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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1919-12-26 · Heft 52 (26.12.1919) · p. Seite 598

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
83 (1919)
Issue
Heft 52 (26.12.1919)
Date
1919-12-26
Page
Seite 598 (sequence 12)
Language
German
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-- m folgender Episode schließen: Als Ludwig Bamberger damals in'Mainz von Freischärlern ein Fackelzug gebracht wurde, soll seine Mutter zu ihm gesagt haben: „Ludwig sehe dir deine Chawruse morgen am Tag einmal an!" iBmjämins Liebeslied. (25. Forts.) Roman von S a m u e l At e i s e l s. enjamin las die Artikel in voller Seelenruhe, Doktor Riegler las sie mit stetig wachsender freudiger Erregung. - ' „Da sehen Sie," sagte er, nachdem er das Berliner Blatt aus der Hand gelegt hatte, „da sehen Sie, wie recht ich habe, daß ich die Notwendigkeit des Krieges außer allen Zweifel petzte. Da haben Sie wieder -einmal einen Beweis dafür. Es war notwendig, daß wir aufhören, das Veilchen im Verborgenen zu sein." „Sie konstruieren eine neue Notwendigkeit des Krieges." „Ja, das tue ich. Ich sage, es war notwendig, daß wir endlich einmal in das Licht des Tages geführt werden. Der Krieg Halls getan. Ohne den Krieg wäre es nie rind nimmer geschehen." „Wie meinen Sie das?" „Vergessen Sie nicht, mein Lieber, daß unser engeres Heimatland lange dgtz ^oll-mo-taugSre-Lündle für alle Welt war. Niemand da draußen kannte es, niemand war begierig, es kennenzulernen. Jetzt kündet der Kanonendonner des Krieges seinen Namen aller Welt. Unser Land umgibt sich mit historischem Glanz. Allerorts ist man jetzt bestrebt, die unaussprechlichen Städtenamen mit den vielen Zischlauten richtig auszusprechen; allenthalben ist man bemüht, die Kenntrutz von Galizien tunlichst zu verbreiten. Früher sagte man „Osten" und „Halbasien" und glaubte die kulturelle, politische und historische Bedeutung Galiziens genügend gekennzeichnet zu haben. Heute aber, von der furchtbar grellen Kriegsfackel beleuchtet, erscheint es in ganz anderem Lichte. Mitten im Weltbrand des Krieges wurde unser Land neuentdeckt, und durch diese Neuentdeckung hat es eine neue Bedeutung, ja, eine Bedeutung überhaupt erlangt." „War es ein Gewinn für unser Land, daß es neuentdeckt wurde?" Fast tonlos warf Benjamin die Frage dazwischen. „Sicher, ganz sicher, mein Freund," sagte Doktor Riegler. „Man weiß es jetzt, wir sind der Grenzschutz der westeuropäischen Kultur. Unser Land ist ein westöstliches Grenzland, das heißt, es schneidet den Westen von dem Osten, und besitzt demgemäß das Gepräge beider Kulturen, der Kultur des Westens wie der des Ostens. Ost und West berühren hier einander, ohne sich zur Einheitlichkeit zu verbinden, und geben dem Lande das Gepräge des Unausgeglichenen, des Zwiespältigen, des Chaotischen. Die Menschen hierzrllande vereinigen in sich die heterogensten Eigenschaften, ohne sie zur Harmonie zu zwingen; es sind weniger Charakterals Temperamentsmenschen, impulsiv, unbeständig und der Widersprüche voll. Diese Menschen sind bald unbiegsam, frostig, rauh wie der Winter auf der Podolischen Hochebene, bald mild und sonnig wie der Frühling in den Waldkarpathen. Je nach der Gunst oder der Ungunst des Augenblickes sind sie gallig oder gutmütig, leichtgläubig oder mißtrauisch, offenherzig oder verschlossen. Sie fallen von einem Extrem in das andere und wandeln für gewöhnlich nicht auf jener Straße, die man als die goldene bezeichnet. Alles ist bei ihnen übertrieben; sie sind entweder maßlos konservativ oder hemmungslos fortgeschritten, sie können freigebig sein bis zur Verschwellung oder ihre Sparsamkeit bis an die Grenze des Geizes treiben, sie können fröhlich sein bis zur Allsgelassenheit und traurig ' bis zum Trübsinn." ' Doktor Riegler redete sich in Hitze hinein und gab schließlich gesprochene Leitartikel zum besten. Er suchte es Benjamin dlarzumachen, wie wenig man vor dem Kriege im Auslande von den politischen Verhältnissen, von den kulturellen Zuständen Galiziens gewußt hatte und wie voreingenommen man gegen Land und Leute gewesen war. „Sehen Sie, mein Lieber", führte er das Gespräch weiter, „das erinnert mich an ein Wort Goethes. Irgendwo, ich glaube im „Werther", sagt Goethe: „Es gibt Menschen, die, wenn der Herbst kommt, nichts weiter sehen, als daß die Blätter fallen!" Das islls. Viele, die zu uns kamen, sahen nur den Bauern, der das Hemd über dem Beinkleid trägt, und den Juden im Kaftan und mit langen Schläsenlocken; außerdem sahen sie nur noch Armut und Elend, Schmutz und Kehricht, Melancholie und Düsterkeit. Ta lag immer ein trüber Himmel über den melancholisch träumenden Städten, in denen die Menschen wie die Schatten einherwandelten. Und überall in den Straßen wirbelte der Schmutz in jeglicher Gestalt und Farbe in wildem Graus umher. Dieses Galizien ist das Galizien der Tradition. Das Galizien der Wirklichkeit hat eine Kehrseite, die das Land in einer günstigeren Verfassung zeigt. Da giblls einen blauschimrnernden Himmel und freundliche Städte und anmutige Dörfer und schattenreiche Wälder und smaragdgrüne Seen und duftende Berge und trällernde Vögel und obendrein arbeitsame, fröhliche Menschen . . . Ja, ja, das giblls bei uns. Wir selbst wußten es nicht, wie sollten es die anderen wissen . .-. Jetzt weiß man es —" „Sie haben recht, Herr Doktor", sagte Benjamin, „Sie haben entschieden recht; jetzt weiß man es, bei uns und im Auslande, besonders in Deutschland; oder man wird es bald wissen, wenn man es noch nicht weiß. Aber alles, alles ist mit der Invasion des Feindes teuer, allzu teuer erkauft." Doktor Rieglerwollte abermals weit ausholen, um darzutun, daß man all den Verheißungen und Erfüllungen, Wohltaten und Segnungen in reicher Fülle, die uns der sturm- * beflügelte Kriegsgott beschert habe, auch schon eine vorübergehende Invasion des Feindes — ein „bißchen Invasion", wie Doktor Riegler sich ausdrückte — mit in Kauf nehmen müßte und daß man, um der Zukunft willen, die vielfachen Opfer, so schmerzlich sie auch sein mögen, nicht weigern dürfe, und daß es töricht sei, über Folgeerscheinungen zu klagen, die als Wirkungen gegebener Ursachen unabänderlich, weil naturnotwendig, seien; — kurz, Doktor Riegler wollte abermals eine seiner Panegyriken über den Krieg loslassen, wie sie Benjamin schon so oft aus seinem Munde gehört hatte. Und wie so oft, machte auch diesmal Doktor Riegler für die Lobrede über den Krieg die notwendigen Vorbereitungen. Zunächst ließ er eine kurze Pause verstreichen, durch die er offenbar seinem Hirn die Zeit zu einer intensiverem Gedankenarbeit gewährte. Dann schob er seinen Stuhl ein wenig näher zu Benjamin heran und schickte sich an, in Ruhe und Gelassenheit seine Gedankengänge über die Naturnotwendigkeit des Krieges und seiner Folgeerscheinungen zu entwickeln. Kaum aber hatte er den Mund geöffnet, als ein höllisches Gekrache ihn erschreckt auffahren ließ. Es war ihm, als flöge er mitsamt dem Kaffeehause in die Luft. Er klammerte sich krampfhaft an den Stuhl und an die Steinplatte des Tisches, um nicht mnzusinken, die Augen traten ihm aus den Höhlen und nahmen die Gestalt von großen schuppigen Zwiebeln an, das Haar stand ihm zu Berge, und von unten herauf lief ein Zittern durch alle seine Glieder. Auch Benjamin war schreckens-

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