Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1919)
- Date
- 1919-12-26
- Page
- Seite 593 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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593 nicht im entfetniesten Veden kann? Es ist ganz schön, den Pöbel aufzupeitschen und zu Hetzen. Man muß nur genau wissen, uw man ihn einha-lten kann. Aus Rumänien wird der „Jüdischen Preßzemrale" (Zürich) berichtet: Die Wahlen zur Konstituante vollzogen sich bei. allgemeiner Indolenz. In Czernowitz wie auch überall wurden die R-egiernngskandidaten iüfo'lge Wahlenthaltung der nationalen Minderheiten und Sozialisten gewählt. Bezeichnend für den Ernst, mit; dem man den Wahlen begegnete, ist, daß in Czernowitz ein ganz unbekanntes Individuum, Z. Voronkas, von seinen Spielsreunden kandidiert wurde und sicher gewählt worden wäre, wenn nicht Plötzlich während der Stimmenzühl-ung „Kurzschluß" eingetreten wäre. Diesem „Oppositionellen" fehlten dann zirka 30 Stimmen. In den Senat zog Jakob Hecht ein, der gegen den Willen der Juden sich für das Mandat „werben ließ". Die Rumänen wollten unbedingt glauben machen^ daß auch die Juden in dieser seltsamsten aller Konstituanten vertreten seien. Tie Oesfentlichk-eit weiß aber, was sie von der ganzen Mache zu halten hat. Das Rumänische Pressebureau verbreitet die Nachricht, daß der Oberste Rat der Alliierten nach langem Verhandeln mit der rumänischen Regierung deren Einwänden gegen den Minderheitsschutz im Friedensvertrag Rechnung getragen und die ganze Behandlung der Judenfrage für jetzt und s p ä t e r d e m guten W i l l >e n der Rumänen überantwortet hat. Die Nachricht ist mit großer Vorsicht aufzunehmen. * Der Pogrom in Kiew. Das Komitee der jüdischen Delegationen in Paris meldet nnterm 6. Dezember: Man berichtet uns aus Konstantinopel, aus vollständig sicherer Quelle , daß ein furchtbarer Pogrom vom 14. bis 18. Oktober in Kiew stattgefunden hat. Die Massaker wurden von der offiziösen antisemitischen Presse provoziert, besonders von -den Zeitungen, die von dem berüchtigten Politiker Schulgin herausgegeben werden. Ausgerührt wurden sie von den Freiwilligen. Die Zahl der Opfer ist noch nicht endgültig fest-- gestellt. Nach verschiedenen Meldungen von Zeitungen und Augenzeugen soll es Tausende von Toten gegeben haben, auf jeden Fall steht schon jetzt fest, daß einige hundert Juden umkamen. Die Zahl der durch Säbelhiebe und Bajonette Umgebrachten ist erschreckend. Die Klasse der jüdischen Intellektuellen ist dezimiert. Jede Welle der Metzeleien daüerte eine halbe Stunde. Dann hallte die Stadt von durchdringendem Geschrei wieder, wie während eines Erdbebens. Die Henker erlaubten den Juden, die Todesart zu wählen und dasjenige Glied zu bezeichnen, das zuerst amputiert werden sollte. Eine große Anzahl Frauen und junger Mädchen, die sich an die Stadtbehörden um Schutz und Hilfe wandten, wurde brutal verjagt. Sie flüchteten in ihre Häuser und stürzten sich aus den Fenstern, um nicht in die Hände der Pogromhelden zu fallen. Der Pogrom in Kiew wird von einer großen Anzahl russischer Zeitungen bestätigt, die der Zensur Denikins unterstehen. Der „Priasowsky Kraj", der in Rostow a. Don, dem Sitz der Zentralregierung Denikins, erscheint, gibt folgende Einzelheiten über den Pogrom: „Die Jüdische Gemeinde von Kiew ist einzig damit beschäftigt, die Hilfe zu organisieren. Die Zahl der Opfer ist so groß, daß es fast unmöglich ist, den ausgehungerten und der Kleidung und des Obdachs beraubten Menschen Hilfe zu bringen. In dem Viertel von Podol allein sind 14 700 jüdische Opfer der Plünderung während des Pogroms registriert, in dem Marktviertel 3000; die Lage all dieser Unglücklichen verschlimmert sich von Tag zu Tag, da der Winter sehr streng ist." Dem „Sowremennoje" zufolge, der der Militärzensur untersteht, haben außerdem in folgenden im Umkreis von Kiew gelegenen Ortschaften Pogrome stattgefunden: Borispol, Grebenka, Smielo, Korsun, Gernranowka, Tfcherkassy, Makarow, Gorodischtsche, Schiblennoje, Korito, Dymer, Stepanzh, Jgnatowka, Tripolie, Rosfowo, Motowiloska. J. P. Z. * A«s Palästina. Der Kampf gegen die Teuerung der Lebensmittel in Palästina wird von fast allen jüdischen Organisationen äußerst energisch geführt. Besonders beschäftigt sich mit dieser Frage der Waad Hair von Jerusalem. Vertreter des Waad Hair und der Palästinakommisston sprachen bei dem militärischen Gouverneur vor und stellten das Verlangen, unverzüglich bedeutende Quanten von Lebensmitteln aus Aegypten nach Palästina zu bringen. Sie erklärten sich bereit, als erste Anzahlung 8000 ägyptische Pfund zu entrichten. Der Gouverneur versprach nach kurzer Beratung, diesem Verlangen nachzukommen. Am selben Tage wurde ein höherer Beamter zwecks Ankaufs der notwendigen Lebensmittel nach Aegypten beordert. Der Waad Hair hat Maßnahmen ergriffen, daß die eingeführten Lebensmittel nicht den Händlern, sondern den Gemeindeverwaltungen zum Verkauf überwiesen werden. Man hofft, auf diese Weise erfolgreich gegen die künstlichen Preistreibereien zu kämpfen. Mit dem Beginn des neuen Schuljahres hat auch die Judenmission ihre Tätigkeit in vollem Umfange begonnen. Zunächst wurde eine Tischlerwerkstatt eröffnet, in der zehn Juden arbeiten, die einen Tagelohn von 4 bis 8 Francs erhalten. Auch Missionsschulen wurden bereits eröffnet, und auch da fehlen jüdische Knaben und Mädchen nicht. Demnächst soll auch das Missionskrankenhalls wieder geöffnet werden. Dr. Wyler, der das Krankenhaus vor dem Kriege leitete, hat seine Tätigkeit wieder ausgenommen und geht auch sehr gern zu Visiten in Privatwohnungen. Außerdem haben aber die Missionare eine Reihe neuer öffentlicher Institutionen eingerichtet, so die englischen Abendkurse, die dreimal wöchentlich abgehalten und deren Teilnehmer mit Geld und Kleidungsstücken beschenkt werden; ferner das Erholungsheim, das in der Nähe des Marktplatzes liegt und jeden Rühebedürftigen zu seinem Besuch einlädt. Den Besuchern werden unentgeltlich Tee, Kuchen und Missionsschriften verabreicht. Besonderes Interesse widmet die Mission dem Unterricht der hebräischen Sprache. Für diesen Zweck ist ein besonderer Lehrer aus Europa bezogen worden; auch ein - lokaler hebräischer Lehrer , hat sich gefunden, was eine Reihe von Juden veranlaßt hat, ihre Kinder in diese Schulen zu schicken. — Der Waad Hair in Jerusalem ist von einigen jüdischen Organisationen ausgefordert worden, die nötigen Gegenmaßregeln gegen das Treiben der Mission zu treffen. * K. Z. B. Algerien. Gin e a uthen ti sche' Geschichte. Der Straßburger „Le Juif" schreibt u. a. nach der Pariser „Victoire": Am 16. September wandte sich in Algier der Ingenieur M. der Landwirtschaftlichen Schule in Montpellier, der den ganzen Krieg als Ar-Merieosfizier mitgemacht hat, an die Kanzlei des Tomänendepartements um Zuteilung von Kolonisationsland. Die Verwaltung wies sein Gesuch zurück, well'Herr M. Jude ist. Das ist keineswegs' eine Traumgeschichte. Unter der dritten Republik hat eine öffentliche Administration, die direkt dem Ministerium des Innern 'Untersteht, sich geweigert, ein von einem französischen Ingenieur, Artillerieoffizier und Teilnehmer am großen Weltkrieg, eingegangenes Gesuchzu registrieren, weil er Jude -ist. Es ist dies durchaus keine -groteske Phantasie des Herrn „Lebu-reau", der nur gemäß einer Verordnung -des Gouverneurs von Algerien vom 13. September 1904 gehandelt hat, die zur Kolonisierung nur Franzosen europäischer Abstammung und naturalisierte Europäer annimmt. Es ist zu hoffen, daß ein patriotischer Minister des Innern, Afrika von dem Schandfleck der Verordnung von 1904 befreien wird. — Die Liga für Menschen- und Bürgerrechte hat. beim französischen Ministerium .des Innern Schritte unternommen, um die antisemitische Administration, die in Algerien herrscht, zu -beseitigen und volle bürgerliche Gleichberechtigung für: die Judenzu. erwirken. hioüisvkn aus IKumänien. Von Elias Nacht (Berlin). U eber die Behandlung unserer Glaubensgenossen in Rumänien ist während und nach dem Kriege sehr viel, ich möchte behaupten, zu viel geschrieben worden. Fast sämtliche Zeitungen wußten spaltenlange Nachrichten über die