Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1919)
- Date
- 1919-12-26
- Page
- Seite 597 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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seine Frau mit folgenden Worten: „Du weißt, daß ich längst entschlossen war, in dieser Weife zu handeln, und daß ich die! Brutalität, die darin liegt, unsere Freiheit und unsere geistigen Kräfte auszunutzen, ohne vorsorglich und human an unsere alten Tage zu denken — ich sage, daß ich diese Brutalität nicht mehr ertragen kann. So oft ich an diesen Punkt denke, empöre ich mich, und zwar nicht das Schlechte in mir, sondern das Gute. Es ist gemein, beständig große Redensarten zu machen, beständig Christentum und Bibelsprüche im Munde zu führen und nie eine gebotene Rücksicht zu üben, die allerdings von Juden und Industriellen, von allen denen, die in unseren biederen Spalten beständig bekämpft werden, oftmals und reichlich geübt wird. Dieser Punkt war für mich der entscheidende." Den klaren, vorurteilsfreien Blick zeigte Fontane stets im Verkehr mit Juden! für seine Schätzung waren ihre persönlichen Eigenschaften der ausschlaggebende Faktor. Mit manchen von ihnen verband Fontane langjährige Freundschaft. So mit dem bekannten Professor Moritz Lazarus in Berlin, dessen Bemühungen Fontane seine Befreiung aus peinvoller französischer Kriegsgefangenschaft im Jahre 1870 verdanken zu haben glaubte. In einem Brief an einen seiner Söhne bekennt Fontane, eine „semitische Deklination" sehr | begreiflich zu finden, empfiehlt aber gleichzeitig als Basis rechten Lebensglückes für des Sohnes Ehe: „Verbleib innerhalb der eigenen Sphäre". Wir Juden können uns mit diesem Bekenntnis sehr wohl absinden. Was wir von dem gebildeten Andersgläubigen verlangen, ist die Anerkennung unseres persönlichen Menschenwertes, das Zugeständnis der ungehinderten Betätigung im Bereich der dem einzelnen Juden verliehenen Begabung. B r e s l a u. Wally Hamburger. Bir Juden in der pramns filirmljrffrn nun 18X6 — 19X6. Bon T. Rot h s ch i l d (Worms 11. Rh.). 3ur Hundertjahrfeier der Zugehörigkeit der Provinz Rheinhessen zum Großherzogtum Hessen ist eine Festschrift erschienen von der Historischen Kommission für das Großherzogtum Hessen, die auch für Juden und Judentum manches Interessante enthält, das hier mitgeteilt werden soll. Napoleon ist bei der Rekrutierung sehr milde verfahren. Nachdem in der Schrift angegeben, welche Personen von der Militär- Pflicht entbunden waren, heißt es im allgemeinen, daß „Studenten der Theologie vom Militärdienste zu befreien seien". H in gegenwurde derAnsPruch des Moritz Mosbach aus Mainz, „se devouant au Service du culte" frei zu werben, zurückgewiesen. Vermutlich handelte es sich hier nicht um einen R a bbin a t sk an d ib ate n — dies e w a ren, da Napoleon die Konfessionen gleichmäßig behandelte, ebenfalls m i l i t ä r f r e i —, sondern um einen zukünftigen Lehrer der jüdischen Religion. Ein Dekret des Kaisers ordnete an, daß für einen militärpflichtigen Juden nur ein Jude einstehen sollte, und ein weiteres Dekret vom 20. Juli 1811 befahl, daß sich alle Juden Familiennamen beilegen sollten. Infolgedessen nannte sich der Joseph Salomon von Gunterblum Joseph Salm. — Bei der Besitzergreifung der Provinz durch das Großherzogtum Hessen, bei welcher in allen Kreisen große Feiern abgehalten wurden, zu der alle Beamten geladen waren und die durch Gottesdienste in den evangelischen und katholischen Kirchen eingeleitet wurden, lesen wir weder von einer Einladung der Personen des israelitischen Kultus noch von einer Feier in den Synagogen. Die von Napoleon geforderte und bestandene Gleichheit der Kulte wurde in Hessen nicht beachtet. Dessenungeachtet ließen sich die Juden nicht abhalten, auch ihrerseits jederzeit ihre Vaterlandsliebe zu bekunden. Als man im Jahre 1817 in Mainz den Geburtstag des Großherzogs im Dome und in der evangelischen Kirche festlich beging, hielten auch die Israeliten einen Festgottesdienst ab, wobei der 18. Psalm gesungen wurde. Durch die Mißernte des Jahres 1816/17 trat in Rheinhessen eine schreckliche Not ein; Absperrmaßregeln wurden getroffen, die Preise gingen entsetzlich in die Höhe! Schleichhandel und Schmuggel blühten. Es werden die Orte genannt, wo diese blühten, und die Personen, die denselben betrieben; es war aber kein einziger Jude daran beteiligt. Das Elend in Mainz war so groß, daß ein Württemberger, der mit seiner Familie nach Amerika auswanderte, aus der Rheinbrücke zu Mainzer Bürgern sagte: „Beneidenswert seid ihr' Mainzer nicht, wir wollen für euch einstweilen Quartier in Neu-Mainz bestellen." Gerühmt .wird wegen seiner Wohltätigkeit der katholische Pfarrer Kulmmünch aus Nieder-Saulheim, der am 1. Juli 1817 verstorben ist. Er hatte Saatkorn ohne Schuldschein und ohne Verzinsung hergegeben und in seinem Testamente für 150 christliche und 4 jüdische Familien Geld und Brot bestimmt. In R he mH essen spielte damals ein äußerst intelligenter Landwirt namens I s a k M aus eine große Rolle. Bei der Verlobung seiner Tochter, die auffallenderweise Sara hieß, gibt er eine Schilderung, wie Heiraten vor hundert Jahren im Gebiete der alten Kurpfalz zustande kamen. „Sie kamen selten dadurch zustande, daß die jungen Leute sich kennenlernteu und Neigung zueinander faßten, sondern sie beruhten meist auf einem rein geschäftsmäßigen Vertrage. Es gab Heiratsagenten — meist waren das jüdische Handelsleute —, die die „Freierei machten". Der Antrag wurde an die Eltern des Mädchens gerichtet, oft ehe die jungen Leute einander gesehen hatten. Hierauf zog man Erkundigungen ein, die sich oft bis auf die beiderseitigen Großeltern erstreckten, namentlich interessierten die beiderseitigen Vermügensverhältnifse. Nach langen Verhandlungen Hieß es: „Heute wird es fertig." Diese geschäftsmäßig geschlossenen Ehen waren aber in der Regel glücklich; friedlich lebten die Ehegatten nebeneinander her und erzogen ihre Kinder zu rechtschaffenen Menschen; Ehescheidungen kamen überhaupt nicht vor." Man spricht so oft von Bewucherung der Christen durch die Juden. In dem angeführten Werke werden wir eines anderen belehrt. Da ist die Rede von einem bedeutenden Landwirte namens Valentin Harth. Nach seinem Tode fand man in seinen geschäftlichen Aufzeichnungen das Folgende: „Habe ich dem Natte (soll wohl heißen Nathan) Jud gelt gelent 50 ll den 14. Nov. 1793 gegen Endressen — habe ich dem Jud Leb gelent 200 ll auf ein Jar zu bezalen gegen Endressen das 100 zu 7 ll 30, die 200 zusammen 15 fl, Hab ich dem Jud Leb Raffel an barem Gelbe gelent 2. Aug. 1796 112 fl 30." Also nicht die Juden haben geliehen, sondern entliehen und mußten im Jahre 1796 7 % Proz e n t zahlen. Später ist die Rede von der Organisation der Kirchen und Schulen beider Konfessionen! die jüdische kannte man nicht oder wollte sie nicht kennen. Bei Gründung der Schulen schreibt der Verfasser: „Den Israeliten blieb es anheimgestellt, selbst für den Unterricht ihrer Kinder zu sorgen. Bei der geringen Zahl israelitischer Kinder, die es in den einzelnen Gemeinden gab, und bei den großen Kosten, die die Anstellung eines eigenen Lehrers verursachte, blieb die Schulbildung der israelitischen Jugend sehr im argen." Gegen Schluß des Werkes berührt der Verfasser die rheinhessische Bewegung des Jahres 1849 und weist aus die Tätigkeit Ludwig Bambergers hin, die er in „Erlebnisse aus der Pfälzer Erhebung im Mai und Juni 1849" so anschaulich geschildert, hat. Ich möchte diese meine Arbeit mit