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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-26 · Heft 52 (26.12.1919) · p. Seite 600

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 52 (26.12.1919)
Date
1919-12-26
Page
Seite 600 (sequence 14)
Language
German
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Schicksal. Eine Erzählung aus der neuert Zeit von Julius Klo in. Berlin 1918. Druck und Verlag von Wilhelm Hartmann, Michaelkirchstraße 20. Lprrchlaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! Im Anschluß an Ihre Notiz in Nr. 50 der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" vom 12. Dezember 1919, S. 566, dürfte weitere Kreise interessieren, was ich in Nr. 2, Jahrg. 1 der von Dr. Rahmer und Dr. Kroner herausgegebenen „Israelitischen Schulzeitung" lFebruar 1 8 8 über Rücke rts Gedichte usw. geschrieben habe. Hochachtungsvoll Magdeburg, den 14. Dezember 1919. Dr. M. Spanier. „Von einer Berliner Zeitung wird den Bearbeitern des Berliner Lesebuches für Schulen von Otto Schulz der Borwurf der Berballhornifierung eines Chamissoschen Gedichtes gemacht. Das einer Legion von Lesebüchern einverleibte Gedicht: „Die Sonne bringte es an den Tag" - entstanden 1827 — hat bekanntlich folgenden Vers: „Da kam mir just ein Jud' in die Quer usw." Die Bearbeiter obigen Lesebuches, wie auch Herausgeber vieler anderen Leserbücher, haben in sittlicher Notwendigkeit zu handeln geglaubt, statt „ein J::d", „ein Mann" zu setzen, was ja allerdings ben Rhythmus nicht verändert, wohl aber die Assonanz und Alliteration, deretwegen wahrscheinlich der Dichter das Wort „Jud" gewählt hat. Vom objektiven Standpunkte aus läßt sich die Frage aufwersen, ob es überhaupt berechtigt ist, die vorn Dichter gebrauchten Ausdrücke, wie den erwähnten, durch unser Gefühl angenehmer berührende zu ersetzen. Meiner Ansicht nach gehören solche Gedichte und andere Produktionen, die irgendwie nachteilige Folgen in dem sittlichen Entivicklungsgange des Kindes zu bewirken imstande sind, in kein Lesebuch für Schulen. (Es ist sehr zu bedauern, daß Rückert in feinem zartstnnigen, sonst so duftreichen „Vom Bäumlein, das andere Blätter hat gewollt" dem Juden eine so häßliche Rolle zugeteilt, die in ihrer scharfen Zuspitzung der ganzen Anlage des Gedichtes widerspricht.) In dem Chamissoschen Gedichte jedoch hat der beregte Vers durchaus keinen verbissenen Charakter; durch die Behandlung von seiten eines human gesinnten Lehrers kann er sogar die „von Vorurteilen freie Liebe" im Kinde erwecken und befestigen. Eine andere Frage ist die: Wie konnten solche edle Dichternaturen erwähnte Schroffheiten in ihren poetischen Ergüssen zum Ausdruck bringen? Es lag dies in der damaligen Zeitrichtung. Tie sich breitmachende Deutschtümelei mit ihren Wortführern Schlegel, Brentano, Schleiermacher und anderen glaubte, als zur schöngeistigen Atmosphäre gehörend, judenseindliche Ausdrücke gebrauchen zu müssen, und sie fühlte sich ja eins mit der großen Masse. Die christelnde Koketterie „unserer" Helden und Heldinnen in den bekannten „jüdischen" Salons hals tapfer mit." M. Sp. * Alles schon dagewcscn. „Die Woche" der vorletzten Nummer der „Allgemeinen Zeitung des Judentums bringt einen Auszug aus der Rede, welche der Ministerialdirektor Kestner neulich in der Preußischen Landesverfamrnlung gehalten hat und in welcher er mit einer gewissen Entrüstung es zurückwies, daß der Minister eine Aenderung des bekannten Rückertschen Gedichtes „Vom Bäumelein, das andere Blätter hat gewollt" verfügt haben soll, insofern, als an Stelle des „da ging der Jude durch den Wald" für den Schulgebrauch gesetzt werden soll: „da ging der Ränder durch den Wald". Bedauerlich ist es, daß die Versammlung dem Redner hierüber mit „lang andauernder, schallender Heiterkeit" und mit Beifall quittierte. Es ist dies ein sehr trauriges Zeichen der Zeit. S e h r treffen d i st die S chl u ß b e in e r k n n g de r Redaktion, der ich voll und ganz zustimme. Als ich zu Ende gelesen, mußte ich aber mit Ben Akiba sagen: „Alles schon dagewesen", aber leider vergeblich. Ich entnahm meiner Sammelntappe ein vergilbtes Zeitungsblatt, „Volks- Zeitung" Nr. 178, Erstes Blatt, vom 1. August 1893, welche auf der dritten Seite unter „Kundgebungen aus dem Publikum" folgendes „Eingesandt" von mir enthält: „Berlin, 80. Juli 1893. Verehrliche Redaktion! Wie schon so oft, haben Sie mit dem heutigen Leitartikel „Schtlle und Antisemitismus" wieder recht den Nagel mif den Kopf getroffen, was mich als alten, treuen Abonnenten Ihres Blattes recht sehr erfreut hat. Ich erlaube mir, besonders mtif die Stelle zurückzu kommen, wo es heißt. „Noch ein Unterrichtsgegenstand darf nicht vergessen werden; es ist das! Deutsche, speziell der Lesestoff." Als im Jahre 1884 mein ältester Knabe zur Schule (Vorschule eines Realgymnasiums) kam, benutzte er die Handfibel von Otto Schulz, Ausgabe C, bearbeitet von H. Bohm. Auf S. 43 dieser Fibel steht das bekannte Gedicht vom Bäumtein, das andere Blätter hat gewollt. In der vierten Strophe dieses Gedichtes heißt es wörtlich: „Aber wie es Abend ward. Ging der Jude durch den Wald Mit großem Sack und langem Bart: Der sieht die goldenen Blätter bald, Er steckt sie ein, geht eilends fort Und läßt das leere Bäumlein dort." Schon damalserregte 'diest Strophe — enthalten i-n dem Buche, welches dem Kinde, das die ersten Leseversuche macht, in die Hand gegeben wird — mir Aergernis. Durch Ihren Artikel ist die Sache wieder inmeinem Gedächtnisa-n-sgefrischt worden.! Wenn auch in dem Gedicht Zuvörderst die Folgen der Unbescheidenheit gekennzeichnet werden sollen, so muß es doch auch in dem weichen Kindergemüt einen unauslöschlichen Eindruck zurücklassen, indem ihm der- „Jude" -als das Prototyp der Habgier vorgeführt wird, und das Kind, in welchem sich der Verstand schnell zu regen beginnt, wird gegen seine jüdischen Mitschüler zunächst zurückhaltend, um sichspäter von ihnen mit Abscheu wegzuwenden. Als mein jüngster Knabe im Jahre 1891 in dieselbe Schule kam, die mein ältester Sohn besuchte, war dort an die Stelle der Schulzeschen Fibel die von A. Wichmann und A. Lampe getreten. Im zweiten Teil derselben, S. 21, fand ich dasselbe Gedicht abgedruckt, und zwar zu meinem Erstaunen sogar das Wort „Jude" in der betressenden Strophe durch fetten Druck-hervorgehoben. Ich habe beide Ausgaben zur Hand- und glaube ich, daß es angebracht wäre, die Schulbehörde -aufdas Unpassende eines derartigen Lesestoffes für die zarte Jugend hinzuweisen. Wenn die Jugend eine folche Lektüre offiziell in die Hand bekommt, braucht man sich da über das mächtige Anwachsen des Antisemitismus zu wundern, braucht man sich da zu wundern, wenn es die he rangewachsene Jugend oder gar erst die „reifen" Männer so herrlich weit bringen? Es soll mich freuen, wenn Sie von meinen Zeilen in Ihrem geschätzten Blatte Gebrauch -machen würden; vielleicht wird dann Abhilfe .geschaffen werden. Ich empfehle mich -und zeichne Hochachtungsvoll ganz ergebenst N. C. Leider hat sich meine Hoffnung, die ich vor mehr als 26 Jahren hegte, noch immer nicht erfüllt, und daher bedrücken mich die Aeußerungen des Herrn Ministerialdirektor Kestner und das Verhalten der Landes-versammlung bei diesem Anlaß doppelt schwer. Damals ist über meine vorstehende kurze Veröffentlichung viel gesprochen worden, die auch in den „Mitteilungen des Vereins zur Abwehr; des Antisemitismus" zum Abdruck gelangte. Jetzt, wo die Wellen;i>eä Antisemitismus uns zu überfluten drohen, sollte man es dennoch aufs neue versuchen, zumal die- Sache durch di-e Kestnersche Rede wieder aktuell geworden ist. Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens sowohl wie der Verein zur Abwehr des Antisemitismus sollten sich der Angelegenheit energisch annehmen. Würde damit -auch nicht der Antisemitismus aus der Welt geschafft, so würde eine Abhilfe einen nicht zu unterschätzenden Erfolg bedeuten. Will man das Gedicht -aus pädagogischen Gründen in der Fibel nicht missen, so muß eben di-l Aenderung der Berszeil-e durchgefetzt werden. An>s Kosten 'der falsch angebrachten Pietät für den Dichter darf es nicht geschehen, daß der „Antisemitismus in der Schute" durch das Rückertsche Ge dicht w e i t -e r g e n ä h r t w e r d e. Bureauvorsteher Nathan Cohn. C h a r l o t t-e n b n r g, 19. Dezember 1919.

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