Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 83 (1919)
- Issue
- Heft 52 (26.12.1919)
- Date
- 1919-12-26
- Page
- Seite 592 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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592 das Spaeth am 1. Dezember schrieb. Es bezeugt, was dieser deutsche Jude war, den fanatischer Rassenhaß aus dem Leben trieb. Hier ist es: „Als Deutschem von Geburt, Denkart, Gefühl und Erziehung ist es mir in die Seele hinein schmerzlich geworden, zu sehen, welch unheilvolle Entwickelung das geistige Werden meiner Volksgenossen genommen hat und noch weiter nimmt. Ich zweifle daran, in absehbarer Zeit selbst noch Zeuge und Mitwirkender der nationalen Wiedergeburt! sein zu dürfen. Gewissenlosigkeit, Verblendung^ Selbstsucht, Haß und Rache verdunkeln das klare Vorstellungsvermögen meiner Mitbürger und machen es unmöglich, gemeinsam den geraden Weg, der zu neuem Aufblühen der deutschen Nation führt, zu begehen." Unter anderem führt er weiter aus: „Teils die allgemeine traurige Erwägung, daß es einem innerlich anständig denkenden, reinlich empfindenden Menschen unmöglich ist, in Gemeinschaft mit so aller Ehre baren Zeitgenossen die Luft des Tages zu atmen, teils der besondere Fall von Ungerechtigkeit und Ehrabschneiderei, den ein mir bis jetzt eng verbundener Kreis von Menschen konstatiert, zwingt mich, allem Irdischen zu entsagen. Ta es zurzeit für mich keine Möglichkeit gibt, auf dem kavaliermäßigem Wege mit der Waffe in der Hand meine niedergetretene, vor allen freunden bloßgestellte Ehre zu reinigen, da militärischerseits die Ehrengerichte nicht mehr eristieren, akademische Korporationen mir als Juden nicht Waffenschutz geben, kurzweg mir das Recht der Satisfaktion nicht zugebilligt wird, wird jeder anständige Mensch es für begreiflich finden und mich nicht für irrsinnig erklären, wenn ich den einzigen Weg nehme, der mir offen steht. Zum Verbrecher will ich nicht werden, niedriger Rachsucht will ich nicht nachgeben. So bleibt für mich nur das eine: durch meinen Tod anerkannt zu wissen, daß ein Deutscher jüdischer Geburt, der sein ganzes Leben nur den hohen Idealen besten Menschen- und Volkstums nachgestrebt zu haben glaubt, trotz aller seiner Laster und Fehler auch ein Mensch von Ehre und Anstand sein kann. Es ist mein glühendster Wunsch, den ich mit ins Grab nehmen will, daß Deutschland und sein armes, verblendetes Volk eines Tages frei von allen Binden, die ihm jetzt die Sehkraft seiner Augen verhüllen, aufs neue und für immer zu Macht und Blüte gelangen mögen, besser an Art wie die veraangene, unvergänglich an Dauer und Wert. gez. Maximilian Spaeth." Ueber die antisemitische Wühlarbeit in Ungarn, insbesondere in Budapest, berichtet „Dr. Blochs Wochenschrift" in folgendem Artikel: Das antifenutische Heldentum in Budapest ist bereits im Schwung, der Pöbel ist am Marsch. Am 7. d. M. hat eine Versammlung in dein Geist stattgefunden, der jetzt die Budapester Regierung beseelt und von ihr propagiert wird. Das Ergebnis war, daß unter dem Rufe: „Wir brauchen keine jüdischen Zeitungen!" die Maschinen und die Einrichtung des sozialdemokratischen Blattes und die Einrichtung einer anderen Zeitung in vandalischer Weise demoliert wurden. Nachträglich erschienen Polizisten und Militär und machten Ordnung, aber das erinnert stark an die Taktik der zarischen Regierung, welche auch immer zuerst Plünderungen geschehen ließ und dann einschritt. Wie oft und wie lang wird man jedoch den Geist bändigen können, welchen die Negierung durch die schamlosen Hetzreden der Minister hervorruft? Angeblich ist die neue Regierung gekommen, uni dein schwergeprüften Ungarn Ruhe und Ordnung zurückzubringen. In Wirklichkeit aber tut sie etwas ganz Aehnliches wie die Bolschewisten und stürzt sich statt auf die Bourgeoisie auf die armen und wehrlosen Juden. Sie lagt allerdings, sie dulde keine Pogrome, aber das bringt die Geschichte der bösen Schwiegermutter in Erinnerung, welche zu ihrem Sohne täglich und stündlich sagt: „Deine Frau ist dir untreu, aber hau' sie nicht — deine Frau versteht nichts von der Wirtschaft, aber schlage sie nicht!" So predigen die ungarischen Minister: Die Juden sind unser Unglück, aber machet keine Pogrome, die Juden unterjochen die Christen, aber seid nicht gewalttätig! An der Spitze dieser ehrlichen' Politik steht der frühere Ministerpräsident und jetzige Kriegsminister F r i e d r i ch, der eine höchst merkwürdige Rolle spielt. Diesem Königsmacker von beute ist bereits nachgewiesen, daß er an der Politik des jetzt so viel gehaßten Karolyi werktätigen Anteil genommen hat. Seit neuerer Zeit wollen auch die Gerüchte nicht verstummen, daß der Offizier recht gehabt hat, der als Zeuge im Terroristenprozeß Friedrich der moralischen Teilnahme an der Terroristenherrschaft beschuldigte. So schaut der Führer der Leute aus, welche aus Ungarn ein großes Getto machen wollen. Wir haben schon wiederholt darauf hingewiesen, daß Ungarn seine früheren glänzenden Erfolge zum großen Teile den Juden zu verdanken hat und daß wiederum die Juden unter der Bolschewistenherrschaft ebenso zu leiden hatten wie die anderen Bürger, wie unter vielem anderen der Fall des Kanonenfabrikanten Manfred Weiß beweist. Das hindert aber nicht, daß die Opfer des Bolschewismus nun wieder Opfer der zum Pogrom erwachenden Ungarn werden sollen. Auch -der Ackerbauminister Rubinek arbeitet in dieser Richtung. Sein Name scheint darauf hinzuweisen, daß seine Wiege nicht neben der Arpads gestanden hat. Um so mehr spielt er sich auf den wütenden Maaparen und Judenfeind heraus. Er hat in Kecskemet eine Rede gehalten, in welcher er sich gegen die angebliche jüdische Vorherrschaft gewendet hat, und hat als eine Absicht der Negierung angegeben, daß für die geistigen Berufe 'das Kammershstem eingeführt werden solle, d. h. der Numerus clausus, und die Ausschaltung der Juden. Das also ist die große Errungenschaft des neuen christlichen Ungarn, daß die Juden in das Getto zurück müssen und Ungarn in die Reihe 'der Länder tritt, welche den Antisemitismus von Staats wegen betreiben. Das ist der Lohn für die ungarischen Juden, welche das Ungarntum stets mit besonderer Leidenschaftlichkeit betont und' d'ese Nation im In- und Ausland heißblütig und bis zum Ueberdruß vertreten haben. Von welchen Leitmotiven dabei die ungarische Negierung und die ungarische Gesellschaft gegen die Juden bewegt werden, geht aus den Ausführungen eines ungarischen Bischofs hervor, welche von einern Wiener christlichsoziäten Blatt mit Behagen nachgedruckt werden und int wesentlichen folgenden Inhalt haben: „Wir müssen es in alle Welt Hinausrufen, daß Ungarn all das hergelaufene, von dem schon ansässigen Judentum brüderlich protegierte Judentum nicht ertragen kann. Es hat sich wider alles Recht heveingestohlen und muß hinaus. Wir lassen uns dagegen weder von der Humanität noch von der Demokratie etwas vorschreiben. Der Jude ist kein Ungar. Im Weltkriege ist Ungarn halb verblutet, während das Judentum die wenigsten Opfer brachte und sich in jeder Weise durchschwindelte. Geschäfte machte es vor den: Kriege, im Kriege und will sie nach dem Kriege machen. „Wem soll das Land gehören, uns oder ihnen?" Das ist die richtige Fragestellung, auf die es aber nur eine Antwort gibt. Diese Gesinnung ist jetzt in Ungarn allgemein und wird zur führenden Macht. Man mag sie Antisemitismus und Reaktion nennen; ich nenne sie Christentum und Hungarismus. Das ist kein Liberalismus, sondern' eine versklavende Dummheit, wenn man alle Gettos Galiziens und Polens in Ungarn einmünden und all dies blutsaugende Geschmeiß dem harmlosen Volk auf den Leib rücken läßt. Das können vielleicht liberale Volksbeglücker verantworten, nur können so was nicht. Solch ein Liberalismus ist gewiß ein Landesverrat. Von den Schlagwörtern sind nur die Schläge übrig." „Von der Lösung der Bodenreform und der Judenfrage hängt das Los Ungarns ab. Ich wiederhole, nicht Haß, nicht engherzige Intoleranz werfen diese Fragern auf, sondern die harte, unerbittliche Wirklichkeit. Auch ich will dadurch gar kein verdammendes Urteil über unsere gebildeten und gut gesinnten Juden fällen. Unter diesem gibt es sehr ehrenwerte, tüchtige Männer; doch wenn auch die guten und besten Juden in Ueberzahl fein würden, so wäre -das vom Bösen, denn Ungarn hätte ausgehört." Der Mann, der diese unerhörten Worte in einer Zeitschrift schreibt, ist der Stuhlweißenburger Bischof Dr. Ottokar Prochazka, wie man sieht, ein Vollblutungar. Welche Wirkung seine Worte auf die- Geistlichkeit und mittelbar auf -die Bauern machen muffen, kann man sich leicht vorstellen. Der Bisckof weiß, zwar sehr gut, daß die ungarischen Großagrarier und die katholische Partei an der Hetze gegen Serbien und dem Weltkrieg die Schuld haben, daß sich die christlichen Ungarn unerhört bereicherten, während massenhaft ungarische Inden in .Heldengräbern liegen. Aber trotzdem läßt er, entgegen der Wahrheit, seiner christlichen Nächstenliebe gegen die-Juden die Zügel schießen. Waren auch Juden unter der Hofkamarilla und den hohen Militärs, gegen welche jetzt Prinz Ludwig Windischgrätz schwere Anschuldigungen erhebt? Und was sagt der Bischof zu den Stürmen gegen Klöster und Geschäfte in Innsbruck, wo man von jüdischem Einfluß doch auch