für die erzielten hohen Preise, sondern die Verantwortung tragen zunächst diejenigen Stellen, die solche Preise festgesetzt haben. Der unrechtmäßige Handel aber, das Schiebertum und die Korruption sind an keine Abstammung gebunden. Dieses schwere Gift im deutschen Volkskörper kann nicht dadurch ausgeschieden werden, daß man alle Schuld auf e'ne kleine Schicht abwälzt, sondern nur dadurch, daß alle anständigen Menschen, seien es Juden oder Christen, im Kampf gegen diese Krankheitserscheinungen zusammenstehen. ££§ Berlin, 22. Dezember. Der Jüdische Frauenbund schreibt. uns: Mit den Liebesgaben, welche seit mehr als Jahresfrist für die armen deutschen Kinder und Mütter von der „Gesellschaft der Freunde" und deren Helfern aus England hierhergesandt werden, hat die. Verteilungsstelle, die Deutsche Wohlfahrtsstelle, auch uns bedacht. Unser Mädchenerziehungsheim in Neu-Isenburg bei Frankfurt a. M. hat vor kurzer Zeit eine Sendung erhalten, welche für die unter den Zeitverhältnissen schwer kämpfende Anstalt eine große Unterstützung bedeutet. Auch einigen der uns an geschlossenen oder durch ihre Tendenz uns nahe stehenden Vereinen und Instituten konnten Lebensmittel, Seife, Medikamente und Stoffe zugewiesen werden. So konnte die furchtbare Not, unter der unsere bedürftigen Glaubensgenossen leiden, etwas gelindert werden. Diese Beihilfe ist um so bedeutungsvoller, als durch die Flüchtlinge ans dein Osten jene Zahl beständig im Wachsen begriffen i]t. Den Freunden in England sei an dieser Stelle für ihr edles, wahrhaft menschliches Hilfswerk herzlich gedankt und dabei auch der Wohlfah ctsstelle für ihre freundliche Vermittlung ganz besonders gedacht. E. M. Berlin, 22. Dezember. D i e Arbeitsgemeinschaft jüdischer Jugendorganisationen Groß-Berlins, in der sich diejenigen jüdischen Jugendvereine zusammengeschlossen haben, welche das Nationaljudentum entschieden ablehnen, hielt am 11. d. M. im ,,Rheingold"-Haus eine Versammlung, ab,, die zum Begriff der Neutralität, in den jüdischen Jugendorganisationen Stellung nahm. Fräulein Dr. Berliner vom Verband der neutralen Jugendbereine Deutschlands erläuterte den Neutralitätsbegriff ihrer Organisation. Die jüdischen Jugendvereine sollen als Erziehungsorganisationen die jungen Juden zu harmonisch entwickelten Persönlichkeiten ausbilden und ihren Mitgliedern eine gründliche jüdische Erziehung und allgemeine wissenschaftliche Ausbildung vermitteln. Die Einzelvereine wollen ihre Mitglieder mit den großen Problemen bekanntmachen, welche heute die Judenheit bewegen, damit sie in den jugendlichen Persönlichkeiten ausreifen können. Die Neutralität soll nicht Endziel, sondern nur Erziehungsmittel sein. Die neutralen Verbände wollen unter Wahrung ehrlicher Neutralität eine doppelte Erziehungisaufgabe erfüllen. In pädagogischer Beziehung, indem sie eine Jugend heranziehen, die in ihrem späteren Leben eine unbeeinflußte, klare Anschauung besitzt und betätigen kann. Die soziale Aufgabe der Vereine gipfelt in der Erziehung zu wahrem Gemeinschaftsgefühl. Die Jugend muh lernen, auch die Gesinnung des Andersdenkenden zu achten, und den Willen bekunden, auch mit dem Gegner eine Gemeinschaft zu bilden. Nur mittels persönlicher Beziehungen können sich die Gegner menschlich näherkommen und ein umfassendes jüdisches Gemeinschaftsgefühl gewinnen. Diesen gemeinsamen Boden wollen die im Verbände der jüdischen Jugendvereine Deutschlands vereinigten Jngendverbände mit neutraler Tendenz bieten. - Geheimer Justizrat Dr. Eugen Fuchs, der Vorsitzende des Zentralvereins, vertrat den entgegengesetzten Standpunkt. Er erkannte den ideellen Wert des Neutralitütsbegriffes an, bezweifelte jedoch seine praktische Durchführbarkeit. Es ist ein trauriges Fatum der in Deutschland wohnenden Westjuden, daß sie immer noch die Synthese zwischen Glauben und Heimat suchen müssen. Wir wurzeln im deutschen Boden und sehen unsere geistige und körperliche Heimat hier. Das jüdische Nationalgefühl, das einen Teil unserer jüdischen Jugend beseelt, müßte uns deshalb erst künstlich anerzogen werden. Wir fühlen und empfinden deutschvölkisch, daneben beseelt uns in gleicher Stärke das Gefühl für unsere jüdische Eigenart. Dieses jüdische Empfinden ist bei uns deutschen Inden im Gegensatz zu den Ostjuden nicht völkischer Art; es beruht ans einem durch gemeinsame Abstammung und gemeinsame Leiden erworbenen Gemeinschaftsgefühl.